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Theatertreffen: Kunst trifft Oberlehrerclique

Das diesjährige Theatertreffen ist vorbei. Die Bestenschau der darstellenden Kunst im deutschsprachigen Raum fällt gemischt aus, das Nebenprogramm versucht sich in der Fortsetzung der Politik mit künstlerischen Mitteln

  • Erik Zielke
  • Lesedauer: 4 Min.
Die traut sich was! Die große Regiehandwerkerin Mateja Koležnik zeigt mit »Kinder der Sonne« in hyperrealistischer Manier einen Klassiker russischen Provenienz …
Die traut sich was! Die große Regiehandwerkerin Mateja Koležnik zeigt mit »Kinder der Sonne« in hyperrealistischer Manier einen Klassiker russischen Provenienz …

Das Berliner Theatertreffen feierte in diesem Jahr seine 60. Ausgabe. »Bemerkenswert!« – um es in der Diktion der Festivalmacher auszudrücken. Das Jubiläum sollte angemessen begangen werden, und so hat man sich etwas einfallen lassen und richtete folgenden Wunsch ans Publikum: »Wenn Sie möchten, können Sie zu diesem Anlass regionale Pflanzen jeder Art mitbringen, die einen besonderen Platz im Haus oder im Garten der Berliner Festspiele bekommen werden.« Und damit ist bereits einiges gesagt: über das nervtötende Neohippietum im Haus der Berliner Festspiele, über moralische Selbstüberhöhung und darüber, dass man hier wohl keinen überzeugenden – oder auch nur präzisen – Begriff davon hat, was Kunst, Politik oder politische Kunst eigentlich sind.

Die zehn von einer unabhängigen Kritikerjury ausgewählten »bemerkenswerten« Theaterinszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum geben, wie gewohnt und wie es auch sein soll, Anlass zur Diskussion. Beim Theatertreffen liegt gewissermaßen die darstellende Kunst selbst auf dem Seziertisch. Heilung ist hier nicht zu erwarten, aber das diagnosefreudige Publikum darf sich selbst seinen Reim machen. Die Symptomatiken sind aussagekräftig und geben beredt Auskunft über den Zustand der zeitgenössischen Theaterszene.

Also – was lässt sich ableiten aus der Zehnerauswahl? Die Zeiten der postdramatischen Dauerverrätselung sind recht offensichtlich vorbei. Mit Maxim Gorkis »Kinder der Sonne« (Schauspielhaus Bochum, Regie: Mateja Koležnik), William Shakespeares »Ein Sommernachtstraum« (Theater Basel, Regie: Antú Romero Nunes) und »Hamlet« aus der Feder desselben Autors (Anhaltisches Theater Dessau, Regie: Philipp Preuss) sind sogar drei veritable Dramenklassiker zu erleben. Die »Nora«-Inszenierung von Felicitas Brucker an den Münchner Kammerspielen hingegen ist eher ein Mash-up zeitgenössischer Dramatikerinnen nach Henrik Ibsen.

Erstaunlich ist außerdem die Hinwendung zur bloßen Unterhaltungskunst, die im Festspielhaus lange verpönt war. Der bereits erwähnte »Sommernachtstraum« überschreitet bereits die Grenze zum Boulevardesken, wenn auch das virtuose Spiel der Darsteller ein besonderes Vergnügen ist. Auch das konstruierte feministische Framing von »Ophelia’s Got Talent« (Volksbühne Berlin, Regie: Florentina Holzinger) kaschiert den Revuecharakter dieser Arbeit nicht. Eher schon ist es der Beweis, dass das mittlerweile gut bekannte Konzept der Selbstdefinition als einzige zulässige Beschreibung einer Person oder einer künstlerischen Arbeit nicht hinreichend sein kann.

…, während man in »Putinprozess« klarstellt, dass russische Kultur immer auch russische Kriegspropaganda sei.
…, während man in »Putinprozess« klarstellt, dass russische Kultur immer auch russische Kriegspropaganda sei.

Die zwei sehr unterschiedlichen Inszenierungen des Schauspielhauses Bochum sind einer gesonderten Erwähnung wert. »Der Bus nach Dachau« ist als Koproduktion mit der freien Amsterdamer Theatergruppe De Warme Winkel entstanden. Es handelt sich dabei um einen Bühnenabend, der nach den Möglichkeiten fragt, an die Shoah zu erinnern. Dass im Anschluss an dieses Gastspiel das Dokumentartheaterstück »Putinprozess« vom Kölner Theater Der Keller gezeigt wird, ist ungeschickt, wenn man die Programmierung des Festivals wohlwollend interpretiert. Ist »Der Bus nach Dachau« eine behutsame Intervention gegen den erneuten nationalen Taumel des »Erinnerungsweltmeisters« Deutschland, darf sich das Publikum in »Putinprozess« wieder auf der richtigen Seite wähnen. Im Feldzug gegen alles Russische beweist dieser Abend ein erstaunlich hohes Maß an schlechtem Geschmack.

Die zweite Bochumer Inszenierung, »Kinder der Sonne«, ist auf mehreren Ebenen ein Widerpart zu derlei unbedacht zusammenkuratiertem Begleitprogramm wie »Putinprozess«: Koležnik macht sehr deutlich, dass ein russischer Klassiker wie Gorkis Stück durchaus noch Erkenntnispotenzial enthält, über das kulturelle Säuberungsfanatiker nicht hinwegtäuschen können.

Doch nicht nur, was sie inszeniert, sondern auch, wie Koležnik es tut, ist eine fast solitäre Leistung im gegenwärtigen Theaterbetrieb. Meisterlich lässt sie die Darsteller in psychologischer Spielweise das Stück, enorm verdichtet und zugespitzt, auf der hyperrealistisch eingerichteten Bühne ablaufen. Von Gorkis Gegenwart des Jahres 1905 verlegt sie die Handlung in ein außerrussisches Jahr 1960, irgendwo zwischen Nachkrieg, Vorkrieg und langem Weg zur Revolution. Der Holzhammermethode, die nur eine Deutung zulässt, entzieht sich die slowenische Regisseurin gekonnt.

Die Veranstaltungsangebote, die die Zehnerauswahl rahmen, lassen Böses erahnen. Kriterien für die Auswahl von Gastspielen und die Einladung zu Podiumsdiskussionen wurden nicht verständlich gemacht. Das Agieren des Leitungsteams wirkt entsprechend selbstherrlich. Es sieht fast so aus, als wäre das Beiprogramm, das sich vorrangig und nie ohne erhobenen Zeigefinger um die Ukraine dreht, der bissige Kommentar zum Zentrum des Theatertreffens: den zehn von der Jury ausgewählten Inszenierungen. Begriffe wie »Vernichtungskrieg«, die hier unwidersprochen als Synonym für den russischen Angriffskrieg fallen, sind Ausdruck des ganz großen Geschichtsrelativismus.

Dass man aber auch keine ästhetischen Fragen zu stellen bereit ist, spricht ebenfalls Bände. Für ein paar Tage blickt die Theaterwelt auf Berlin, und dort tut man so, als würde man mit Podiumsdiskussionen die Welt retten. Der Versuch erweckt aber einen so verzweifelt naiven Charakter, als lüde man dazu ein, »regionale Pflanzen« zum Festspielhaus zu tragen, um so den Klimawandel aufzuhalten. Der vulgärpolitische Ansatz in dieser marktschreierischen Ausgestaltung verkennt, dass der politische Impetus von Theater ein anderer ist. Der widerspricht aber offenbar dem eigenen Anspruch der neuen Festivalleitung, immer alles richtig zu machen. Schade, dass gerade dabei so viel schiefgehen kann.

In der 3Sat-Mediathek sind Fernsehaufzeichnungen von drei zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen, »Kinder der Sonne«, »Die Eingeborenen von Maria Blut« und »Ein Sommernachtstraum«, zu sehen.

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