»Operation Abendsonne«: Warten auf die Akten

Rechte Morde in Hessen: Das Staatstheater Kassel bringt den politischen Umgang mit dem Neonazi-Terror auf die Bühne

  • Erik Zielke
  • Lesedauer: 5 Min.
Verwechslung mit real existierenden Christdemokraten erwünscht? Bernhard Meyn und Holger Fourier wollen durchregieren, Terror hin oder her.
Verwechslung mit real existierenden Christdemokraten erwünscht? Bernhard Meyn und Holger Fourier wollen durchregieren, Terror hin oder her.

Von den Unwägbarkeiten bei Auftragswerken, zumal bei Kompositionsarbeiten, spricht Kornelius Paede, der Chefdramaturg der Staatsoper Kassel, bei einer trotz Hitze gut besuchten Einführungsveranstaltung. Nach einem kräftezehrenden Unterfangen klingt die Probenarbeit, die zur Uraufführung von »Operation Abendsonne« am Sonnabend gekommen ist. Eine Operette sollte hier ursprünglich zu hören sein. Genoël von Lilienstern konnte seine Komposition allerdings nicht rechtzeitig fertigstellen.

Dass trotzdem ein Bühnenabend pünktlich zur Premiere gebracht werden konnte, geht auf Anstrengungen aller Beteiligten zurück. Nein, keine Oper wurde hier gezeigt, sondern »eine dokumentarische Groteske zwischen Musiktheater und Schauspiel«, wie der hinzugefügte Untertitel lautet. Dirk Laucke hat sein Libretto kurzerhand zu einem fast ausgewachsenen Dramentext erweitert. Der musikalische Leiter Kirill Stankow hat mit Unterstützung von Felix Linsmeier Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert ausfindig gemacht, die das szenische Geschehen hörbar zu erweitern imstande sind. Eher kleinlaut ist der Name der Regisseurin Christiane Pohle unter dem Punkt szenische Einrichtung gelistet.

Das Bundesland Hessen im Allgemeinen und die Stadt Kassel im Besonderen spielen eine traurige Rolle in der jüngsten Vergangenheit der Bundesrepublik. Die Hinrichtung von Halit Yozgat durch den behördlich über lange Zeit nicht adäquat zur Kenntnis genommenen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und der Mord an dem Regierungspräsidenten im Regierungsbezirk Kassel, Walter Lübcke, haben sich tief in die Stadtgeschichte eingeschrieben und werfen bis heute unbeantwortete Fragen in der Bevölkerung auf. Nicht nur die brutalen Ereignisse selbst, sondern auch das politische Gebaren zwischen bloßem Aufklärungsunwillen und gezielter Verschleierungsabsicht sind dabei Gegenstand.

Paede stellt die Figuren vor und referiert im Schnelldurchlauf die Ereignisse, die »Operation Abendsonne« zur Grundlage gereichen. »Und demnächst wird in Hessen wieder gewählt!«, ruft er emotional in seinem informativen Vortrag aus. Agitprop am Staatstheater also? Ganz so weit geht es nicht. Aber doch stellt die Inszenierung notwendigerweise die herrschende Politik bloß, die auch dann noch am zynischen business as usual festhält, wenn Nazis wieder lynchen.

Gerahmt ist die Bühnenhandlung durch eine Pressekonferenz 2051, in jenem Jahr also, in dem die willkürliche Sperrung der NSU-Akten aufgehoben wird. Innerhalb dieser reichlich verspäteten Veranstaltung lassen die Sänger und Schauspieler, unterstützt durch das Orchester, das Zeitgeschehen szenisch Revue passieren, nicht ohne Einblick hinter die Kulissen des Politgeschäfts zu ermöglichen.

Eine zentrale Figur, gespielt von Johann Jürgens, heißt Holger Fourier, ist zunächst hessischer Innenminister und bringt es dann sogar bis zum Ministerpräsidenten. Die Namensähnlichkeit zu Volker Bouffier ist nicht zufällig – wie auch die biografischen Parallelen, die markante Zahnpartie und der unverwechselbare Sprechgestus mit einer ausreichenden Portion Testosteron. Ähnlich verhält es sich mit dem von Marius Bistritzky verkörperten Bernhard Meyn, der offenbar nicht Boris Rhein heißen sollte, aber nicht zu leugnende Übereinstimmungen mit dem amtierenden Ministerpräsidenten Hessens aufweist.

Dass man es durchaus ernst meint mit der Kritik an den herrschenden hessischen Verhältnissen, merkt man daran, dass man es nicht bei dem zwar angemessenen, aber auch billig zu habenden CDU-Bashing belässt, sondern auch ein realistisches Bild der grünen Partei zeigt. Aufklärung verfolgt man dort nur, solange sich mittels markiger Wahlkampfsprüche damit hübsch Werbung in eigener Sache machen lässt. Das eigene politische Handeln versieht man dann aber mit weitaus niedrigeren moralischen Ansprüchen, als man sie in die Welt trägt. Kurz gesagt, grüne Politik hilft eifrig mit, Naziterror und die staatlichen Reaktionen am Rande der Gleichgültigkeit zwischen Aktendeckeln zu belassen, statt im Sinne einer wirklichen Aufarbeitung eine Debatte zu ermöglichen.

Das Handlungsgerüst ist so einfach, wie seine reale Grundlage bekannt ist. Der Landesinnenminister befindet sich im Wahlkampf. Aus diesem seinem Lebensmodus lässt er sich auch dann nicht heraustreiben, als ein Führungsoffizier des Verfassungsschutzes Zeuge eines rechtsextremen Mordes wird und gleichsam davon nichts gemerkt haben will. Im Folgenden geht es um Taktiererei, Machtstreben und Machterhalt. Lieber Akten schreddern als eine Wahlschlappe riskieren.

Das Geschehen wird flankiert von Musiken, deren Urheber unter anderem George Gershwin und Krzysztof Penderecki, Mieczysław Weinberg und Igor Strawinsky heißen, ohne dass sich die Passagen aus dem Schauspiel mit denen aus dem Opernfach überzeugend zu einem Ganzen fügen würden.

Es bleibt unklar, wohin der Abend steuert, abgesehen von dem äußerst ehrenwerten Anliegen, Aufmerksamkeit auf ein drängendes Thema zu legen. Es ist allerdings zu unentschieden, das reale politische Versagen in Hessen in parodierender Weise nachzustellen, andererseits die Ereignisse geringfügig zu verfremden, ohne eine wirkliche Trennung von der Wirklichkeit vorzunehmen. Ob die Groteske überhaupt die Form ist, mit der man der sehr schmerzlichen und bis in die Gegenwart wirkenden Vergangenheit in diesem Fall begegnen kann (auch die zunächst angedachte Operette scheint nicht tauglicher), ist zumindest fragwürdig. Nicht dass man sich derartiger Themen nie humorvoll annehmen könnte, aber ein allzu bodenflacher Klamauk verbietet sich eigentlich von selbst.

Zum Ende dieses zweistündigen Theaterabends schlägt das künstlerische Team nochmal einen anderen Weg ein: Die Orchestermusiker verlassen ihre Stühle, zurück bleiben Plakate mit den Namen traurig berühmt gewordener oder kaum bekannter Todesopfer nazistischer Gewalt nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Mezzosopranistin Marta Herman nimmt Platz. Sie verkörpert die Shoah-Überlebende Blanka Zmigrod, die 1992 von dem schwedischen Rechtsterroristen John Ausonius in Frankfurt am Main ermordet wurde. Ein Mord, den man sich erst 16 Jahre später im Zuge eines neu aufgeflammten Interesses in Folge der bekanntgewordenen NSU-Verbrechen aufzuklären bemüßigt fühlte. Mit Alban Berg findet Herman, am Piano von Min Ren begleitet, einen ernsteren Ton, der den neuen Tragödien der Geschichte viel eher gerecht wird. Ganz ohne bemühten Witz.

Nächste Vorstellungen: 11., 15. und 19. Juli
www.staatstheater-kassel.de

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