»Euthanasie«: Erinnerung an den verdrängten Massenmord

Bezirk Oberbayern präsentiert Forschungsergebnisse zum »Euthanasie«-Programm der Nazis

  • Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 5 Min.

Psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung wurden von den deutschen Faschisten als »unwertes Leben« angesehen. Zahlreiche Mediziner unterstützten das aus diesem Denken resultierende Mordprogramm, dass beschönigend »Euthanasie« oder Programm zur »Verhinderung erbkranken Nachwuchses« genannt wurde. Allein in Bayern wurden bis zu 30 000 Menschen in psychiatrischen Einrichtungen und Pflegeheimen für Menschen mit Behinderung ermordet, Tausende weitere zwangssterilisiert. Im gesamten deutschen Reich und in den von den Nazis besetzten Gebieten wurden von 1941 bis 1945 bis zu 300 000 Kranke und vermeintlich Kranke ermordet.

Jetzt hat der bayerische Bezirk Oberbayern ein Buch über die »Euthanasie«-Morde auf seinem Gebiet veröffentlicht. Josef Mederer, Bezirkstagspräsident von Oberbayern, stellte es in München zusammen mit dem Historiker Jörg Skriebeleit vom Zentrum Erinnerungskultur der Universtität Regensburg vor. Die Landesbezirke sind die Rechtsnachfolger in der Trägerschaft der Einrichtungen, in denen die Menschen getötet wurden.

Es ist ein großformatiges und schwergewichtiges Werk. Bisher gibt es ein Buch für die Opfer der »Euthanasie«-Morde in der Landeshauptstadt München. Der Bezirk plant ebenfalls ein spezielles »Opferbuch« für Oberbayern, das in ein paar Jahren erscheinen soll. »Wir wollen den Opfern Gesicht und Namen geben«, sagte Mederer dazu.

Der jetzt vorgelegte Band widmet sich in einer übergreifenden Perspektive der Erinnerung an diese Opfer des Nationalsozialismus, deren »Marginalisierung und Diskriminierung« bis heute anhalte, wie es im Vorwort heißt. Es gab zwei Strafverfahren der Alliierten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und mehrere Prozesse in der Bundesrepublik. Während es 1946 und 1947 weitgehende Verurteilungen und Hinrichtungen gab, kam es seit 1948 häufiger zu kürzeren Haftstrafen beziehungsweise zahlreichen Freisprüchen.

Die späteren Strafverfahren waren geprägt »von langen Ermittlungs- und Verfahrensdauern, die Verjährung von Totschlag verhinderte etliche Verurteilungen«, stellen die Autoren fest. Der Begriff »Euthanasie« – griechisch für »der schöne Tod« – wird in dem Band durchgehend in Anführungszeichen gesetzt, denn der Tod der behinderten Menschen durch Verhungern-Lassen oder in den Gaskammern war alles andere als schön. »Das ist die Tätersprache für ein Verbrechen«, betonte Skriebeleit.

Topografie der Verbrechen

Eine Karte am Anfang des Buches zeigt die Topografie der Morde an psychisch Kranken, Menschen mit Behinderungen und Personen, die für krank erklärt wurden. Schwarze Punkte kennzeichnen die Anstalten in Brandenburg, Bernburg, Hadamar, Grafeneck und Hartheim, in denen die Opfer mit Gas ermordet wurden. Graue Punkte verweisen auf die Orte, wo sie durch Nahrungsentzug, Medikamente und Vernachlässigung umgebracht wurden. Grüne Ringe wiederum zeigen die Verbrechen in »Kinderfachabteilungen« an; auch solche gab es flächendeckend. Bis zu 5000 Kinder sollen dort durch Medikamentengaben umgebracht worden sein.

Ohne Information der Eltern

Vor allem wollen die Autoren konkrete Schicksale aus der Anonymität holen. Zum Beispiel das von Edith Hecht, geboren 1931 in München. Als Kleinkind litt sie an Krämpfen, die teils zur Bewusstlosigkeit führten und mit großen Schmerzen verbunden waren. Im Alter von vier Jahren kam Edith in das Kinderhaus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Ab 1939 begannen die Eltern um Ediths Sicherheit zu fürchten. Sie erreichten die Verlegung ihrer Tochter in die katholische Pflegeanstalt Schönbrunn, wo sie bis Juni 1944 unbehelligt leben konnte. Doch dann wurde sie erneut nach Eglfing-Haar überführt, ohne dass die Eltern informiert wurden. Im Haus 1B in Haar begann man der 13-Jährigen hoch dosierte Beruhigungsmittel zu verabreichen. Der künstliche Dämmerschlaf führte wie beabsichtigt zu einer Lungenentzündung. Edith Hecht starb am 23. Dezember 1944.

Ein anderes Opfer war Josef Schneller, der schon im April 1907 als 28-Jähriger nach Eglfing gebracht worden war, also schon Jahrzehnte in der Anstalt lebte. Ein Arzt hatte ihn als »verwirrt« angesehen. Ein Psychiater schrieb über Schneller, wegen seiner »Reizbarkeit« werde er »fast dauernd im Einzelzimmer im Bett gehalten«. Schneller malte in der Anstalt viel. 17 Bilder von ihm wurden als »Irrenkunst« in der Nazi-Ausstellung »Entartete Kunst« gezeigt. 1943 wurde in Eglfing-Haar die sogenannte Hungerkost eingeführt. Schneller starb am 21. Juli 1943, geschwächt von der Mangelernährung, an Lungentuberkulose.

Einige Kapitel des Buches beschäftigen sich mit einem weitgehend unbekannten Aspekt: den Krankenmorden in den von Deutschland besetzten Gebieten. Besonders betroffen waren Patienten in Heil- und Pflegeanstalten in Polen und der Sowjetunion, deren Bewohner den Nazi-Ideologen ohnehin als »Untermenschen« galten. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 begannen im Rücken der Wehrmacht Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei mit der Ermordung nicht nur der jüdischen Bevölkerung, sondern auch von Patienten. So wurden im Oktober 1941 im ukrainischen Poltawa 599 Insassen der psychiatrischen Klinik erschossen, 130 Überlebende wurden im August 1942 ermordet.

Seit 1988 erinnert ein Denkmal am Ort der Massenerschießung an die Opfer. Soweit heute im postsowjetischen Raum Denkmäler für ermordete Kranke existieren, gehen sie auf örtliche Initiativen von Historikern und Krankenhausmitarbeitern zurück.

Verdrängt. Die Erinnerung an die nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde.
Wallstein, 256 S., geb., 200 Abb., 24,90 €.

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