Christoph Theusner: Komplex und einfach

Spinn dich in das Rauschen ein: Christoph Theusner ist gestorben

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 3 Min.
Progressive Folk: Christoph Theusner: Komplex und einfach

Auf seiner Website liest man als erstes den Satz: »Ich würde mein Leben genauso wieder leben.« Das war bei Christoph Theusner nicht trotzig der Welt entgegengeschleudert, sondern Ausdruck eines tiefen Einverständnisses mit dem Gang der Dinge. Die Kunst dabei: die innere Harmonie zu finden, ihr einen gültigen Ausdruck zu geben. Wer sein unverwechselbares Gitarrenspiel im Ohr hat, weiß, dass dies nichts mit Opportunismus zu tun hat, im Gegenteil, es war bei Christoph Theusner ein radikales Bekenntnis zur Musik.

1948 in Berlin geboren, kam Theusner Ende der sechziger Jahre nach Weimar zum Architekturstudium. 1970 gründete er die Gruppe Bayon, eine im besten Sinne multikulturelle musikalische Vereinigung, in der sich ausgeprägte Individualisten zusammenfanden, darunter Sonny Thet aus Kambodscha, der von Prinz Sihanouk zum Studium der klassischen Musik in die DDR geschickt worden war. Er blieb bei Bayon, weil in Kambodscha die Roten Khmer ihr Terrorregime errichteten. 53 Jahre spielte die Kerntruppe von Bayon zusammen! Sie machten die Musik, die sie selbst mochten, nicht die, die andere hören wollten. Gibt es mehr an innerer Notwendigkeit, die zugleich höchste Freiheit ist? Wenn jemand für Hermann Hesses »magisches Theater« aus dem »Steppenwolf« neben Mozart und dem Saxophonisten Pablo die Musik hätte komponieren können, dann waren das gewiss Christoph Theusner und Bayon.

Deren hochartifizieller Stilmix aus Klassik, Folk und etwas, das wie kühler Elektropop wirkt, den es aber zu der Zeit noch gar nicht gab, wurde zum komplexen Klangbild, das sich dann plötzlich wieder ins Einfache wendete. Eine handgemachte Sphärenmusik. Sie war einerseits fast schon hermetisch und andererseits unbedingt offen für die Teilhabe von Zuhörern, die sich die Zeit zur konzentrierten Versenkung nahmen. Bayon vereinigte in sich sehr früh all jene Bausteine, die Philip Glass, Santana oder Pink Floyd erst nach und nach liefern sollten – vom Volkslied aus Kambodscha nicht zu reden.

Sie waren freundliche Instrumentalpuristen, keine Dogmatiker – aber Gesang war die Ausnahme. Mit einem Lied sind sie dann doch stärker aufgefallen, als sie es selbst wohl beabsichtigt hatten, Theusners Vertonung von Wolfgang Borcherts »Versuch es«. Ein Text, der zu ihm passte: »Stell dich mitten in den Regen, glaub an seinen Tropfen Segen. Spinn dich in das Rauschen ein und versuche gut zu sein.« Mit diesem Lied kamen Theusner und Bayon dann sogar noch nach Hollywood – über dreißig Jahre, nachdem es komponiert wurde. 2006 als Musik zum Oscar-prämierten Film »Das Leben der Anderen«. So seltsam geht es zu im Leben.

Nach der Wende arbeitete Theusner als Musiker viel für das Theater, zuletzt in Freiberg/Döbeln. Mit Annett Wöhlert, der Schauspieldirektorin, verband ihn eine besondere Beziehung. Sie sagt über ihn: »Sein Wesen war ja wie ein Lied, seine Gitarre wie ein Teil seiner hochempfindlichen Seele.« Als sich nach einem Intendantenwechsel das Theater im vergangenen Sommer mit einem Fest vom Publikum verabschiedete, spielte auch Christoph Theusner auf seiner Gitarre, meisterlich wie immer, aber vielleicht mehr denn je den selbst produzierten Klängen nachlauschend. Auch ich war in diesen Abend involviert, wir teilten uns die Garderobe, was heißt, er nickte mir kurz zu und war dann wieder ganz bei sich und der Erwartung seiner Musik. Ein glücklicher Mensch.

Kurz vor seinem 75. Geburtstag ist Christoph Theusner am 25. Juli in Weimar gestorben.

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