Lausitz Festival: Gehen oder nicht gehen?

Im Rahmen des Lausitz Festivals versucht Regisseur Stefan Pucher mit seiner Inszenierung von »Der Kaufmann von Venedig« William Shakespeare abzuwickeln

Wie abgestellt in der stillgelegten Glasfabrik: Katharina Marie Schubert und Samuel Weiss in »Der Kaufmann von Venedig«
Wie abgestellt in der stillgelegten Glasfabrik: Katharina Marie Schubert und Samuel Weiss in »Der Kaufmann von Venedig«

Die Lausitz gönnt sich ein Hochkulturfestival. Und warum auch nicht? Das strukturgewandelte Ruhrgebiet hat es vorgemacht, unter anderem mit seiner Ruhrtriennale. Industriebrachen zu Kulturstätten – so könnte das Motto lauten.

Seit 2020 zieht das Lausitz Festival nach, und tatsächlich kann die Region ein solches Angebot aus Oper, Tanz, Konzert und Sprechtheater an wechselnden Orten gebrauchen: Das Wegbrechen ganzer Wirtschaftszweige und die Abwanderung machen der Lausitz spürbar zu schaffen. Ablesbar ist das auch an Wahlergebnissen. Die AfD erfreut sich großer Beliebtheit.

Schon zum zweiten Mal hat man den Regisseur Stefan Pucher nach Weißwasser in die Oberlausitz eingeladen. Bespielte der im letzten Jahr noch die stillgelegte Glasfabrik Telux mit William Shakespeares »Julius Caesar«, nimmt er sich nun an ebendiesem Ort »Der Kaufmann von Venedig« vom selben Autor vor.

Shakespeare, der Patron des klugen und politischen Volkstheaters, scheint keine schlechte Wahl zu sein! Allerdings wirkt der Regisseur des Abends eher desinteressiert an dem Stück, das auf die Bühne zu bringen er doch vorgab. Und die Stadtbevölkerung aus Weißwasser vergnügt sich am Premierentag lieber auf dem Stadtfest in Görlitz und lässt die Plätze frei für die angereisten Berliner. Schnell kommt einem der bereits zuvor formulierte Vorwurf in den Sinn, bei dem Festival handele es sich um einen Fremdkörper, der gut subventioniert aus der Ferne konzipiert und dann in der Lausitz platziert worden ist.

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Zum Kammerspiel hat man hier »Der Kaufmann von Venedig« degradiert. Zwei Schauspieler, Samuel Weiss und Katharina Marie Schubert, sollen diese Inszenierung alleine tragen und in knapp 90 Minuten durch ein komplexes Drama hasten. Die beiden Mimen gehören zu den Großen ihrer Zunft, und mitunter kann es auch bei diesem Spektakel vergnüglich sein, Weiss in seinem Spiel zu beobachten. Das vermag allerdings nicht darüber hinwegzutäuschen, dass der eine wie die andere wie abgestellt in der Fabrikhalle herumstehen muss.

Um ein ausgesprochen herausforderndes Werk handelt es sich bei »Der Kaufmann von Venedig«, was weniger mit der Shakespeare’schen Dramaturgie und dem Handlungs- und Beziehungsgeflecht im Stück zu tun hat als vielmehr mit der schwierigen Rezeptionsgeschichte und den ambivalenten Deutungsmöglichkeiten. Wie soll man szenisch umgehen mit der Figur des Juden Shylock? Um diese Frage wie um jeden anderen entschiedenen interpretativen Zugriff drückt sich diese Inszenierung leider herum.

Katharina Marie Schubert gibt die Portia, die reiche Erbin von Belmont. Um diese freit der auf seinen Vorteil bedachte Bassanio, gespielt von Samuel Weiss. Dessen Freund Antonio, ein venezianischer Kaufmann, auch er gespielt von Samuel Weiss, greift ihm unter die Arme. Er unterstützt den brautwerbenden Bassanio finanziell. Das Geld dafür leiht er sich bei dem verhassten Shylock – na klar, gespielt von Samuel Weiss. Entgegen der jüdischen Sitte bekommt er es zinsfrei und muss dafür aber ein Pfund Fleisch aus seinem eigenen Körper verpfänden. So nimmt das unerhörte wie wendungsreiche Drama seinen Lauf.

Lang ist die Liste der Darstellungen hakennasiger Judenkarikaturen in der Aufführungsgeschichte des Stücks. Wer es heute auf die Bühne bringt, muss auch mit derlei mitschwingenden Assoziationen umzugehen wissen. Möglich ist es, das Publikum mit dem Antisemitismus zu konfrontieren, das falsche Judenbild demjenigen vorzuführen, der es in seinem Kopf bereits gezeichnet hat. Denkbar ist auch die Klassifizierung »Jude« abstrakt, nur als die Kennzeichnung einer gesellschaftlichen Stellung zu begreifen und den »Kaufmann von Venedig« als Parabelstück ernstzunehmen.

Pucher verzichtet auf das eine, ohne das andere dafür zu tun. Recht abstrakt wird hier der Text rauf und runter gesprochen. Zentrale Idee war wohl eine halbseidene Kritik am Kapitalismus, für die man mit Worten von Gertrude Stein ein wenig über Geld meditiert. »Geld ist Geld, und Geld ist nicht Geld.«

Gelegentlich wechseln die Darsteller ins Gesangliche. Ein merkwürdig aus der Zeit gefallener minimalistischer Elektropop erklingt – und im Duett wird in Dauerschleife gefragt: »Einkaufen gehen, nicht einkaufen gehen / Einkaufen gehen, nicht einkaufen gehen«.

Etwas verblüfft von derartigen Einfällen, fragt der Zuschauer sich alsbald selbst: Gehen oder nicht gehen? Aber mit Einkaufen hat das rein gar nichts zu tun.

Im Hintergrund des Geschehens lässt man die Öfen dampfen. Wenn so der künstlerische Umgang mit unkonventionellen Räumen aussieht, wünscht man sich schleunigst den Rückgang zur so klassischen wie häufig verdammten Guckkastenbühne herbei. Ein Statist darf dann auch ein wenig in einem Ofen rumstochern. So hat sich Pucher einerseits davor gedrückt, erkenntnisfördernd mit dem Shakespeare’schen Text umzugehen, knallt dem Publikum aber doch noch eine recht geschmacklose Shoah-Assoziation vor den Latz.

Nach dem Dramenschluss tritt Schubert noch einmal nach vorne: »Lassen Sie mich erzählen, was Geschichte lehrt. Geschichte lehrt: – « Nichts. Schweigen. Das Licht geht aus. So ist das offenbar. Das gilt zumindest für diese Darbietung der Geschichte.

Nächste Vorstellungen: 30. und 31. August
www.lausitz-festival.eu

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