Lebensgeschichten zwischen Büchern

Die juristische Uni-Bibliothek Dresden hat in ihrem Bestand nach NS-Raubgut geforscht – und ist fündig geworden. Eine Ausstellung präsentiert die Ergebnisse

  • Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 5 Min.
Bücher, die auf zweifelhafte Weise in Sammlungen kamen, findet man in Bibliotheken zuhauf. Die Technische Universität Dresden geht nun offensiv damit um.
Bücher, die auf zweifelhafte Weise in Sammlungen kamen, findet man in Bibliotheken zuhauf. Die Technische Universität Dresden geht nun offensiv damit um.

Max Alsberg war ein Meister des Plädoyers. Als »berühmtester Strafverteidiger Deutschlands« wurde er im September 1933 gewürdigt – in einem Nachruf. Der 56-jährige Jurist hatte sich in einem Schweizer Sanatorium das Leben genommen, nachdem die Nazis ihn als Spross einer jüdischen Familie aus dem mit Leidenschaft ausgeübten Beruf gedrängt hatten. Das von ihm verfasste Standardwerk »Justizirrtum« setzten die braunen Machthaber auf die Liste »schändlicher« und unerwünschter Bücher; seine Bibliothek, für die er an seinem Haus im Berliner Grunewald eigens einen Pavillon hatte errichten lassen, wurde geplündert und verscherbelt. Eines der Bücher, ein Werk des Philosophen Rudolf Eucken, landete in der Rechtswissenschaftlichen Bibliothek der TU Dresden, wo es 80 Jahre später aufgespürt wurde: im Zuge eines Projekts zur Provenienzforschung, dem nun eine sehenswerte Ausstellung gewidmet ist.

Die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) durchforstet ihre Bestände bereits seit 2011, um zu klären, welche der Werke in der NS-Zeit ihren rechtmäßigen Besitzern quasi gestohlen wurden. Die Nazis rissen sich den Besitz von Menschen unter den Nagel, die sie aus politischen oder anderen Gründen inhaftierten; sie lösten Sammlungen von Organisationen auf, die verboten oder gleichgeschaltet wurden. In der Dresdner Schau betrifft das etwa ein Buch aus der Bibliothek der heute wieder bestehenden, gewerkschaftlichen Arbeiterkammer Wien. Die meisten Bücher, die in der Ausstellung vorgestellt werden, gehörten aber Juristen, die als Juden verfolgt und entweder in Konzentrationslager verschleppt oder ins Exil gedrängt wurden. In beiden Fällen war das mit einer, wie es euphemistisch hieß, »Vermögensverwertung« verbunden: Ihr Eigentum – Kunstsammlungen, Möbel oder eben Bibliotheken – wurde beschlagnahmt, mit fiktiven Geldforderungen verrechnet und versteigert oder verteilt. »Universitätsbibliotheken«, sagt Nadine Kulbe, »waren damals ganz scharf auf solche Bestände.«

Kulbe hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Elisabeth Geldmacher die Ausstellung kuratiert. Diese ist Ergebnis einer Recherche, bei der die rund 12 000 vor 1945 erschienenen Bücher der zehnmal so umfangreichen Dresdner Juristenbibliothek durchforstet wurden. Grundlage dafür ist ein Dokument namens »Washingtoner Erklärung«, das 1998 beschlossen wurde. Die Unterzeichner, zu denen auch die Bundesrepublik gehört, verpflichten sich, NS-Raubgut zu identifizieren und mit den Nachfahren der rechtmäßigen Besitzer »gerechte und faire Lösungen« zu finden. In der Praxis bedeutet das zunächst oft detektivische Kleinarbeit. Zunächst wird in den Büchern nach »Provenienzmerkmalen« gesucht: Namen, Exlibris, Stempel, Autogramme, die auf frühere Besitzer verweisen. Es folgen Recherchen in Datenbanken und Archiven. Manchmal ergeben sich schnell Hinweise. Ein in der Dresdner Bibliothek vorhandenes »Lehrbuch für den gewerblichen Rechtsschutz« etwa wies einen Stempel mit dem Namen Max Auerbach auf. Das war ein renommierter Patentanwalt, der nach dem NS-Machtantritt den Beruf verlor, mit seiner Frau in ein »Judenhaus« umziehen und Zwangsarbeit verrichten musste, bevor beide in Auschwitz ermordet wurden. Ihr Sohn Frank gelangte mit einem Kindertransport nach Großbritannien und ist heute ein berühmter Maler.

In anderen Fällen waren die Recherchen komplizierter. Insgesamt seien von den 12 000 Bänden etwa 100 zweifelsfrei als NS-Raubgut identifiziert worden, sagt Kulbe. In der Ausstellung werden zwölf davon vorgestellt, dazu vier weitere, bei denen sich der Anfangsverdacht nicht bestätigte. Präsentiert werden die Bücher und die Lebensgeschichten ihrer ursprünglichen Eigentümer dabei nicht in Vitrinen und auf Schautafeln, sondern in den Regalen der von Studenten ständig genutzten Bibliothek. Man beabsichtige »eine Art Intervention« im Bibliotheksalltag, sagt Jana Kocourek, die zuständige Abteilungsleiterin der SLUB. Gestalterin Antje Werner hat dafür Kästen entworfen, die zwischen Bänden etwa zu Europa- oder Strafrecht stehen, auf deren Front jeweils das betreffende Buch benannt wird und in deren Innerem auf Karteikarten biografische Informationen über die Vorbesitzer stehen. Über Max Alsberg, den Meister des Plädoyers, ist etwa zu erfahren, dass er auch Theaterstücke geschrieben hat. In einem von ihnen spielte die berühmte Schauspielerin Tilla Durieux eine Hauptrolle, die wiederum mit dem Brauereidirektor Ludwig Katzenellenbogen verheiratet war, Mandant Alsbergs in einem spektakulären Prozess gegen die Brauerei Schultheiss. Erwähnt wird auch, dass Alsberg in den 1970er Jahren »wiederentdeckt« wurde. Ihm sind heute eine regelmäßige Juristentagung und ein Preis gewidmet; sein Buch »Der Beweisantrag im Strafprozess« wurde 2022 neu aufgelegt.

Die Ausstellung erhellt die Herkunft eines Teils der Dresdner Bestände. Doch das Forschungsprojekt ließ auch Fragen offen, sagen Kulbe und Geldmacher. Unklar ist meist, über welche Stationen die Bände in die Bibliothek gelangten, die erst mit Gründung einer Rechtswissenschaftlichen Fakultät in Dresden im Jahr 1991 aufgebaut wurde. Als rätselhaft bezeichnet Kulbe auch den Umstand, dass keine Bücher verfolgter Dresdner Juristen gefunden wurden, von denen jedoch durch frühere Recherchen mehrere Dutzend namentlich bekannt seien: »Das bleibt vorerst eine Leerstelle.«

Bei den Büchern, deren ursprüngliche Eigentümer man jetzt kennt, strebt die SLUB eine Restitution an, sagt Kocourek: »Wir möchten sie den Familien zurückgeben.« Das sei freilich ein sehr sensibler Prozess, der bisher erst in wenigen Fällen abgeschlossen wurde: »Die Nachfahren erfahren ja teils neue Details ihrer Familiengeschichte, die sie erst verarbeiten müssen.« Bücher, bei denen die Erben auf eine Rückgabe verzichten, kennzeichnet die Bibliothek im Katalog und mit Einlegern als NS-Raubgut.

Die Recherchen in der SLUB laufen derweil weiter. Derzeit werden am forstwissenschaftlichen Institut in Tharandt Bestände gesichtet, später in Fachbibliotheken der Mathematik, der Chemie und in der einstigen Sammlung mit Werken des Marxismus-Leninismus. Ermöglicht wird das durch eine erneute Projektförderung über das in Magdeburg ansässige Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, sagt Jana Kocourek und fügt hinzu, dass sie das »mit einem lachenden und einem weinenden Auge« betrachte. Dass der Bund die Forschungen fördere, sei löblich. Sie sähe aber auch den Freistaat Sachsen in der Verantwortung, der die Washingtoner Erklärung schließlich ebenfalls mittrage. Einen eigenen Fördertopf für entsprechende Recherchen hat das Land bis heute allerdings nicht geschaffen.

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