»The Class Work Project«: Die Schulden der Arbeitskollegen

Das Class Work Project in Großbritannien bietet Workshops zu Klassenerfahrungen an – für eine solidarische Umgestaltung der Gesellschaft

  • Interview: Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 9 Min.
Geteilte Bedürfnisse und gemeinsame Arbeit: Poster des Kollektivs The Class Work Project.
Geteilte Bedürfnisse und gemeinsame Arbeit: Poster des Kollektivs The Class Work Project.

Bevor wir über das Class Work Project und Ihre Arbeit dort sprechen: Können Sie ein paar Worte zur gesellschaftlichen Situation in Großbritannien sagen?

Im Vereinigten Königreich gibt es derzeit eine rechtsgerichtete Regierung, die größtenteils aus Millionär*innen und Grundbesitzer*innen besteht. Die derzeitige Situation ist eigentlich unfassbar, es gibt eine enorme Ungleichheit in der britischen Gesellschaft, die sich zum Beispiel in der Krise der Lebenshaltungs- und Energiekosten widerspiegelt. Ich sehe diese Phänomene als einen Raubzug des Großkapitals an der Normalbevölkerung an.

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Derweil konstruiert die Regierung nach dem Prinzip »Teile und herrsche« alle möglichen Sündenböcke, um die Klassenunterschiede und die wirtschaftliche Ungleichheit nicht zu thematisieren: zum Beispiel die Migrant*innen, die versuchen, den Ärmelkanal Richtung Großbritannien zu überqueren. Dies ist eines der prominentesten »Probleme«, die hierzulande für Schlagzeilen sorgen. Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil die Migration zahlenmässig und finanziell eigentlich überhaupt kein Problem ist, einfach nicht ins Gewicht fällt. Außerdem bin ich als Linke ohnehin der Meinung, dass es allen Menschen freistehen sollte, sich zu bewegen, wie sie wollen. Ich denke, die Situation in Europa ist zum Teil noch etwas besser.

In Spanien zum Beispiel gibt es derzeit eine sozialistische Regierung, da sehe ich einen großen Unterschied zu Großbritannien. Hier kommt jeden Tag so etwas in den Nachrichten wie »Wir haben einen weiteren Weg gefunden, die Rentner*innen zu verarschen«. Diese Art des Klassenkampfs von oben gibt es in Spanien so nicht. In der linken Bewegung in Großbritannien wird zwar viel über Klasse geredet – die Kategorie ist im Grunde ein Aushängeschild der meisten linken Organisationen –, aber die realen Klassenverhältnisse sind in der Struktur der progressiven Linken nicht abgebildet. Ich selbst habe eine Menge Erfahrungen als Aktivistin gesammelt und muss sagen, dass es ziemlich schockierend ist, die bürgerliche Klassenstruktur einiger linker Organisationen zu sehen, die viel über Klasse reden.

Könnten Sie das etwas näher erläutern?

Der Linken hier fehlt zunächst eine Aktualisierung der Klassenpolitik im Allgemeinen, die extrem rückwärtsgewandt ist und im Wesentlichen auf Schriften von Männern aus dem 19. Jahrhundert basiert. Ich finde, in diesem Diskurs ist eine aktualisierende Diskussion über Klassenreduktionismus und Intersektionalität notwendig. Ich setze mich sehr für einen intersektionalen Ansatz in Bezug auf Ungleichheit und Klasse ein und habe den Eindruck, dass der Klassendiskurs diese Entwicklung von Ideen ausblendet. Im Grunde genommen fehlen darin antipatriarchale und antirassistische Sensibilitäten.

Ich selbst wurde letztes Jahr beim Class Work Project eingestellt, um ein besseres Verständnis für die Themen Migration und Klasse in Großbritannien zu fördern. Zurzeit arbeite ich an einem Workshop, der sich mit diesen beiden Themen befasst. Ich denke auch, dass eine stärkere Vertretung von Menschen aus der Arbeiter*innenklasse in der Linken notwendig ist. Im Class Work Project führen wir Workshops mit dem Titel »Exploring Class« durch, die wir linken oder linksgerichteten Organisationen anbieten. Und sehr oft wird dieser Workshop von der einzigen Person darin angefordert, die aus der Arbeiter*innenklasse stammt.

Was sind denn die Ziele des Class Work Projects?

Unser übergreifendes Ziel als Organisation ist es, Menschen aus der Arbeiter*innenklasse eine Plattform zu bieten und das Verständnis für diese Lebenssituationen zu fördern. Eines unserer Hauptziele ist die Verbesserung der klassenübergreifenden Zusammenarbeit für soziale Gerechtigkeit. Wir wollen keine Spaltung schaffen, sondern das Verständnis für die unterschiedlichen Bedingungen zwischen den Menschen fördern. Das wird hoffentlich zu einer besseren Gesellschaft führen – wobei wir mit besserer Gesellschaft definitiv auch die Umverteilung des materiellen Reichtums meinen, wie es die klassischen Konzepte des Klassenkampfs vorsehen.

Auf Ihrer Website las ich, dass Sie »Menschen aus der Mittelschicht und der besitzenden Klasse ermutigen wollen, den Nutzen, den die Klassenposition für sie hat, zu erkennen und Verantwortung dafür zu übernehmen«. Das klingt für mich so, als gehe es vor allem um eine Geisteshaltung. Denken Sie, dass es ausreicht, sich zuerst auf die Frage nach dem Klassenbewusstsein zu konzentrieren – und die materiellen Fragen klären sich dann?

Ziel unserer Arbeit ist es, die allgemeine Einstellung von Organisationen und Einzelpersonen zum Thema Klasse zu ändern. In einem großen Workshop, den wir vor kurzem durchgeführt haben, haben die wohlhabenden Mitglieder der Organisation zum Beispiel beschlossen, die Schulden der weniger privilegierten Mitglieder zu begleichen, was ich für ein sehr gutes Ergebnis halte. Oftmals führen wir den Workshop durch und beraten dann die Organisationen über einen längeren Zeitraum, um zu sehen, ob sie Schritte unternehmen, um die im Workshop angesprochenen Probleme anzugehen. Es ist jedoch etwas schwierig, diese Frage zu beantworten, ohne auf die Einzelheiten unserer Workshops einzugehen, die zum einen geschlossen sind und zum anderen oft sehr emotional und anstrengend für die Teilnehmenden – insbesondere für solche, die aus einem proletarischen Umfeld kommen.

Sie haben erwähnt, dass es oft Menschen aus der Arbeiter*innenklasse in linken Strukturen sind, die eine Zusammenarbeit mit dem Class Work Project initiieren. Können Sie ein wenig mehr über die Organisationen sagen, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Das reicht von verschiedenen NGOs bis hin zu linken Wohnungsgenossenschaften. Oft werden wir auch kontaktiert, wenn es in der Organisation einen Streit rund ums Geld gibt.

Streit um den Lohn? Oder was meinen Sie mit »rund ums Geld«?

Es geht um alle möglichen Fragen. Im Falle dieses Workshops, bei dem einige Teilnehmende die Schulden ihrer Kolleg*innen abbezahlten, war der Auslöser für unser Engagement, dass diese Organisation über ziemlich viel Geld verfügte und Menschen mit unterschiedlichem Klassenhintergrund völlig unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie es ausgegeben werden sollte.

Wie sieht es eigentlich mit dem Klassenhintergrund der Menschen aus, die im Class Work Project arbeiten?

Alle, die in unserem Projekt mitarbeiten, kommen aus der Arbeiter*innenklasse. Es ist eines unserer Ziele, solchen Menschen eine vernünftige Beschäftigung zu bieten. Und das ist im Zusammenhang mit der Finanzierung sehr schwer zu erreichen, denn – Überraschung! – unsere Workshops sind überhaupt nicht kostendeckend. Außerdem lehnen wir keine Anfrage aus finanziellen Gründen ab. Zurzeit suchen wir zwei weitere Mitarbeiter*innen, weil unsere Workshops sehr gefragt sind und wir nicht die Kapazität haben, sie alle durchzuführen. Dafür klären wir gerade die Finanzierung, was sehr zeitaufwändig ist. Außerdem müssen wir uns noch um unsere Arbeit als Verlag kümmern. Um ehrlich zu sein: Es gibt immer etwas zu tun und wir könnten unser Projekt stark expandieren. Aber wir legen Wert darauf, die Leute anständig für ihre Arbeit zu bezahlen.

Um auf das Thema Verlag zu sprechen zu kommen: Sie publizieren die Zeitschrift »Lumpen«, richtig? Ich habe vor einiger Zeit ein Interview mit dem Autor und Aktivisten D. Hunter geführt, der viel über das problematische Konzept des »Lumpenproletariats« sprach. Eine Zeitschrift danach zu benennen, ist wohl eine Art Wiederaneignung des Begriffs?

Ich war nicht dabei, als dieser Name beschlossen wurde, aber es war bestimmt die Idee von D. Hunter, der allerdings nicht mehr mit uns zusammenarbeitet. Im Moment sind wir dabei, »Lumpen« umzugestalten, weil die Zeitschrift zu künstlerisch und zu wenig politisch war. Die kommenden drei Ausgaben werden sich mit »Queerness«, »Klasse und Migration« sowie »Klasse und Wohnen« beschäftigen. Eine der Änderungen, die wir beschlossen haben, besteht darin, dass wir bei der Redaktion etwas selektiver vorgehen und vielleicht sogar ab und zu einen oder zwei Beiträge in Auftrag geben, anstatt einfach nur anzukündigen, dass wir für Einsendungen offen sind. Ich denke, das wird die Qualität der Zeitschrift insgesamt verbessern. Das soll aber auf keinen Fall eine Kritik an der vorherigen Version von »Lumpen« sein. Die Zeitschrift hat schon immer eine sehr wichtige Rolle gespielt, indem sie verschiedenen Autor*innen und Dichter*innen eine Plattform bot.

Aber es bleibt dabei, dass alle Artikel von Menschen aus der Arbeiter*innenklasse geschrieben werden?

Ja. Wir arbeiten mit Autor*innen unterschiedlicher Erfahrungsstufen zusammen – zum Beispiel auch dann, wenn jemand noch nie etwas geschrieben, aber etwas Interessantes zu sagen hat. Wir wissen, wie negativ Erfahrungen mit Lektor*innen oft sind und möchten freundliche Redakteur*innen sein, die ohne Vorurteile mit den Leuten arbeiten. Aber wir geben auch ehrliches Feedback, denn nicht jede*r ist ein*e Schriftsteller*in.

Die Autor*innen werden für ihre Artikel bezahlt, nehme ich an?

Ja. Nicht viel, aber so viel, wie wir uns leisten können, und das ist ziemlich ungewöhnlich für diese Art von Magazin. Ich selbst werde oft gebeten, Artikel für Publikationen zu schreiben, und dabei wird normalerweise unterstellt, dass ich das kostenlos tue.

Arbeiten Sie eigentlich mit anderen linken Gruppen zusammen?

Ich denke, wir sind recht gut vernetzt. Wir haben viele mehr oder weniger formelle Kontakte zum größten Teil der progressiven Linken in Großbritannien. Unsere Büros in London befinden sich in einem Zentrum für linke Organisationen; direkt neben uns hat zum Beispiel die Rosa Luxemburg Stiftung ihre Räume.

Ich weiß nicht, ob Sie die deutsche Politik verfolgen, aber die Finanzierung der Rosa-Luxemburg-Stiftung hängt von den Wahlergebnissen der Linkspartei ab und die sehen derzeit sehr schlecht aus. Viele Deutsche wählen lieber die AfD.

Ich weiß! Das ist wirklich schlimm. Um ehrlich zu sein, habe ich immer gedacht, so etwas sei in Deutschland unmöglich. Aber vor kurzem habe ich mir die Lage einmal genauer angeschaut und dachte: Oh, Scheiße.

Es mag besonders undenkbar erscheinen, dass eine faschistische Partei in Deutschland erfolgreich sein könnte. Zugleich hat der Nationalsozialismus ja hier stattgefunden, warum also nicht wieder? Es gibt in meinen Augen wirklich Grund für Angst, weil viele Menschen hier historisch gesehen in einer Krisensituation – und die Krisen häufen sich ja – zum Faschismus tendieren.

Interview

Zosia Brom ist Arbeiterin/Mitglied beim Class Work Project, Wirtschaftsmigrantin und Anarchistin. Vor ihrem ersten bezahlten Job innerhalb der Linken beim Class Work Projekt war sie Landschaftsgärtnerin und Fahrradkurierin. Innerhalb der anarchistischen Bewegung ist Zosia vor allem als Redakteurin bei »Freedom Press«, kontroverse Gelegenheitsautorin und Organisatorin der Anarchist Bookfair in London bekannt.
Das Class Work Project ist online zu finden unter: www.theclassworkproject.com

Ich selbst bin in den 90er Jahren in Polen zur Schule gegangen, als die Politik sich sehr darum bemühte, die Verbindung zwischen Deutschen und Polen zu fördern. An meiner Schule hat der deutsche Staat beispielsweise einen Schüler*innenaustausch finanziert. Man hat uns beigebracht, dass es in Deutschland keinen Faschismus mehr geben wird, weil die Deutschen ihre Geschichte am besten aufgearbeitet und ihre Lektion gelernt hätten und so weiter und so fort.

Ich glaube wirklich, dass das nicht stimmt – und überhaupt: Faschismus ist etwas, das man in einer kapitalistischen Gesellschaft nie wirklich loswerden kann, denn sie bringt ihn immer wieder von selbst hervor, wie man ja derzeit global beobachten kann. In diesem Sinne ist die Arbeit an der Bewusstwerdung über Klassenstrukturen, wie Ihre Organisation sie leistet, auch als antifaschistische Arbeit zu betrachten.

Das sehe ich genauso.

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