Gruppe kaputt, Deutschland ganz

Die deutsche Vereinigung war für die westdeutsche Linke eine Katastrophe, trotz aller Kritik an der DDR. Die Marxistische Gruppe löste sich 1991 auf und verwies dabei auch auf das antikommunistische Klima

  • Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 7 Min.
November 1989: Nicht ohne Bedenken wird in der BRD die neue Reiseregelung der DDR aufgenommen. Auf der Hamburger Steinstraße wird zu einer Diskussion eingeladen, die den Bonner Großmachtanspruch und die kapitalistische Ausbeutung zum Inhalt hat.
November 1989: Nicht ohne Bedenken wird in der BRD die neue Reiseregelung der DDR aufgenommen. Auf der Hamburger Steinstraße wird zu einer Diskussion eingeladen, die den Bonner Großmachtanspruch und die kapitalistische Ausbeutung zum Inhalt hat.

Wer Ende Mai des Jahres 1991 eine Ausgabe der »Marxistischen Streit- und Zeitschrift« zur Lektüre öffnete, konnte darin ein Auflösungspapier lesen. Die Marxistische Gruppe (MG) gab in ihrem Publikationsorgan ihr eigenes Ende bekannt. Als Grund gaben die Verfasser*innen an, was Genoss*innen aus dem Umfeld vermutlich wenig überraschte: »Wir geben nicht auf, weil wir wegen mangelnder Nachfrage nach kommunistischer Kritik an unseren Ansichten Zweifel bekommen hätten. Wir geben auch nicht auf, weil die Welt den Kommunismus für tot erklärt. Wir lösen uns auf, weil uns der freiheitliche demokratische Rechtsstaat mit seinem Verfolgungswahn keine Wahl lässt.«

Zwischen den Stühlen

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Vor allem jüngere Linke mögen sich nun fragen: Was war denn eigentlich die Marxistische Gruppe? Wie die RAF und die sogenannten K-Gruppen ist auch die MG eine der Splittergruppen, die aus dem Zerfall des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) 1969 hervorgingen. Im Panorama der außerparlamentarischen Linken in der Bundesrepublik, die die 70er Jahre im immer härter werdenden Abwehrkampf gegen den Staat verbrachte, hatte die MG eine gewisse Sonderstellung inne: Sie stand theoretisch weder einer der verschiedenen Varianten des Marxismus-Leninismus nahe, noch dem Maoismus, der Kritischen Theorie oder gar dem Eurokommunismus, wie ihn die staatstragenden kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens vertraten. Vielmehr versuchte die MG eine eigene materialistische Analyse der Verhältnisse zu entwickeln, die eine Absage sowohl an die bürgerliche Gesellschaft als auch an den Staatssozialismus beinhaltete.

Neben den Grundpfeilern Staats-, Ökonomie- und Imperialismuskritik nahm die Kritik der bürgerlichen Wissenschaft eine wichtige Rolle in der politischen Arbeit der Marxistischen Gruppe ein. Hier stand der Theorie von Beginn an eine Praxis zur Seite: Ab den frühen 70er Jahren bildeten sich MG-Hochschulgruppen in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Bremen, Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen; die Münchner Hochschulgruppe hielt zeitweise gar die Mehrheit im Allgemeinen Studierendenausschuss der Ludwig-Maximilians-Universität. Die MG hatte in dieser Zeit nahezu die gesamte Bundesrepublik als Aktionsfeld und hatte zum Zeitpunkt ihrer Selbstauflösung 1991 viele Tausend Mitglieder.

Unter den Publikationen der Gruppe fanden sich Schriften wie die 1972 von der MG Erlangen-Nürnberg herausgegebene Broschüre »Kapitalistische Hochschulreform – Analysen und Dokumente«, eine kritische Darstellung der Institution Universität und ihrem Verhältnis zum bürgerlichen Staat. Derartig anspruchsvolle materialistische Gesellschaftskritik – in der heutigen Linken zunehmend unüblich – war zu jener Zeit durchaus verbreitet. Bei der heutigen Lektüre der Broschüre steht der Leserin allerdings ein Vermittlungsproblem vor Augen, mit dem die Theorielinke im postfaschistischen Deutschland aber ganz allgemein zu kämpfen hatte: Der sehr hochschwellige Text kann für Menschen ohne Zugang zu akademischer Bildung oder zu Strukturen gemeinschaftlicher Texterschließung, wie sie etwa in der Arbeiter*innenbewegung vor dem Nationalsozialismus existiert hatten, kaum zu verstehen gewesen sein.

Das Fehlen einer großen proletarischen Bewegung in der Bundesrepublik war nicht die Schuld der Linken, sie hatte sich aber daran abzuarbeiten, sofern sie ein revolutionäres Anliegen verfolgte. Dieser Fokus auf die Produktionssphäre war in den 70er Jahren in der Außerparlamentarischen Opposition weit verbreitet, wurde aber im Zuge der Aufspaltung der Bewegung in die verschiedenen Einzelanliegen der Frauen-, Schwulen oder Umweltbewegung immer weiter aufgegeben. Die Marxistische Gruppe versuchte bis weit in die 80er Jahre hinein in Betrieben präsent zu sein. Publizistische Zeugnisse dieser Aktivitäten sind die Ausgaben der »MAZ – Marxistische Arbeiterzeitung«, die in nahezu allen Bundesländern erschien und betriebsspezifisch verfasst waren.

Betriebszeitung mit blinden Flecken

Die MG agitierte in der »MAZ« nicht für ein Klassenbewusstsein, das sich zu einem guten Teil im Stolz auf den Arbeitsplatz begründet, wie es die Sozialdemokrat*innen und zum Teil auch die DDR-nahe DKP taten. Anstatt das Vorgehen der Kapitalisten moralisch zu verurteilen und/oder die Stärke der Arbeitskämpfe propagandistisch zu beschönigen (so zu erleben in der DKP-Zeitschrift »Unsere Zeit« oder auch im damaligen »Neuen Deutschland«), wurden Phänomene wie Stellenabbau in ihrer Zweckrationalität verständlich gemacht – mit der Absicht, die Menschenfeindlichkeit des Kapitalismus nicht als staatliches Versagen oder als Fehlverhalten des Einzelnen misszuverstehen, sondern als System erkennbar werden zu lassen.

In der »MAZ für die Hamburger Werften« im Juni 1983 etwa ist über die Rolle der Gewerkschaften in der Organisierung der kapitalistischen Ausbeutung zu lesen: »Heute hat ausgerechnet der DGB nichts anderes im Sinn, als das Ideal einer geregelten Ausbeutung: Gerechtigkeit, zu kultivieren. Er beharrt an vorderster Front darauf, daß eine Ausbeutung ohne Extravaganzen stattfindet, ein ordentlicher Arbeitsdienst. Das sieht er immer dann garantiert, wenn er unterschrieben hat oder dazu gehört wurde, was immer Staat und Kapital für seine Mitglieder beschließen. Als Arbeiter hat man davon die erhebende Gewissheit, daß jeder Dreck und jeder Lärm, dem man am Arbeitsplatz ausgesetzt ist, durch ein paar Pfennige seine gerechte Anerkennung findet.«

Bevor sie allerdings zu solchen richtigen Überlegungen vordringen kann, springen der Leserin im ersten Absatz desselben Artikels die analytischen Leerstellen Patriarchatskritik und Rassismus ins Auge – die zwar keineswegs nur die Theorie und Praxis der Marxistischen Gruppe entstellten, aber diese eben auch. Wohl gemeint als fetzige Einleitung, ist hier folgende sexistische Bornierteit zu lesen: »Die merkwürdigsten Sachen heißen heute Ausbeutung: vollbusige Cover-Girls auf Illustrierten gelten als Beispiel für die brutale »Ausbeutung« der Frau durch den Mann.« Verfasst, es muss noch einmal betont werden, in den 80er Jahren – zu einem Zeitpunkt also, als die Frauenbewegung bereits Kämpfe geführt und Wissen erarbeitet hatte, um genau diese blinden Flecken zu füllen. Bleibt nur der Schluss: Für Patriarchatskritik bestand aufseiten der MG wenig Interesse. Genauso Übles findet sich in einem Artikel über ein Fußballspiel zwischen dem HSV und Juventus Turin aus Italien: »Noch immer voll von ›Freudentränen‹ über den ›triumphalen Erfolg‹, liebe Arbeiter, den ihr letzte Woche errungen habt? Da stehen sie nun, die Spaghettis, und gucken enttäuscht aus der Wäsche.« So wird eine – an sich richtige – Nationalismuskritik dann irgendwie doch ganz falsch.

Düstere Prognosen

Aber zurück zur »Wende«: Die 1991 längst antikommunistische »Taz«, Publikationsorgan der zur Partei geronnenen Neuen Sozialen Bewegungen, reagierte mit bornierter Häme auf das Auflösungspapier: Die Repression gegen die MG wird in einer Meldung als »vergleichsweise profane« Angelegenheit bezeichnet, die MG-Kritik am bürgerlichen Freiheitsprinzip als »platt« – ohne dies in irgendeiner Weise argumentativ zu begründen. Tatsächliche Vorgänge setzt der Autor in Anführungszeichen (so zu finden gleich im Untertitel) und weist so die Betroffenen als paranoide Spinner aus und zieht in Zweifel, dass der gute deutsche Staat überhaupt ein derart finsteres Vorhaben verfolgen könnte. Und natürlich darf auch der Vorwurf des Dogmatismus nicht fehlen – den der »Taz«-Autor Wolfgang Gast allerdings niemals etwa in der Treue der Grünen zum bürgerlichen Staat erkennen mag, sondern nur bei denjenigen, die sich einfach nicht von der Position abbringen lassen, dass der Kapitalismus abgeschafft gehört, weil er Mensch und Natur systematisch und zwangsläufig zugrunde richtet.

Nicht ganz unerheblich für die Ablehnung, in einigen Fällen vielleicht sogar den Hass der bürgerlichen Linken (die Rechten lassen wir hier einmal außen vor) auf die Marxistische Gruppe mag deren Haltung zur Deutschen Vereinigung gewesen sein. Im Auflösungspapier heißt es dazu etwa: »Wir können nicht einmal in dem Ende, das der Reale Sozialismus sich selbst bereitet, einen Beweis dafür entdecken, dass die Freie Welt über jede Systemkritik erhaben wäre. Wir halten den ›Tod‹ des Kommunismus nicht für ein Gottesurteil über konkurrierende Ideenwelten, sondern entdecken darin bloß einen Erfolg der überlegenen Ausbeutungs- und Gewaltmaschinerie der Freien Welt.«

Was hier angemessen polemisch daherkommt, hatten die – damals naturgemäß männlichen – MG-Kader Peter Decker und Karl Held bereits 1989 in ihrer Publikation »DDR kaputt, Deutschland ganz. Eine Abrechnung mit dem ›Realen Sozialismus‹ und dem Imperialismus deutscher Nation« analytisch ausgeführt. Weit entfernt davon, die Deutsche Demokratische Republik zu verteidigen oder sie gar als befreite Gesellschaft misszuverstehen, richten Decker und Held ihre Aufmerksamkeit auf das Ereignis ihres Zusammenbruchs und ihrer Annexion (je nach Perspektive). Und natürlich auf den Zweck der ganzen Veranstaltung: die imperialistischen Bestrebungen der Bundesrepublik, die mit der Erweiterung ihres Territoriums um den Boden des ehemals reichsten sozialistischen Staates durchaus an Schlagkraft gewann. Widerlegt wurde die MG in ihren düsteren Annahmen nicht – wir alle sind weiterhin Zeug*innen davon.

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