TeBe Berlin: Kein Wein mehr im Eichkamp

BallHaus Ost: Ein Ausflug ins alte West-Berlin zu den Lila-Weißen im Mommsenstadion

  • Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Lila-weißer Niedergang: TeBe knödelt nun in der 5. Liga rum.
Lila-weißer Niedergang: TeBe knödelt nun in der 5. Liga rum.

Im November trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer den Berliner Sommer über im Shirt und Röckchen unterwegs war, muss sich gegenwärtig warm anziehen, um die Freuden des unterklassigen Fußballs in vollen Zügen genießen zu können. Für mich und meine charmante Begleiterin stand am Sonntag mal wieder Tennis Borussia auf dem Programm. Mindestens einmal im Jahr geht’s ins Mommsenstadion, um die netten lila-weißen Westberliner*innen mit einem Anstandsbesuch zu beehren. Nirgendwo in Berlin ist die Szene diskriminierungsfreier als bei TB, man möchte am liebsten mit jedem einzelnen Fan ein Bier trinken. Geht leider nicht, weil a) selbst in der Oberliga noch um die 400 Menschen zu TeBe halten und b) das Bier im Stadion mal besser schmeckte. TeBe ist vergangenes Jahr vom Schlund der Oberliga Nordost geschluckt worden. Das ist die 5. Liga, der Schrecken jedes Schatzmeisters.

Ballhaus Ost
Fussball, Herren, 2. Bundesliga, Saison 2014/2015 (10. Spieltag)...

Frank Willmann blickt auf den Fußball zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana.

In der Regionalliga naschte ich einst feines Quartiermeisterbier und leckeres Biozeug, gereicht von langhaarigen Schnuckelbuben. Gestern verschreckten uns drei schrundige Gestalten mit sogenannten Fleischwaren aus der Plastikverpackung und komischem Bier, bei dem man es besser unterließ, nach Herkunft und Brauverfahren zu intervenieren. Als ich (zu leise für den Zombi an der Luke) meine Bestellung wiederholte, erkannte dieser in mir sogleich »… noch eens dieser Männchen, die zu Hause nüscht zu sagen ham und sogar ihre Nägel schminken müssen …«.

Wein ist nicht mehr zu erstehen, weil das Casino geschlossen ward, der legendäre Ort jedweder TeBe-Verköstigung, wo seit 1987 Westberliner Engelhardt für eine Mark neunzig trinken konnten (irgendwann war die Brauerei pleite, dann gab es ehrliches, sehr frisches Schulti vom Fass, gereicht vom bösen Wessiwirt, Ossis mussten die ersten Jahre nach der Wende draußen bleiben). Bitte, bitte, bringt das Casino wieder zum Laufen, das kann doch nicht schwer sein, die Bude kollegial zu betreiben?

Armes TeBe. Wenigstens stand die Tribüne noch, auf der sich die aktive Szene (200 Menschen) eingefunden hatte und Liedgut ertönen ließ. Auch der Lichtenberger Gegner war mit handgezählten (Danke an Jörg) 192 Fanatiker*innen angetreten, um bei leichtem Niesel und zehn Grad über null einen 1:0-Auswärtssieg seiner Mannschaft zu erleben. Klar wäre auch TeBe gern ins Viertelfinale des Landespokals gekommen, weil die Kassen leer sind und es der Verein bisher nicht geschafft hat, sich ins Berliner Fußballherz zu knödeln.

Am 3. Dezember kann man TeBe zum letzten Mal im Jahr 2023 erleben, dann ist Schicht in der Oberliga Nordost bis Mitte Februar. Vorm Spiel empfehle ich den Besuch des Georg-Kolbe-Museums um die Ecke, dort stellte die leider im August verstorbene Lin May Saeed ihre Styroporplastiken aus, die noch zu sehen sind. Es geht um die Unterwerfung (und Befreiung) der Tiere durch den Menschen. Und niemals vergessen: Das passt wunderbar zu Tennis Borussia! Mindestens genauso gut wie die Unterjochung des 1. FC Union Berlin durch das Geld.

Ich vermisse die ausverkauften Spiele von Union bei TeBe in den 90ern und frühen Nullern, aber vielleicht haben wir sie in ein paar Jahren wieder, die Gunst des Fußballteufels ist trügerisch und hundsgemein. Dieser tiefe Gedanke bewegte die vier lilaweißen Fahnenschwenkerkinder noch nicht, die tapfer ihre Plastikflaggen malträtierten, wohlwollend gemustert von ihren Eltern, denen der Fußballnachmittag im Kreis ihrer Freunde höchstes Glück schenkte, weil wahre Freundschaft und echte Verbundenheit nur wenige Dinge braucht.

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