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Franz Fühmann: Dichtung und Doktrin

Das Recherche-Kunst-Kollektiv Vajswerk inszeniert einen Abend zu Franz Fühmann

  • Vincent Sauer
  • Lesedauer: 3 Min.
An einem großen, offiziösen Schreibtisch mit geheimnistuerischer Sichtblende sitzen an diesem Abend die Schauspieler Christian Erdt und Laura Mitzkus, er im retro-lässigen Dichter-Sakko, sie im strengen grauen Partei-Blazer mit Rock.
An einem großen, offiziösen Schreibtisch mit geheimnistuerischer Sichtblende sitzen an diesem Abend die Schauspieler Christian Erdt und Laura Mitzkus, er im retro-lässigen Dichter-Sakko, sie im strengen grauen Partei-Blazer mit Rock.

Vor 40 Jahren starb in Ost-Berlin der Schriftsteller Franz Fühmann. 62 Jahre war er alt, der Darmkrebs brachte ihm den Tod. Fühmann gehörte zu den bekanntesten Autoren in der DDR, publizierte Lyrik, Erzählungen, schrieb für Kinder, über Reisen, dichtete, war Essayist. Der eine große Wurf, ein kanonisierter Roman etwa mit finalem Welterkläranspruch, oder das eine Stück, das auf jeder Bühne alle paar Jahre zu sehen ist, fehlt. Vielleicht ist das ein ästhetischer Grund, warum Fühmann heutzutage nur noch wenigen jüngeren Schreibenden bekannt ist. Und warum er zumindest im gesamtdeutschen Literaturdiskurs, den die westdeutschen Verlage und Zeitungen im Griff haben, keine große Rolle mehr spielt. Ein weiterer Grund mag darin liegen, dass Fühmann zwar mit der DDR und vor allem ihrer Kulturpolitik, wo er viele Jahre als Akademiemitglied und im Schriftstellerverband mitwirkte, haderte. Ja, er zweifelte und zauderte, unterstützte dissidentischen Nachwuchs, wollte frei sein von Vorgaben für sein Schaffen, die nicht künstlerisch denkende Funktionäre erließen. Aber all das war kein Grund, in den Westen zu gehen und die DDR endgültig zu verdammen.

Um dem drohenden Vergessen, dieser weitgehenden Rezeptionslosigkeit entgegenzuwirken, hat sich das Recherche-Kunst-Kollektiv Vajswerk des Dichters angenommen. Unter dem Titel »Häutungen Franz Fühmanns« gibt es nun im Berlin-Saal der Zentralen Landesbibliothek Berlin eine anderthalbstündige Inszenierung von Christian Tietz zu sehen, die sich Fühmanns Leben und Werk durch Dokumente literarischer wie historischer Art nähert. Mehr Hintergründe lassen sich in einem vierteiligen Podcast erfahren. An der Recherche beteiligt waren noch Silas Dörken, die Literaturwissenschaftlerin Kristin Schulz und die Schriftstellerin und Fühmann-Übersetzerin Isabel Fargo Cole.

An einem großen, offiziösen Schreibtisch mit geheimnistuerischer Sichtblende sitzen an diesem Abend die Schauspieler Christian Erdt und Laura Mitzkus, er im retro-lässigen Dichtersakko, sie im strengen grauen Partei-Blazer mit Rock, und unter einer Perücke, wie sich herausstellen wird. Obligatorische Textarbeiterutensilien sind auf dem Tisch verteilt. Fühmanns widersprüchliches Leben wird durch Briefe, Reden, Gedichte zur Aufführung gebracht. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, wird Fühmann verführt vom Führerkult, gerät in Kriegsgefangenschaft. Auf der Antifaschule wird er zum Sozialisten. Er veröffentlicht viel, verteidigt die Niederschlagung des Aufstands am 17. Juni 1954 und den Bau der Mauer. Als sowjetische Panzer den Prager Frühling niederschießen, kommen Risse in Fühmanns Selbst- und Weltbild. Er bleibt dankbar, wegen der sowjetischen Befreier vom faschistischen Schergen zum Menschen geworden zu sein. Er kann aber nicht mehr darüber hinwegsehen, dass ein Apparat anscheinend erfahrungsresistenter Herren keinen Umgang findet für die lebendigen, künstlerischen Kräfte des Landes, die dichten statt abnicken.

Vajswerk vertrauen auf die Güte von Fühmanns Schreiben. Die Schauspieler sprechen und bewegen sich textdienlich. Das Seelenleben des Dichters zwischen jugendlichem Enthusiasmus für den neuen Sowjet-Menschen und melancholischer Isolation des Arrivierten findet Ausdruck. Laura Mitzkus verliest kalte Einschätzungen von höchster Stelle zu Fühmanns geistigem Zustand, als der beginnt, in einer Einrichtung mit geistig Behinderten zu leben und zu arbeiten. Erdt hält als Fühmann anfänglich große Reden. Und am Ende findet er für seinen Gesundheitszustand nur noch die Worte: »Sorry; scheiße; kann man nichts machen.«

Dieses Selbstgespräch mit zwei Stimmen zeigt die große Einsamkeit eines regen Geistes. Es verdeutlicht den Konflikt zwischen dem Schriftsteller, der ehrlich schreiben will, vielleicht auch einem Glauben ans ewige Dichterwort anhängt, und dem zweifelnden einstigen Vorzeigedichter der DDR, für den die anderen Literaturfunktionäre nur noch »Gesocks« sind, und der selbst längst Operativer Vorgang für die Stasi geworden war.

Nächste Vorstellungen: 5.12., 6.12.

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