Yascha Mounk: Fremd und befremdlich

»Zeit«-Mitherausgeber Yascha Mounk ist mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert

  • Karlen Vesper
  • Lesedauer: 2 Min.
Streitbarer Publizist: Yascha Mounk. Und jetzt umstritten?
Streitbarer Publizist: Yascha Mounk. Und jetzt umstritten?

Erstaunlich, wie schnell ein Mensch verschwindet. Im Internet. Wenn ihm irgendwas Anrüchiges anhaftet. »Hoppla! das kommt in den besten Hochschulen vor ...« entschuldigt sich die Bucerius Law School auf ihrer Homepage. Die Suche nach einem von »Deutschlands erster privater Hochschule für Recht«, so die Selbstauskunft, vor einiger Zeit veröffentlichten Gespräch mit Yascha Mounk schlägt fehl, Neugier bleibt unbefriedigt. Wer ist der Mann, der da von der Website einer Einrichtung der »Zeit«-Stiftung verschwand? Und warum wurde er aus dem digitalen Nest geschupst, äh: Netz?

Letzteres zuerst. Die Anschuldigung ist hart, der Vorwurf sexuellen Übergriffs (welch euphemistisches Wort) erstmal ernst zu nehmen. Der 1982 geborene deutsch-amerikanische Publizist, der unter anderem für die »New York Times«, das »Wall Street Journal« und »Zeit Online« schreibt, zugleich als Politikwissenschaftler an der John Hopkins University in Baltimore lehrt, soll eine US-Journalistin vergewaltigt haben, wie diese auf der Online-Plattform X kundtat. »Ich bin mir der schrecklichen Anschuldigung gegen mich bewusst. Sie ist kategorisch unwahr«, ließ dieser wissen. Und zeigte sich doch willig, seine Mitgliedschaft im Herausgeberrat der »Zeit« ruhen zu lassen, bis der Sachverhalt so oder so geklärt ist.

Mounk entstammt einer jüdisch-kommunistischen Familie, die zahlreiche Angehörige während der Shoah verlor, mit latentem Antisemitismus in Nachkriegspolen ausgesetzt war, sich lange weigerte, die Heimat zu verlassen, bis sie gleich Zehntausend Anderen, die sich vielfach gar nicht als Juden definierten und eigentlich den Sozialismus aufbauen wollten, regelrecht zur Ausreise gezwungen worden ist. Diese Zerrissenheit und Enttäuschung sowie eigene Erfahrungen mit Ressentiments oder gar Judenhass reflektierte der in westdeutschen Kleinstädten aufgewachsene Mounk unter anderem in seinem 2015 auch in Deutsch erschienenem Buch »Echt du bist Jude? Fremd im eigenen Land«. Zwei Jahre später nahm er die US-Staatsbürgerschaft an, um etwas zu tun gegen die Wiederwahl Trumps. Er tritt für einen »inklusiven Nationalismus« ein, um die nationale Frage nicht den Rechten zu überlassen, begrüßt Zuwanderung und multiethnische Gesellschaft, warnt vor einem Zerfall der Demokratie und fordert eine Demokratisierung der EU. Befremdlich, dass ein so engagierter Zeitgenosse Mindestmaß an Anstand und Moral, Achtung gegenüber dem weiblichen Geschlecht, abhold sein sollten. Wie immer wieder so vielen anderen, gerade auch prominenten und zuweilen intelligenten Männern. Was stimmt nicht mit der angeblichen Krönung der Schöpfung? Karlen Vesper

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