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Dieses käufliche Ding namens Kultur

Kunst und Kapitalismus, das alte Leiden: Chrizzi Heinens Roman »Tropicalia Passagen«

  • Mirco Drewes
  • Lesedauer: 5 Min.
»I am the DJ, I am what I play«, hat David Bowie gesungen – und genau da liegt das Problem.
»I am the DJ, I am what I play«, hat David Bowie gesungen – und genau da liegt das Problem.

Von Debütantinnen sei nicht viel zu erwarten, sagt der zynische Literaturagent Wagner in Chrizzi Heinens neuem Roman, er arbeite lieber mit verstorbenen Autor*innen. Im Literaturbetrieb würden »die Produkte der Nachwuchsautorinnen doch bloß überflogen, weil man mit ihnen nicht hart ins Gericht gehen durfte, um sie nicht gleich zu Beginn ihrer Karriere kaputt zu reden. Ihr Entwicklungspotenzial hatten sie mit dem zweiten Buch unter Beweis zu stellen.«

Tatsächlich ist »Tropicalia Passagen« Chrizzi Heinens zweiter Roman. Keine falsche Scheu vor Autofiktion! Zwar spielt der Roman ein doppeltes Spiel, in dem gern und häufig Bezug auf bestehende Konstellationen außerhalb der Handlung Bezug genommen wird. Doch findet sich weder ein erzählendes und Authentizität behauptendes Ich, noch würde sich auf die Prosa Heinens ein naiver Realitätsbegriff anwenden lassen.

Das Einkaufszentrum »Tropicalia Passagen« ist der zentrale Ort der Handlung, ein kybernetischer (Mikro-)Kosmos, in dem alle Zeichen miteinander zusammenhängen, aufeinander Bezug nehmen. Und in ihren Leerstellen auf das vielleicht Unerreichbare hinweisen, eine Welt frei von kapitalistischer Verdinglichung, irgendwo in einem erlösten Draußen. Das Einkaufszentrum ist Vorhof der Hölle und Ort der verzweifelten Suche der Protagonist*innen nach Katharsis.

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Wie in ihrem Debütroman »Am schwarzen Loch«, von der Stiftung Brückner-Kühner 2020 mit dem Förderpreis Komische Literatur ausgezeichnet, beschäftigt sich die Berliner Autorin, heuer Stadtschreiberin in Dortmund, mit der desillusionierenden Macht des Kapitalismus. Beschrieb sie in ihrem Debüt die Verdrängung und die Gentrifizierung der Clublandschaft, begibt sie sich in ihrem neuen Erzählwerk direkt ins Innere einer Keimzelle unserer Konsumwelt, in die Einkaufspassage.

Mit diesem Zoom in die Nahaufnahme verbunden ist eine stärkere Annäherung an die Innenwelt ihrer Protagonist*innen. Wandelten diese in ihrem Debüt auf der Suche nach Wegen alternativen Daseins durch die kapitalistisch deformierte Großstadt, so findet das Ringen um Freiheit nun in einer bereits vollständig konsumistisch ausgerichteten, unhintergehbaren Scheinwelt statt. Kapitalismus wird lesbar als ein alle Wahrnehmung präformierendes Existenzial, es geht um Auswege aus der persönlichen Hölle. Und um die Möglichkeiten autonomer Kunst oder wenigstens Freiheitserfahrungen in einer kulturindustriell vorgefertigten Welt des Konsums.

Hauptprotagonistin des Romans ist die Soundtüftlerin und DJane Mila Geffken, die in der »Tropicalia Bar«, dem After Work Club für Mitarbeitende des Einkaufszentrums, auflegt. Der exklusive Club ist freilich kein Ort der Freiheit im kontemplativen Kunsterleben, die Beschallung mit Musik geschieht im Rahmen eines totalitär auf Gehirnwäsche angelegten Konzepts bestmöglicher Verwertung des Humankapitals. Der Leiter der Bar, ein BWLer mit Erfahrungen in Klangökonomie und Musikpsychologie, spricht Klartext: »Die Zuhörerschaft verschmilzt mit dem Klang. Durch das Aussparen von ganzen Takten, also genau der Stellen, nach denen die Menge giert, können noch tiefere Verlusterfahrungen generiert werden.«

Mila, die unter dem Künstlernamen Vitamin M auflegt und der jeder persönliche Kontakt zu den Mitarbeitenden streng untersagt ist, ist dafür verantwortlich, den Kosmos Einkaufszentrum als Ort scheinbarer Sinnstiftung in den Köpfen zu verankern und die Mitarbeitenden psychisch abhängig zu halten. Am Ende der rituellen Tanzabende wartet die »Feedbackschleife«, ein ausgetüfteltes Soundpurgatorium, in dem einzelne Mitarbeiter*innen inmitten der Menge mit personalisierten Ermahnungs- und Motivationssprüchen beschossen werden. In regelmäßigen Briefings durch das Management wird Mila für diese peinigende Individuation präpariert: »Sie war bestens informiert über Vertragsverhältnisse, Schulabschlüsse, Familienstände, Geburts- und Wohnorte, Ess- und Trinkgewohnheiten, Partnerschaftsverhältnisse, sexuelle Vorlieben und so viel mehr.« Der Erfolg dieser künstlerischen Erziehungsmaßnahme wird nicht dem Zufall überlassen: »Ein am Mischpult befestigtes Pulsmessgerät informierte sie nonstop über die durchschnittliche Herzfrequenz der Tropicalia Gäste.« Es besteht kein Zweifel: Die Kunst ist vollkommen kompromittiert, Teil eines zynischen Kalküls.

Bald beginnt das schlechte Gewissen, Mila zu quälen. Der Verlust der Freiheit in der Ausübung ihrer Kunst markiert das Ende der Unschuld. Sollte Sie unabhängig vom Auflegen eine Platte machen? »Eine Veröffentlichung hinterließ nur Abfall. Eine Platte herauszugeben, war einfach hirnverbrannt. Musiker schleuderten ihre Arbeit in eine Gesellschaft, die einen überhaupt nicht brauchte.« Sie beschließt, auszusteigen und ein neues Leben zu beginnen, ohne Job im Einkaufszentrum und bewusst ohne Werk.

In einer künstlerischen Aktion scheinbarer Selbstlosigkeit, die zugleich ein magischer Akt der Reinigung ist, verschickt Mila drei selbstgenähte Püppchen an ihr wildfremde Personen, deren Namen sie von Klingelschildern abschreibt. Diese Totems beginnen bald ein Eigenleben. Eines findet den Weg zu ihr zurück. Eines gerät in die Finger des frustrierten Tropicalia-Paketladenbetreibers Paul, der in der Wohnung seiner verstorbenen Mutter lebt und sich nichts sehnlicher als die Rückkehr von Vitamin M wünscht, von deren schwarzmagischen Musikkünsten er abhängig ist. Das Dritte landet beim Agenten für posthume Literatur Wagner, der Milas Identität bald enttarnt und die Chance auf einen Bestseller wittert. In der Agentur unter Druck und zunehmend im Abseits beschließt er, Mila Geffken zu erpressen. Sie soll seine erste lebende Autorin werden und aus dem sagenumrankten Innenleben der »Tropicalia Bar« erzählen. Doch statt des bestellten Berichts schreibt sie heimlich an einem Roman, als dessen Urheber sie den Paketladenbesitzer Paul ausgibt.

Chrizzi Heinen legt mit den »Tropicalia Passagen« ein rätselhaftes Labyrinth von Bedeutungsebenen und intertextuellen Bezügen vor, in dem sich diverse Schätze heben lassen. Die Universalkünstlerin, die als Elektromusikerin und mit Performances reüssierte, als Zeichnerin ausgestellt und Hörspielpreise gewonnen und in Musikwissenschaft promoviert hat und nebenbei den Verlag für fiktive (nicht: fiktionale) Literatur Vakant betreibt, schreibt mit diesem Roman eine verspielte, vielfach codierte und dabei geschmeidig lesbare Absage an das bürgerliche Kunstwerk. Kunst kann man nicht besitzen, sie ist der einzige Modus zu leben, lautet ihr literarisches Credo.

Heinen ist eine einzigartige Stimme in der deutschsprachigen Literaturlandschaft mit hohem Wiedererkennungswert. Ihr magischer Realismus wirft ein Schlaglicht auf die Ödnis unserer kapitalistischen Lebenswelt und projiziert dabei eine Ahnung von Widerständigkeit und Freiheit als Schattenriss an die Höhlenwand unserer Erkenntnis. Diese Prosa ist Fluxus, märchenhaft, subtil komisch, desillusionierend und inspirierend zugleich und kaum aus dem Kopf zu bekommen. Ach so: Ihr Entwicklungspotenzial hat die Autorin unter Beweis gestellt.

Chrizzi Heinen: Tropicalia Passagen. Ventil, 224 S., geb., 22 €.

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