Buchhandel: Des Kapitalismus fette Beute

Christoph Ruf sorgt sich um die Zukunft des Buchhandels

Stapel von Büchern liegen auf den Tischen einer Buchhandlung.
Stapel von Büchern liegen auf den Tischen einer Buchhandlung.

Gerade ist die Leipziger Buchmesse zu Ende gegangen – ein Erlebnis mit Nachhall, wie in jedem Jahr. Was mir allerdings ebenso in Erinnerung bleiben wird wie die Lesungen, Vorträge und Buchempfehlungen, sind die vielen Gespräche mit Verlagsmitarbeiterinnen und Buchhändlern. Bei vielen war die Stimmung miserabel. Und nach all dem, was sie erzählten, gibt es auch gute Gründe, sich Sorgen zu machen um einen Beruf, den keiner ergreift, dem es ums Geld geht. Kultur ist leider nur in Sonntagsreden eine autonome Sphäre des Geistes und der Muße. Im echten Leben sind Musik und Literatur längst des Raubtierkapitalismus fette Beute.

Christoph Ruf

Christoph Ruf ist freier Autor und beobachtet hier politische und sportliche Begebenheiten.

Bei der Musik hat die Industrie in Gestalt der Streamingdienste den Künstlerinnen ihr Produkt weggenommen und setzt nun ein vollends gruseliges Geschäftsmodell durch. Schon im jetzigen System fahren große Labels und jene Stars einigermaßen gut, die mit massenkompatibler Musik Stadien füllen. 1250 Künstler weltweit bekamen so über eine Million Dollar ausgezahlt. Für Songs mit weniger als 1000 Streams im Jahr soll es aber künftig keine Auszahlungen mehr geben. Nicht weiter schlimm, sagt die Industrie, da die bisher dafür im Schnitt eh nur drei Cent pro Jahr bekommen hätten. Laut Spotify seien »Dutzende Millionen Titel« betroffen, was eine angemessen vage Angabe ist. Ein System, das dem Urheber eines Songs, den 1000 Menschen anhören, drei Cent auszahlt, ist pervers. Vor allem wenn man weiß, dass es schon jetzt 30 Prozent der Einnahmen für sich behält. Aber wozu wird dieses System dann, wenn es Zehntausende Künstler leer ausgehen lässt?

Nun, vielleicht zum Modell für den Buchmarkt. Auch der ist schon jetzt gründlich pervertiert: Wie Musiker schon jetzt damit leben müssen, dass sich ein Streamingdienst an ihrer Kunst mästet, verhält es sich hier mit Amazon. Die Verlage überlassen dem Branchenriesen weit höhere Margen als dem stationären Buchhandel. Sie tun das mit zwei weinenden Augen. Und mit gefesselten Händen, denn Amazon kann die Bedingungen diktieren, weil es sich kein Verlag leisten kann, auf die Plattform zu verzichten, die die mit Abstand meisten Bücher aus ihrem Sortiment verkauft. Technischer Fortschritt ist im Spätkapitalismus eben immer mit der gewaltsamen Vernichtung von Handwerk und Mittelstand, also mit dem Ausschalten einer gesellschaftskompatibleren Konkurrenz verbunden.

Auf dem Buchmarkt gibt es allerdings noch genau ein Instrument, das bislang verhindert, dass sich die großen Konzerne zu Tode siegen: die Buchpreisbindung, die dafür sorgt, dass ein Buch beim »Bücherwurm« oder bei »Buch Müller« in der Fußgängerzone genauso viel kostet wie bei Thalia oder Amazon. Durch die Buchpreisbindung wird ein Preiskampf bei Bestsellern verhindert. An dem Tag, an dem die Preisbindung fällt, wird es nur noch wenige Wochen dauern, bis der letzte kleine Buchladen zugemacht hat. Kein Wunder, dass Thalia schon deren Abschaffung gefordert hat.

Angesichts der chronischen Rückgratschwäche der deutschen Kulturpolitik darf man gespannt sein, wie lange die Preisbindung noch Bestand hat. Vor allem darf man hoffen, dass die Causa nie vor den Europäischen Gerichtshof kommt. Denn der entscheidet regelmäßig für den »freien Warenverkehr«. Und damit für die Freiheit von Online-Apotheken und Amazon.

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