Ausstellung Weimarer Republik: Totalitarismusdoktrin lässt grüßen

Topographie des Terrors befasst sich mit der Gewalt gegen die Weimarer Republik

  • Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.
Geschichte: Ausstellung Weimarer Republik: Totalitarismusdoktrin lässt grüßen

Am Eingang ist unter Glas ein Stahlhelm mit einem Hakenkreuz zu sehen. Einer Informationstafel kann man entnehmen, dass er während des Kapp-Putsches im März 1920 von einem der Soldaten getragen wurde, die die Weimarer Republik beseitigen wollten. Hier wird noch einmal sehr plastisch deutlich, dass die Nazis das Hakenkreuz nicht erfunden haben. Die NSDAP war nur eine von vielen Gruppen innerhalb der völkischen Bewegung. Angesichts neuer ultrarechter Gefahren ist es gut, dass die Topographie des Terrors in Berlin mit einer Sonderausstellung an die »Gewalt gegen Weimar« erinnert.

Hier begegnet man natürlich auch einem der wichtigsten Streiter seinerzeit gegen die Angriffe auf die junge deutsche Demokratie, den Mathematiker und Publizisten Emil Julius Gumbel, der 1922 in seiner Dokumentation »Vier Jahre politischer Mord« die Rechtslastigkeit der Justiz in der Weimarer Republik nachwies. Er zählte 354 Täter aus dem republikfeindlichen rechten Spektrum, die – so sie nicht gleich freigesprochen wurden – mit äußerst milden Strafen davon kamen, während die 22 im gleichen Zeitraum angeklagten Linken zu unverhältnismäßig hohen Strafen verurteilt wurden. Gumbel wurde wegen seiner Schriften zur Zielscheibe der Rechten. Sie entfachten 1930/31 an der Universität Heidelberg Krawalle, damit Gumbel die Lehrerlaubnis entzogen werde – was dann auch geschah.

Obgleich gerade dieses Beispiel der gleichmachenden Totalitarismusdoktrin widerspricht, schimmert eben jene in der Ausstellung durch. So hieß es bereits in einem Text zu deren Ankündigung unkonkret: »Sie macht sichtbar, wie Extremisten und Separatisten die Weimarer Republik an den Rand eines Bürgerkriegs brachten, mit welch drastischen Mitteln der Staat vorging und wie Sprache und Literatur der Zeit auf die Brutalität der Ereignisse reagierten.«

Alle Kritiker*innen der Weimarer Republik sollen Extremist*innen gewesen sein, die deren Ende herbeiführten? Auf Schautafeln werden linke und rechte Gegner*innen benannt, KPD mit der NSDAP immer wieder miteinander verglichen. So stehen Zeilen aus dem Naziblatt »Völkischer Beobachter« neben einem Auszug aus der »Roten Fahne«, werden der Rassenkrieg der Nazis mit kommunistischen Aufrufen zum Klassenkampf gleichgesetzt, Wahlplakate der KPD neben denen der NSDAP und anderer Rechtsparteien gezeigt. Wenn jedoch die KPD »Mobilmachung der deutschen Arbeiterklasse gegen Hindenburg« propagierte, lag sie doch gar nicht so falsch! Auch im unabhängigen Wochenblatt »Weltbühne« waren Kommentare zu lesen, die in der Wahl des Monarchisten Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten das Ende der Weimarer Republik eingeläutet sahen. Tatsächlich ebnete der ehemalige Weltkriegsgeneral, auch auf Druck führender Wirtschaftskreise, Hitler den Weg ins Kanzleramt. Doch für die Ausstellungsmacher*innen ist nur entscheidend, dass die KPD mit diesem Aufruf Hass gesät und Politiker*innen verächtlich gemacht habe.

An dem Sozialdemokraten und Konterrevolutionär Gustav Noske wird nicht kritisiert, dass er blutig gegen linke Arbeiter*innen vorgegangen ist. Es wird nur sachte moniert, dass er sich mit den Aufbau der Freikorps der Kräfte von vorgestern bediente. Das waren dann größtenteils auch die Truppen, die mit der Niederschlagung von Streiks mit 1200 Toten im Osten Berlins im März 1919 und wenige Wochen später der Räterepubliken in München und Bremen schon mal den Terror gegen Linke vorexerzierten, der mit dem Machtantritt der Nazis zum Regierungsprogramm wurde. Kritische Publizisten wie Sebastian Haffner haben diese Zusammenhänge klar erkannt und benannt. Doch der als Jude und unabhängiger Geist ins britische Exil gezwungene promovierte Jurist wird in der Ausstellung nicht einmal erwähnt. Diese Sonderschau ist eine Enttäuschung, die man von der Topographie des Terrors nicht gewohnt ist.

»Gewalt gegen Weimar – Zerreißproben. Die frühen Republik 1918–1923«, Topographie des Terrors, Niederkirchnerstr. 8, 10963 Berlin, bis 1. September 2024, täglich 10 – 20 Uhr

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