Geschraubt, gespreizt, geschwollen

Wer braucht Literaturpreise?

Es wird Zeit, dass auch die Wandfarbe einen Literaturpreis bekommt.
Es wird Zeit, dass auch die Wandfarbe einen Literaturpreis bekommt.

Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft nicht vollständig auf die Vergabe von Literaturpreisen verzichtet werden sollte.

Mit Preisen ausgezeichnet wird hierzulande fast ausschließlich Literatur, die einen salbungsvoll-pompösen Ton aufweist. Beliebt ist traditionell das Geschraubte, Gespreizte, Geschwollene. So etwas beispielsweise: »Ich baue Leichtigkeit an wie andere Mais und dünge sie mit Himmelslicht« (Martin Walser). Weswegen vom hiesigen Feuilleton besonders Heißluftbehälter und Großdenkerdarsteller dieses Schlags gefeiert werden. Eine kleine Textprobe aus dem Prosaband »Der Fortführer« (Rowohlt, gebunden, 208 Seiten, 20 Euro): »Im unbefestigten Geläuf, Sandbahn für die Gewinner, blieb stecken der dampfende Schuh vom eiligsten Menschen der Erde.« Ja, nichts, wirklich nichts liest sich so sehr wie eine gelungene Botho-Strauß-Parodie wie ein Satz von Botho Strauß selbst.

Doch das deutsche Feuilleton kriegt sich angesichts solch gülden im Abendhimmelslicht schimmernder Quatschprosa kaum noch ein, sodass selbst die Rezensionsüberschriften daherkommen, als habe man sie von den Lippen des Meisters selbst empfangen: »Denkanstöße eines Unzeitgemäßen« (Deutschlandfunk), »Hörst du den Schlaf rauschen?« (»Zeit«), »Abschied aus der Gegenwart« (»Freitag«).

Die gute Kolumne

Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute

Auch die jungen, tendenziell illiteraten und meist narzisstisch veranlagten Literaturnachwuchskräfte, denen die Techniken der rückstandslosen Selbstvermarktung und -verwertung längst in Fleisch und Blut übergegangen sind, ahmen den manierierten und dunkel raunenden Nicht-Stil der Älteren, der sich im Betrieb bewährt hat, erfolgreich nach und schreiben in ihren Suhrkamp- und Hanser-Bändchen den gleichen öden Stiefel, weil sie’s halt in ihren »Kreatives Schreiben«-Workshops so beigebracht bekommen haben.

Verlegt und rezensiert wird solche Literatur vor allem für Studienräte, die die zahlreichen windschiefen und verquasten Metaphern jederzeit bereitwillig zu »Poesie« adeln und das penetrante Bedeutungs- und Wichtigkeitsgehupe, aus dem diese Prosa hauptsächlich besteht, als Gedankentiefe oder -fülle missverstehen. Man hat es mit einer mal mehr, mal weniger geschickt als Topcheckerkunst getarnten Trivialliteratur zu tun, die sich erfolgreich den Anschein von Tiefgründigkeit gibt und so die Zielgruppe clever zum Narren hält.

Der Sprachkritiker Stefan Gärtner charakterisierte einmal treffend die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wie folgt: »maßkonfektionierte Konsensprosa für Feuilleton und Literaturpreisjurys, bisschen Avantgarde, bisschen Bildung, bisschen Witz, und zwar genau so tantig abgezirkelt, dass ›Zeit‹-Leser beim Schmunzeln den Tee nicht verschütten«.

Dass bei der Vergabe von Literaturpreisen an die handelsüblichen Konsensprosaproduzenten »literarische Qualität« eine Rolle spielt, glaubten tatsächlich bisher nur Leute, die in der kommenden Vollmondnacht ihre Heilsteine neu aufladen wollen oder die ihr ganzes Vertrauen in Volker Wissings kluge Verkehrspolitik setzen. Umso überraschender war neulich die kurzzeitige Aufregung im Feuilleton über den Umstand, dass bei solchen Preisverleihungen literarische Qualität nichts zählt, sondern am Ende der ganze Zinnober nichts anderes ist als eine ungustiöse Mischung aus Reklame, Kulturlobbyismus, Gschaftlhuberei und eitler Selbstinszenierung des zurzeit herrschenden Literaturbetriebsbeamtentums und seiner Lakaien. Hätten »literarische Kriterien« in diesem erbärmlichen Zirkus je irgendeine Relevanz gehabt, müssten 98,7 Prozent der Literaturnobelpreisträger ihre Auszeichnung zurückgeben (und die mit ihr einst verbundene Geldsumme an von schlechten Büchern gelangweilte und traumatisierte Leser spenden. Ich schlage vor, Herta Müller macht den Anfang.)

Die meisten Deutschen interessieren sich allerdings nicht im geringsten für Literatur, sondern lesen, wenn sie überhaupt neben Klatschpresseschlagzeilen und »lustigen Sprüchen mit Bildern« noch irgendetwas lesen, die lieblos zusammengezimmerten Buchstabenkonvolute von Leuten wie Fitzek oder Zeh (bisher 31 Auszeichnungen, davon 24 Literaturpreise).

Vor ein paar Jahren stieß ich im Baumarkt auf ein Sortiment von Wandfarben, denen man – Marketing ist das A und O – Produktnamen gegeben hatte wie »Befreiter Feuervogel«, »Elfenbein-Rebellin«, »Zeit der Eisblumen«, »Vers in Pastell« oder »Erwachen des Frühlings«. Und ich dachte mir: Ja, das könnten alles Titel von Romanen sein, wie sie hierzulande in rauen Mengen auf den Tischen der Buchhandelsfilialen liegen: Edelkitsch verkauft sich hierzulande gut, ganz egal ob als Wandfarbe oder in Buchform.

Sicher ist jedenfalls: Die zuverlässigste Methode, um die Qualität von Literatur zu ermitteln, besteht darin, mich zu fragen.

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