Kein richtiges Gärtnern im falschen Gewächshaus

Zara Zerbe über ihren Debütroman »Phytopia Plus« und den Alltag im Klimakollaps

  • Interview: Sascha Sefferin
  • Lesedauer: 5 Min.
In Pflanzen läuft vieles zusammen, das uns philosophisch und politisch interessieren könnte.
In Pflanzen läuft vieles zusammen, das uns philosophisch und politisch interessieren könnte.

Zara Zerbe, warum können die Figuren in »Phytopia Plus« ihr digitalisiertes Bewusstsein auf Pflanzen speichern lassen, wenn sie die 350 000 Euro übrig haben?

Der Roman spielt in einer nahen Zukunft, um 2040 herum, in der das 1,5°C-Ziel zu erreichen, deutlich verpasst wurde. Dieser Planet wird für die menschliche Spezies unbewohnbar werden. Wie in diversen Science-Fiction-Stoffen, in denen die Menschheit die Erde aus genau solchen Gründen in Richtung Weltraum verlässt. Also warum einen neuen Planeten suchen, wenn ein anderer, widerstandsfähigerer Körper die Lösung sein könnte? Wenn die notwendigsten Überlebensgrundlagen vorhanden sind, können Pflanzen sogar an scheinbar ungeeigneten Orten wachsen. Gleichzeitig ist Raumfahrt ein großes Hobby bestimmter Multimilliardäre, und solange wir im Kapitalismus leben, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Überlebensstrategie »Ersatzplanet in Aussicht, ab ins Raumschiff« allen Menschen gleichermaßen zugänglich wäre. Genauso verhält es sich mit »Phytopia Plus«, wie das Pflanzenspeicherprogramm in meinem Roman heißt: Das ewige Leben in einem anderen Körper – auch über den Klimakollaps hinaus – ist möglich, aber eben nur, wenn du das nötige Kleingeld hast.

Im Roman ist der Klimawandel bereits deutlich zu spüren: Dürreperioden, Artensterben, brütende Hitze, Ernteausfälle. Die Stadt Hamburg, in der die Handlung angesiedelt ist, steht teilweise unter Wasser. Wer es sich leisten kann, lebt nördlich der Elbe in Gated Communities mit eigenem Biosupermarkt, während sich die Menschen am südlichen Elbufer mit möglichen Überschwemmungen und leeren Regalen im Supermarkt herumschlagen. Ist Ihr Roman eine Dystopie?

Interview

Zara Zerbe wurde 1989 in Hamburg-Harburg geboren und lebt als freie Autorin in Kiel. Sie ist Mitherausgeberin des Literaturmagazins »Der Schnipsel«. Ihre Erzählung »Limbus« wurde mit dem Preis »Neue Prosa Schleswig-Holstein 2018/2019« ausgezeichnet und ist 2020 im Sukultur-Verlag erschienen. 2021 erschien die Novelle »Das Orakel von Bad Meisenfeld« im Stirnholz-Verlag. 2022 wurde sie mit dem Kunstförderpreis des Landes Schleswig-Holstein ausgezeichnet.
 »Phytopia Plus« (Verbrecher Verlag, 432 S., geb., 25 €) ist ihr Debütroman. Darin wirft sie einen Blick auf eine dystopische Zukunft, in der ein Unter­nehmen versucht, menschliches Bewusst­sein in Pflanzen zu übertragen, um ein Leben nach der Klimakrise zu ermöglichen. Kostenpunkt: 350 000 Euro, also ist dieses Verfahren nur Besser­verdiener*innen zugänglich. Aylin, Aushilfsgärtnerin in der Drosera AG, setzt sich zum Ziel, ihrem Großvater ein solches Überleben zu ermöglichen, und beginnt mit Ablegern der Speicherpflanzen, Profit auf dem Schwarzmarkt zu erwirtschaften.

Einige Elemente sind natürlich dystopisch, aber auch jetzt schon ganz real: die spürbaren Auswirkungen des Klimawandels, die katastrophale städtische Wohnungsbaupolitik, die großen sozialen Ungleichheiten und der Freifahrtschein der Konzerne. Ich bekomme oft die verwunderte Rückmeldung, dass sich die Realität im Buch gar nicht so sehr von unserer Wirklichkeit unterscheidet. Die meisten Menschen stellen sich unter einer Dystopie etwas noch Schlimmeres, Beängstigenderes vor, als unsere Gegenwart, etwas zwischen 1984 und The Walking Dead. Aber gerade diese immer gleiche Erzählung davon, wie der Mensch dem Menschen angeblich ein Wolf ist, tut doch nichts anderes, als eine gewisse Angstlust am Untergang zu befriedigen und die Menschen ansonsten auf ihren zugewiesenen Plätzen zu halten. Ich hätte keine künstlerische Notwendigkeit darin gesehen, mich dort einzureihen.

Wie sonst an diese erzählerische Herausforderung herangehen?

Etwa so wie Science-Fiction-Autor Aiki Mira im demokratischen Salon über Cli-Fi, also Climate fiction, und Post-Cli-Fi schreibt: Dass wir längst im Klimawandel leben und der Kollaps die Konstante unserer Gegenwart ist. Post-Cli-Fi ist demnach das literarische Anliegen, diese klimatische Gegenwart zu bewältigen, mögliche Zukünfte zu entwerfen und dabei unser Verhältnis beziehungsweise die Grenzen zwischen Mensch, Natur und Technik infrage zu stellen und neu zu erzählen. Und, was postapokalyptisches Erzählen unter dieser Prämisse bedeuten kann: über »das banale Alltagsleben zu schreiben, das wir leben müssen, auch dann, wenn alles auseinanderfällt. Aufgaben, die wir erledigen müssen, Beziehungen, die gepflegt werden müssen, ein postapokalyptischer Alltag im Kollaps«. Obwohl mein Roman schon im Druck war, als der Text von Aiki Mira erschienen ist, entspricht das dem Konzept, das ich beim Schreiben verfolgt habe: einen möglichen Alltag in der fortwährenden Klimakrise erzählen.

In diesem Alltag spielen Pflanzen eine zentrale Rolle. Wir begleiten die Hauptfigur Aylin nicht nur bei ihrem Aushilfsjob in den Gewächshäusern des Biotech-Konzerns, der das Bewusstseinsspeicherverfahren »Phytopia Plus« anbietet, sondern auch, wenn sie über die Kleinanzeigenplattform »Pidgin« seltene Zimmerpflanzen verkauft oder gegen frisches Gemüse aus den exklusiven Biosupermärkten in den Gated Communities tauscht. Wie sind die Pflanzen in den Text gekommen?

Einer meiner Aufhänger für den Stoff war, dass ich bei Ebay-Kleinanzeigen einen Monstera-Variegata-Steckling für 150 Euro gesehen habe. Und der schien mir nicht einmal besonders gut bewurzelt! Trotzdem hat ihn wohl jemand gekauft, jedenfalls war die Anzeige nach ein paar Tagen gelöscht. Ich habe selber eine ganze Menge Pflanzen, die einen beträchtlichen Anteil meiner Aufmerksamkeit beanspruchen, und trotzdem war mir eines lange nicht bewusst: Viele beliebte Zierpflanzenarten sind als Raubgut in der Kolonialzeit nach Europa gekommen und werden auch heutzutage weder ökologisch noch fair gehandelt.

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Heute sind wir an dem Punkt, dass wir uns in unseren eigenen vier Wänden einen Instagram-tauglichen sogenannten Urban Jungle einrichten können, während der menschengemachte Klimawandel draußen massive Schäden an der Natur und damit auch ein riesiges Artensterben verursacht. Lässt sich das als »kein richtiges Leben im Falschen« abhaken? Eine zufriedenstellende, beruhigende Antwort kann ich darauf nicht geben. Über die kapitalistischen, postkolonialen Verstrickungen unserer Zimmerpflanzen hinaus finde ich es allerdings auch spannend, sie nicht allein als Sammelobjekt oder Statussymbol, sondern als eigenständiges Wesen zu betrachten.

Die Gewächse kommen in kurzen Kapiteln selbst zu Wort, ähnlich einem Chor im antiken Theater. Welche erzählerischen Möglichkeiten ergeben sich aus einer pflanzlichen Perspektive? Besteht dabei nicht die Gefahr eines Anthropozentrismus?

Aus menschlicher Sicht mögen Pflanzen den Nachteil haben, dass sie sich zum Beispiel nicht eigenständig fortbewegen können. Aber ist Wachstum, die Verbreitung von Samen durch Wind oder andere Lebewesen oder das Bilden von Rhizomen nicht ebenfalls eine Form der Bewegung? Außerdem haben viele Pflanzenarten effektive Kommunikationswege und können sich zum Beispiel über Botenstoffe gegenseitig vor Schädlingen warnen. Wenn man die Agency von Pflanzen als solche erkennt, ergeben sich daraus spannende Erzählmöglichkeiten. Das habe ich auch mit meinem Pflanzenchor umgesetzt, der das Geschehen um sich herum aus seinen eigenen körperlichen Voraussetzungen heraus erkennt und kommentiert. Und damit habe ich eigentlich nur an der Oberfläche dessen gekratzt, was aus einer postanthropozentrischen Erzählperspektive möglich ist. Gerade in Pflanzen läuft vieles zusammen, das uns philosophisch und politisch interessieren könnte. Darüber würde ich gern mehr lesen, schreiben und nachdenken.

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