Linke-Kandidat Hecht: »Die AfD spielt ohne Torwart«

Linke-Kreistagskandidat Johannes Hecht über Wirtschaftspolitik, Wahlkampf auf dem Dorf und Lauftraining

  • Interview: Lotte Laloire
  • Lesedauer: 8 Min.
Um seinen Herkunftslandkreis Vorpommern-Greifswald nicht der AfD zu überlassen, ist Johannes Hecht aus Berlin dorthin zurückgekehrt. Er kandidiert für Die Linke für den Kreistag.
Um seinen Herkunftslandkreis Vorpommern-Greifswald nicht der AfD zu überlassen, ist Johannes Hecht aus Berlin dorthin zurückgekehrt. Er kandidiert für Die Linke für den Kreistag.

Sie sind in Wietzow bei Anklam aufgewachsen, haben 20 Jahre woanders gelebt und wollen jetzt hier in den Kreistag. Wieso?

Ich saß in Berlin am Schreibtisch und war deprimiert. Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass ich woanders gebraucht werde. In meiner Altersgruppe gibt es bei der Linken eine Lücke. Sogar unsere Zahnärztin wurde gefragt, ob sie kandidieren will, dabei ist sie nicht mal Parteimitglied. Als ich dann noch erfahren habe, dass das Jugendzentrum »Demokratiebahnhof« in Anklam geschlossen werden soll, habe ich endgültig Feuer gefangen. Das macht mich so wütend. Man kann doch nicht einfach alles abbauen! Und die AfD profitiert ja nicht nur von Rassismus, sondern auch von genau soetwas.

Warum sind Sie zur Linken gegangen?

Weil sie für diese Themen genau die richtige Partei ist und hier eine hohe Glaubwürdigkeit hat. Passives Mitglied war ich schon seit 2022.

Interview


Johannes Hecht (39) ist Lehrer für Geschichte und Politik in Berlin. Ursprünglich kommt er aus Wietzow im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Dort will er für die Linke in den Kreistag, der am Sonntag neu gewählt wird.

War das ein Mitleids-Eintritt?

Ja vielleicht am Anfang. Solange Sahra Wagenknecht da war, hätte ich nicht kandidiert. Aber jetzt finde ich das Programm so super, als hätte ich es selbst geschrieben.

Was macht die Partei denn auf kommunaler Ebene?

Sie setzt sich für den Erhalt der Jugendclubs und Schulen auf dem Land ein, für mehr öffentliche und soziale Daseinsvorsorge, für besseren Nahverkehr. Zum Beispiel gibt es hier die Ilse-Busse. Da kann man telefonisch oder online buchen und dann kommt ein Kleinbus oder auch nur ein PKW, holt die Leute in ihrem Dorf ab und bringt sie zu den Bundesstraßen, wo dann Linienbusse fahren. Das ist ein tolles Konzept.

Und was wollen Sie da noch tun, sollten Sie gewählt werden?

Die Taktung der Linienbusse auf den großen Bundesstraßen muss enger werden! Optimal wäre stündlich. Wenn nicht, wenigstens in den Stoßzeiten. Aktuell fahren die wenigen Busse, die es gibt, fast leer rum. Aber nicht, weil niemand auf das Auto verzichten will, sondern weil Busfahren einfach nicht attraktiv ist. Ich will dafür sorgen, dass auch die Menschen hier auf dem Land das 49-Euro-Ticket nutzen können. Das war bisher ja die einzig wirklich sinnvolle Idee der Ampel-Regierung.

Vorpommern-Greifswald ist einer der ärmsten Landkreise in Deutschland. Was würden stündliche Busse kosten und wo wollen Sie das Geld hernehmen?

Das wären Millionenkosten, ganz klar. Da muss das Land unterstützen. Und dort hat sich die Stimmung gerade in diese Richtung gedreht, das ist gut. Natürlich muss auch der Bund mehr Mittel bereitstellen. Das will der FDP-Verkehrsminister Volker Wissing nicht. Aber für Waffen werden 100 Milliarden ausgegeben. Und das Geld aus dem Klimatransformationsfonds wird lieber genutzt, um Chipkonzerne anzusiedeln. Darauf muss man dann kommunal eben hinweisen. Ich kann nicht mehr versprechen, als dass ich alles dafür tun würde.

Womit könnten die klammen Kommunen hier oben denn mehr Geld einnehmen?

Zum Beispiel durch Windkraft. Davon profitieren bisher nur Konzerne, Fonds und die Eigentümer der Äcker, auf denen die Windräder stehen. Die Gemeinden bekommen fast nichts. Dabei könnte man pro Windrad Zehntausende Euro einnehmen, wenn auch nur ein Cent pro Kilowattstunde an die Kommune ginge.

In Mecklenburg-Vorpommern sind Investoren bereits seit 2016 gesetzlich verpflichtet, beim Bau neuer Windparks Anwohnern und Kommunen eine Projektbeteiligung von mindestens 20 Prozent anzubieten. Nimmt Ihr Kreis das etwa nicht an?

Ja, da ist unser Land Vorreiter. Aber das wird von Kommunen kaum angenommen, weil diese erstens nur wenig Geld zum Investieren haben und zweitens nicht ausreichend Kapazitäten, um mit den Anwälten von Konzernen zu verhandeln. Es ist ein Versäumnis der Bundesregierung, dass sie einerseits zwei Prozent der Fläche für Windkraft vorschreibt, andererseits nicht die Vergütung für Kommunen und Anwohnende geregelt hat – nur die der Investoren. Der Bund sollte eine Abgabe an die Kommunen mit Windkraftanlagen leisten. Das würde die Akzeptanz für die Energiewende hier vor Ort erhöhen. Aber so etwas höre ich von Wirtschaftsminister Habeck leider nicht.

Die Linke regiert im Land in einer rot-roten Koalition mit. Spielt das für Ihren Wahlkampf eine Rolle?

Richtig wenig. Dabei hat die Linke in der Landespolitik eine gute Figur gemacht. Sie hat sich bei den Protesten gegen das LNG-Terminal vor Rügen klar positioniert und das Feld so nicht der AfD überlassen. Wie in Berlin haben sie den Frauentag zum gesetzlichen Feiertag gemacht. Und von der DDR haben sie die Idee übernommen, dass Lehrer in der Ausbildung von Anfang an zwei Tage pro Woche an Schulen sein sollen. Das finde ich richtig gut. Außerdem hat Die Linke geschafft, dass MV die meisten Balkonkraftwerke hat, weil sie dafür gesorgt hat, dass alle Mietenden die kostenlos bekommen. Das ist linke Klimapolitik, weil hier Klimaschutz von Eigentum entkoppelt wird und die Strompreise für die Leute gesenkt werden. Aber wir sind leider manchmal etwas farblos und schaffen es nicht so gut, solche Erfolge herauszustellen.

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Bevor ich zu Ihnen nach Wietzow gefahren bin, wurde ich in Berlin mit »Pass auf dich auf!« verabschiedet, ich glaube nicht wegen der vielen Verkehrsunfälle, sondern wegen der Nazis. Finden Sie das angebracht?

Ja. Es ist hier nicht mehr wie früher im Schulbus, wo du weißt, da hinten sitzen die Nazis und du musst immer genau gucken, wann die Stimmung kippt. Die wirken durch ihren Lebensstil bürgerlicher, haben jetzt Höfe und Kinder, sind aber immer noch hier, immer noch Nazis und immer noch gefährlich.

Woran merken Sie das?

In Daberkow wurden alle Plakate der Linken runtergerissen. Und zwar so säuberlich, dass ich den Eindruck hatte, die konnten das ganz in Ruhe machen, ohne Angst gestört zu werden. Da habe ich sofort wieder welche hingehängt. Die AfD wird auch immer aggressiver. Die gehen in die Gemeindevertretersitzungen und wollen Rederecht, obwohl ihnen das nicht zusteht. Dann filmen sie alles und machen daraus Skandale, die eigentlich gar keine sind. Videos von AfD-lern wie Enrico Schult aus Demmin werden 100 000 Mal angeklickt. Wenn ich wieder ganz herziehe, wollen wir einmal pro Woche trainieren – und zwar mit hohem Anteil Lauftraining.

Was passiert, wenn solche Leute gewählt werden?

Also für die Gemeindevertretungen und als Bürgermeisterin oder Bürgermeister tritt fast keiner für eine Partei an, das ist hier sogar fast verpönt. Es gibt natürlich Leute, bei denen man sich überlegt, ob sie der AfD nahestehen. Anders ist das bei den Kreistagen. Da kandidiert die AfD. Und da könnte sie viel Unheil anrichten. Die alternative Kultur- und Jugendarbeit wäre dann gefährdet.

Was halten Sie bei sich vor Ort denn für die richtige Strategie gegen rechts?

Ich rede mit den Leuten, die AfD wählen wollen. Ich nenne keine Namen, aber einige von denen sind durchaus kompetent. In diesen Gesprächen versuche ich, nicht in den Ich-bin-dagegen-Reflex zu verfallen, sondern zu sagen: »Das bedeutet aber, dass …« Zum Beispiel: »Wenn die AfD drankommt, würde sie die Gewerbesteuer senken. Das bedeutet, die Gemeinden hier hätten noch weniger Geld.« Ich stelle die AfD eben programmatisch vor. Das ist viel sinnvoller, als mit abstrakten Werten wie Demokratie anzukommen. Im Sozial- und Wirtschaftsbereich bietet die AfD eine offene Flanke, da spielen die ohne Torwart. Aber das benennt die Linke viel zu wenig. Es tut mir leid, aber die Leute interessiert Antirassismus einfach weniger als Wirtschafts- und Sozialpolitik, das ist leider einfach so.

Stört es die Leute nicht, dass einer, der so lange weg war, plötzlich wieder hier aufschlägt und sich gleich einmischt?

Nee. Die freuen sich eher, wenn Leute zurückkommen. Ich kriege sehr viel sehr positives Feedback. Viele sagen: Jetzt weiß ich endlich mal, wen ich wählen kann. Aber ich war auch die letzten Jahre schon wieder viel mehr hier. In Berlin habe ich als Lehrer gearbeitet, aber nur 23 Stunden pro Woche, die restliche Zeit war ich hier. Aber Menschen wählen ja nicht unbedingt rational, das habe ich in den letzten Wochen gelernt. Ich habe auch in Dresden Wahlkampf gemacht, weil mein Freund dort wohnt. Da habe ich zum Beispiel drei farbige Jugendliche aus Pirna getroffen. Die meinten, sie wählen die AfD. Was soll man da sagen?

Wie haben Sie als Neuling eigentlich gleich Listenplatz 4 bekommen?

Das liegt wie gesagt daran, dass es hier wenige aktive Linke mittleren Alters gibt. Wir haben viele Ältere, und es kommen auch ganz Junge nach. Aussicht haben wir hier wohl auf zwei Listenplätze. Zwei von uns kandidieren auch in anderen Kreisen, das ist in der Kommunalpolitik oft so, und wenn die dort einziehen, rücke ich nach. Dann komme ich hoffentlich rein. Man hat ja drei Stimmen, die kann man aufteilen oder alle einem Kandidaten geben. Und in Dörfern wie Wietzow und Büssow kann es durchaus sein, dass manche mir alle drei Stimmen geben.

Die Linke steht in den Umfragen bei 15 Prozent. Was stimmt Sie da so optimistisch?

Wir sind zusammen groß geworden, wir kennen uns gut. Darunter sind Leute, die bisher die Grünen, Die Partei oder gar nicht gewählt haben. Es gibt hier auch eine alternative Bubble, die sich hier ihr Leben in der Nische eingerichtet hat. Da sind viele eher kulturinteressiert und sehen das Politische gar nicht so. Manche wollen eigentlich BSW wählen, aber die treten kommunal noch nicht überall an, deshalb wählen sie jetzt eben noch mal die Linke.

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