Speicher des Widerstands

In Salzderhelden wächst ein ganzes Ökosystem alternativer Lebensweisen

Im Vordergrund ein Teil der Häuser, die die Gruppe aus Salzderhelden mithilfe einer Stiftung gekauft hat
Im Vordergrund ein Teil der Häuser, die die Gruppe aus Salzderhelden mithilfe einer Stiftung gekauft hat

Auf das Schreien der Kettensäge folgt Knarzen und Knacken; ein dumpfer Knall, als der Baum mit seiner ganzen Wucht auf den Boden kracht. Dabei zuzusehen, wie ein alter, gesunder Wald abgeholzt wird, kann das Herz erschüttern wie den Waldboden, auf dem man steht.

Im Winter 2020 bebte die Erde des Dannenröder Forsts bei Marburg tausendfach. Aktivist*innen hatten den »Danni« besetzt, um gegen den Ausbau der Autobahn A49 zu protestieren. Und dann, am 8. Dezember, war es vorbei – die Bäume gefällt, die Baumhäuser am Boden zerschellt. Irgendwo unter den Trümmern aus Holz ein Banner mit dem Spruch: »Sie versuchten, uns zu begraben, aber sie wussten nicht, dass wir Samen waren.«

Neuanfänge

Wie geht es nach so einem verlorenen Kampf weiter? Wohin ziehen die Menschen? Was ist der Nährboden für die Samen, aus denen neuer Widerstand wachsen soll?

Lotte Herzberg zog es nach Salzderhelden, ein 2000-Seelen-Dorf, nicht weit von Göttingen entfernt. Nicht des schönen Namens wegen – er geht vermutlich auf das mittelalterliche »Salz an der Halde« zurück – sondern wegen des Projekthauses K20, das dort zu diesem Zeitpunkt seit wenigen Monaten bestand. Laut Eigenbezeichnung eine »politische Aktionswerkstatt« und ein »utopischer Freiraum zum Leben anderer Selbstverständlichkeiten«.

Es geht auch anders

Der tägliche Strom an Nachrichten über Krieg, Armut und Klimakrise bildet selten ab, dass es bereits Lösungsansätze und -ideen, Alternativprojekte und Best-Practice-Beispiele gibt. Wir wollen das ändern. In unserer konstruktiven Rubrik »Es geht auch anders« blicken wir auf Alternativen zum Bestehenden. Denn manche davon gibt es schon, in Dörfern, Hinterhöfen oder anderen Ländern, andere stehen bislang erst auf dem Papier. Aber sie zeigen, dass es auch anders geht.

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Heute hat sich um die K20 ein kleines Ökosystem alternativer Lebensweisen gebildet, eine Art Dorf im Dorf. 35 bis 40 Leute gehören inzwischen zu dem Projekt. Unter anderem besteht es aus Werkstätten, einem Café, eigenem Obst- und Gemüseanbau, einem Lebensmittelverteiler und mehreren WGs und Wohnprojekten. Lotte ist nicht die einzige, die hierherkam, um ihr aktivistisches Leben zu verstetigen. Auch nach der Räumung Lützeraths am Tagebau Garzweiler im letzten Januar haben sich Menschen nach Salzderhelden aufgemacht.

Solche verlorenen Kämpfe haben dazu beigetragen, dass sich immer weniger Menschen für das Klima engagieren. Was es in solchen Flautezeiten braucht, sind Wissens- und Erfahrungsspeicher für soziale Bewegungen, aus denen heraus Neues wachsen kann – wie die sprichwörtlich vergrabenen Samen. Orte wie Salzderhelden?

Das Mitmach-Café »zur Molli«

»Zahl so viel du willst!« lautet die Antwort auf die Frage, wie viel eine Tasse Kaffee im Bahnhofs-Kiosk »zur Molli« in Salzderhelden kostet. Die meisten gehen ohne zu halten durch das Bahnhofsgebäude hindurch, wenn sie mit dem Zug von Göttingen oder Hannover ankommen. Für manche aber ist die Molli das Tor in eine Welt, in der anders über das gesellschaftliche Miteinander nachgedacht wird. Geben und Nehmen sollen hier voneinander entkoppelt werden; man soll freiwillig etwas beisteuern, statt einen festgelegten Geldbetrag gegen eine Ware zu tauschen. Deshalb bezeichnet sich die Molli als »tauschlogikfrei«.

»Gib so viel du magst«: Sophie (links) und Linnéa engagieren sich im Mitmach-Café »zur Molli«.
»Gib so viel du magst«: Sophie (links) und Linnéa engagieren sich im Mitmach-Café »zur Molli«.

Ein Idee, die in allen Teilen des »Reallabors« Salzderhelden gilt. Und ein Ansatz, der in Besetzungen wie Lüzerath und im Danni genauso praktiziert wurde, wie nun in der »Wasserbesetzung« gegen Tesla bei Grünheide. Man nennt das den »präfigurativen Charakter« solcher widerständigen Orte. Soll heißen: Aktivist*inn»en warten nicht erst darauf, bis ihre Forderungen erfüllt sind, sie leben ihre Utopien schon vor. Weil es in Salzderhelden genau wie bei vielen Hausbesetzungen um die Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse geht, gilt an diesen Orten die Devise: Gemeingut statt Eigentum.

Die Molli ist der perfekte Ort, um das zu veranschaulichen, findet Linnéa, die seit über einem Jahr dauerhaft in Salzderhelden lebt und eherenamtlich in der Molli arbeitet; «gerade für Menschen, die nicht so viel Erfahrung mit Themen wie Tauschlogikfreiheit haben».

Zum Frühstücken auf der Terrasse an einem stillgelegten Gleis zieht sie ihre Kochschürze aus. Es gibt selbstgemachte Brötchen und Obstsalat. Zwei Gleise weiter rauscht ein Güterzug vorbei. Als sie vor zwei Jahren das erste Mal hier angekommen ist, fand auf dem stillgelegten Gleis ein selbstorganisiertes Konzert statt, erzählt Linnéa. Diesen Mitmach-Charakter schätzt sie an Salzderhelden. «Ich finde es ganz toll, mich mit Leuten zu organisieren und Ressourcen zu teilen.» Sie kam – anders als Lotte – über ein Bildungsprogramm im K20 nach Salzderhelden. Doch dazu später mehr.

Über den Deich ins Dorf

Lotte Herzberg auf dem Weg vom Bahnhof zum Projekthaus K20.
Lotte Herzberg auf dem Weg vom Bahnhof zum Projekthaus K20.

Ein grell-grünes Band schlingt sich um den Lenker von Lottes Fahrrad. Sie schiebt es über den Deich, auf dem man vom Bahnhof in den Ortskern von Salzderhelden spazieren kann. Der Wind weht durch ihre blaugefärbten Strähnen, als sie von der ländlichen Idylle schwärmt: Das weite Grün des Flutpolders, runde Hügel, die sich sanft aus dem Leinetal erheben, und eine Burgruine, die über dem Dorf thront.

Vor ihrer Zeit im Dannenröder Forst war Lotte bei Extinction Rebellion aktiv und in der politischen Trommelgruppe Rhythms of Resistance. Auch heute ist es ihr wichtig, nicht nur in Salzderhelden zu sein. «Ich möchte meine Kraft so einteilen, dass ich auch weiter nach außen wirken kann», sagt sie. Die letzten beiden Jahre setzte sie sich in Wolfsburg für die sozial-ökologische Transformation des VW-Konzerns ein.

Das Projekthaus K20

Nach ungefähr zehn Minuten Fußweg erreicht sie die K20. Hier können Gruppen Seminare abhalten oder Aktionen vorbereiten – selbstverständlich ohne einen festen Preis. In einen Anbau betreiben Freiwillige eine selbstorganisierte Fahrradwerkstatt. Als Lotte hineinschaut, lackiert ein Dorfbewohner gerade einen selbstgebauten Anhänger, ein anderer schraubt an einem Rad. Er sieht in der Idee, eine Utopie vorleben zu wollen, auch Gefahren. Denn Orte wie das K20 und die Projekte darum herum aufzubauen, koste viel Zeit und Energie. Und wenn man es sich erst einmal in seinem abgekapselten Zukunftstraum gemütlich gemacht habe, sei es allzu unbequem, die gesellschaftlichen Kämpfe da draußen fortzuführen.

Neues Dach und neue Gaube: Die Renovierungsarbeiten finden in Salzderhelden allesamt in Eigenregie statt
Neues Dach und neue Gaube: Die Renovierungsarbeiten finden in Salzderhelden allesamt in Eigenregie statt

Salzderhelden soll keine isolierte Insel werden, sagt Lotte. Für viele biete der Ort die Möglichkeit, sich von aktivistischer Überarbeitung oder Polizeigewalt zu erholen. Man könne hier auch über die Enttäuschung und Frustration hinwegkommen, die mit der Räumung einer Besetzung einhergehen. Außerdem fahren immer wieder Personen vom Dorf zu Demonstrationen und Protestaktionen, zuletzt etwa nach Grünheide. Deshalb seien Orte wie Salzderhelden ein wichtiges «strategisches Element» für soziale Bewegungen, findet Lotte.

Sie geht vorbei an der «Teestube», einem Haus aus roten Backsteinen und mit hellbrauner Schindelverkleidung. Anders als die meisten anderen Gebäude, die zum «utopischen Reallabor» Salzderhelden gehören, ist die Teestube gemietet. Fünf Häuser im Dorf und ein landwirtschaftliches Grundstück hat die Gruppe inzwischen gekauft, mithilfe der Stiftung Freiräume, die bundesweit politische Projekte unterstützt. Lotte nimmt das locker: «Mir macht es Spaß, Häuser zu kaufen».

Am Ende der Knickstraße, die der K20 ihren Namen gab, biegt sie einmal rechts und dann wieder links ab. Direkt unter der Burg liegen drei weitere Häuser des Projekts. Das auf der rechten Seite des Trios sticht mit seinem blauen Fachwerk hervor.

Auf der Couch im blauen Haus

Moni (links) und Chreskie vor dem »blauen Haus«, in dem sie wohnen.
Moni (links) und Chreskie vor dem »blauen Haus«, in dem sie wohnen.

Im «blauen Haus» wohnen Chreskie und Moni. Die beiden fanden auf unterschiedlichen Wegen nach Salzderhelden. Chreskie versuchte schon an seiner Universität, eine anarchistische Räterepublik aufzubauen. Er hat viel Zeit damit verbracht, politische Projekte in verschiedensten Ländern zu besuchen, erzählt er auf der Wohnzimmercouch.

Moni sitzt neben ihm. Sie stand kurz davor, Hirnforscherin zu werden, bevor sie anfing, «was Sozialwissenschaftliches zu studieren» und so Zugang zu politischen Gruppen gefunden hat. Über ein Praktikum ist sie in Salzderhelden gelandet. «Und dann bin ich einfach hier geblieben», sagt sie. «Für mich war das auf jeden Fall ein Ort zum Andocken. Hier ist so viel Wissen vorhanden, und das kann Menschen aktivieren.»

Genau das haben Chreskie und Moni die letzten beiden Jahre gemacht, als sie das sogenannte Freiwillige Freie Jahr (FFJ) in Salzderhelden planten und begleiteten. Über dieses neunmonatige Bildungsprogramm für Themen des sozial-ökologischen Wandels hat auch Linnéa aus der Molli hierher gefunden. Letztes Jahr waren es zehn junge Menschen, die dafür nach Salzderhelden gezogen sind. Fast alles haben sie sich geteilt: vom Schlafzimmer bis zum Geldbeutelinhalt. Das FFJ lebt von Mitbestimmung. Mal geht es in Seminaren um Queerfeminismus, mal wird es auf Bausstellen handwerklich. Chreskie und Moni sind mit den Teilnehmenden unter anderem zum IAA-Camp nach München gefahren und haben mehrere Besetzungen besucht.

Kleines Dorf, große Ideen

«Wir wollen damit auch andere Wege aufzeigen, die man einschlagen kann, wenn man sich für gesellschaftliche Themen interessiert und sich zum Beispiel aktivistisch einbringen möchte», erklärt Moni. Dieses Jahr sind die meisten der Teilnehmenden nach dem FFJ in Salzderhelden geblieben. Wie lange, das steht noch nicht fest.

«Ich finde es ganz toll, mich mit Leuten zu organisieren und Ressourcen zu teilen.»

Linnéa wohnt und engagiert sich in Salzderhelden

Doch es sei wichtig, sich die Frage zu stellen, wie man leben möchte, finden Chreskie und Moni. Gerade Aktivist*innen, die langfristig für etwas kämpfen wollen, sollten das tun. «Denn wahrscheinlich werden die meisten von ihnen nicht ihr ganzes Leben in einer Waldbesetzung verbringen», scherzt Chreskie. In Salzderhelden sehen die beiden einen Ort, der es einem ermöglicht, sich ein Stück weit von kapitalistischen Zwängen zu befreien.

Die Tauschlogikfreiheit und dass sich hier viele ihr Geld teilen, ermöglicht anderen zudem eine Art Vollzeitaktivismus. Eine*n Mitbewohner*in sehen sie beispielsweise nur wenige Wochen im Jahr, weil die Person die meiste Zeit des Jahres auf Protestcamps unterwegs sei. Vieles ist möglich in dem Ort mit dem schönen Namen. Linnéa drückt das so aus: «Salzderhelden ist vielleicht ein kleines Dorf, aber die Ideen, die wir haben, sind ganz groß.»

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