AfD-Ratskandidat nahm an Nazitrauermarsch teil

»SS-Siggi« für AfD-Kommunalpolitiker ein "Fußballverrückter"

Trauermarsch für Siegfried Borchardt in Dortmund.
Trauermarsch für Siegfried Borchardt in Dortmund.

Meinerzhagen, das ist für viele Menschen nur ein Schild an der Autobahn, kurz vor dem Brückendesaster von Lüdenscheid. Aber natürlich gibt es in der Sauerländer Kleinstadt auch Politik und in zwei Wochen stehen, wie in ganz Nordrhein-Westfalen, die Kommunalwahlen an. Auch in Meinerzhagen tritt die AfD an. Landesweit hat sie gute Chancen, ihr Wahlergebnis im Vergleich zu den Kommunalwahlen 2020 zu verdreifachen. Damals entfielen 5,1 Prozent der Stimmen auf die Partei.

Die guten Umfragewerte sprechen dafür, dass auch Christoph Last in den Meinerzhagener Stadtrat gewählt wird. Die AfD hat ihn auf Listenplatz 5 aufgestellt. Das ist nun zu einem kleinen Skandal im Sauerland geworden. Christoph Last hat sich nämlich im Oktober 2021 an einem Trauermarsch für den kurz zuvor verstorbenen Dortmunder Neonazi Siegfried Borchardt beteiligt. Die »Meinerzhagener Zeitung« berichtete zuerst und mit zahlreichen Fotos über die Teilnahme von Last an dem Trauermarsch. Siegfried Borchardt war eine zentrale Figur in der bundesweiten Neonazibewegung. Borchardt stammt aus der Hooliganszene und AfD-Ratskandidat Christoph Last rechtfertigte gegenüber der »Meinerzhagener Zeitung« seine Teilnahme am Trauermarsch für den verstorbenenen Neonazi mit Fußballfreundschaften.

Last erklärte, er sei nur zufällig in Dortmund gewesen, weil er Bekannte zum Bahnhof gebracht habe. Dann habe er Freunde aus der Fanszene von Rot-Weiß Essen getroffen und sich zu ihnen gesellt. Fotos zeigen Christoph Last im schwarzen Shirt mit »Hooligan« Aufschrift. Auf einem Bild steht er neben dem kürzlich in Bulgarien festgenommenen Neonazi-Influencer Steven Feldmann. Christoph Last sagt, er habe Siegfried Borchardt »nur als Fußballwahnsinnigen« gekannt. 1996 seien sie im selben Bus zu einem Spiel der Europameisterschaft gefahren. Über die Teilnahme am Aufmarsch sagt der AfD-Ratskandidat: »Wenn ich genau um die Umstände gewusst hätte, wäre ich da nicht mitgegangen, habe mich ja nie wirklich politisch engagiert.«

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Der lokalen AfD ist die Aufmarschteilnahme ihres Kandidaten sichtlich peinlich. Florian Stein aus dem Kreisvorstand der Partei erklärte gegenüber der »Meinerzhagener Zeitung«, man habe sich ein Bild von der Sache gemacht und Last »um den Rückzug im Kommunalwahlkampf« gebeten. Auch einen Verzicht auf das Mandat habe man Last nahegelegt. Reagiert hat der Ratskandidat bislang nicht, die AfD denkt über ein Ausschlussverfahren nach.

Christoph Last ist nicht der erste Fehlgriff der AfD im Märkischen Kreis. Über zwei Ratskandidaten aus der Kleinstadt Halver berichtete die Lokalpresse kürzlich, dass sie in sozialen Medien extrem homophobe und die Wehrmacht glorifizierende Inhalte gepostet hatten. Auch hier distanzierte die Partei sich von den Kandidaten und forderte sie auf, auf etwaige Mandate zu verzichten. Offensichtlich wird an den drei Fällen, dass die AfD das falsche Personal für den von der Landesführung gewünschten gemäßigten Kurs anzieht.

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