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Ökonomischer Sinn der Mauer

Analyse: Bau hat sich kurzfristig für die DDR gelohnt

  • Mirko Knoche, Hamburg
  • Lesedauer: 2 Min.
Hat sich der Bau der Mauer wenigstens »ökonomisch gelohnt«? Dieser Frage gingen am Mittwochabend zwei Forscher der Profitratenanalysegruppe (PRAG) an der Uni Hamburg nach.

Harald Mattfeldt und Kathrin Deumelandt analysierten in ihrem Disput volkswirtschaftliche Daten aus Ostdeutschland, die DDR-Statistiker Gerhard Heske in seinem Buch »Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der DDR 1950-1989« neu aufbereitet hatte (ND berichtete). Professor Mattfeldt beschrieb die ungleichen Anfangsbedingungen, unter denen die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und die Westzonen nach der Befreiung vom Faschismus ökonomisch neu beginnen mussten. Der Bremer Wissenschaftler hält die gewaltige Kapitalentnahme – die Reparationen für den faschistischen Überfall auf die Sowjetunion hatten die Alliierten auf zehn Milliarden Dollar festgelegt – für den Hauptgrund der wirtschaftlichen Schwäche der späteren DDR. Während die Amerikaner schon kurz nach dem Sieg über die Nazis zum Marshall-Plan übergingen und damit wirtschaftliche Entwicklungshilfe leisteten, demontierten die Sowjets erst hunderte, dann tausende Betriebe in ihrer Besatzungszone. Mattfeldt bezifferte den Verlust an Kapitalstock auf 80 Prozent in der Stahlindustrie und 55 bis 60 Prozent in der Metallindustrie. Darüber hinaus entnahm die Sowjetunion Güter aus der laufenden Produktion. Schließlich musste die SBZ noch für die Versorgung der 320 000 Sowjetsoldaten und ihrer Familien aufkommen.

Die schlechte wirtschaftliche Lage veranlasste insgesamt 2,6 Millionen Menschen, von Osten nach Westen auszuwandern. Fast die Hälfte davon waren Umsiedler aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern, so Kathrin Deumelandt. Bis zum Bau der Mauer zogen aber auch fast 600 000 Westdeutsche in die DDR, darunter viele Verfolgte des KPD-Verbots von 1956. Die Abwanderung nach Westen schwankte mit der Nachfrage nach Arbeitskräften in der BRD. Durch Anwerbeabkommen mit Italien, Jugoslawien und Griechenland stillten die Westdeutschen einen Teil ihre Arbeitskräftebedarfs, den zuvor Ostdeutsche gedeckt hatten.

Die Abwanderung blieb aber auf einem so hohen Niveau, dass sich die SED-Führung entschloss, im August 1961 die Westgrenzen zu schließen und militärisch zu befestigen, stellte Harald Mattfeldt fest und identifizierte die Arbeitskräfteflucht als Hauptmotivation des Mauerbaus. Danach stabilisierten sich die Wachstumsraten der DDR-Wirtschaft. Das Niveau hätte mit 3,6 Prozent zwar unter den 6,7 Prozent der Nachkriegsjahre gelegen. Die enormen Schwankungen der DDR-Anfangsjahre konnten aber im Zaum gehalten werden. Besonders die Investitionen hatten bis dahin einen unruhigen Verlauf gezeigt. Mit Hilfe statistischer Methoden berechnete Mattfeld, dass die DDR in ihren 40 Jahren tatsächlich in drei ökonomische Phasen zu unterteilen sei: 1949-1961 eine Wachstumsrate von 6,7 Pozent, von 1961 bis 1975 4,0 Prozent und von 1975 bis 1989 2,7 Prozent.

Die Befestigung der Grenzen habe sich für die DDR-Wirtschaft kurzfristig gelohnt, so das Ergebnis der Untersuchung Mattfeldts und Deumelandts. Mit der Ölkrise von 1975 sei die DDR aber in den Konjunktur-Zyklus der kapitalistischen Staaten gesogen worden. Nicht zuletzt, so Mattfeldt, weil die Sowjetunion mit der Verdreifachung ihres Ölpreises im RGW erneut einen großen Anteil der DDR-Produktion in ihr eigenes Territorium abzog.

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