Aufmarsch in Bildern

Neue Rechte im Osten – ein Symposion

Gab es in der DDR Neonazis? Der DEFA-Dokumentarist Roland Steiner beantwortete die Frage 1989 mit seinem Film »Unsere Kinder«.

Zeitgleich mit dem Mauerfall herausgekommen, wurde der Streifen in den Wirren des Umbruchs kaum beachtet, erregte aber auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival Aufsehen. Steiner warf mit seinem Film, dessen Dreharbeiten bereits 1985 begonnen hatten, einen Blick auf eine Jugendszene, die es offiziell nicht geben durfte. Ungewöhnlich offen äußerten sich vor der Kamera Skinheads und Punks, bekannten sich zu ihren Sympathien für Hitlers »Drittes Reich«, beklagten aber auch Repressalien der DDR-Staatsmacht und dass niemand mit ihnen diskutieren wolle. Solche Auseinandersetzung war Anliegen des Regisseurs, der damals auf taube Ohren stieß. Die Folgen zeigen sich heute.

Inzwischen ist das Phänomen der neuen Rechten zum Problem geworden, das sich in allen osteuropäischen Ländern stellt. Das go-east-Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden nun widmete sein diesjähriges Symposion »Aufmarsch in Bildern – die Neue Rechte im osteuropäischen Film« ganz diesem Thema.

Hatten mehr als 40 Jahre antifaschistischer Erziehung in der DDR Jugendliche nicht immun gemacht gegenüber nazistischer Ideologie? Sowjetische Veteranen des Zweiten Weltkriegs hätten sich nicht träumen lassen, dass eine neue Generation sie mit »Heil Hitler« grüßen und ihrem Hass gegen alle Juden freien Lauf lassen würde. Mit solchen Tatsachen beschäftigten sich Filme des Symposions, ergänzt durch Referate von Filmemachern und Wissenschaftlern.

Aus der bereits in den achtziger Jahren begründeten national-patriotischen Organisation »Pamjat« in Russland sind zahlreiche Splittergruppen hervorgegangen. Donoschkin, einer ihrer Führer, kann sich allein in Moskau auf 50 000 Mitglieder stützen. Auf der Homepage der Organisation sind Adressen von Richtern aufgelistet, die Mörder eines Anwalts und einer Journalistin konnten nach Serbien fliehen. Teils gibt es eine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst.

Russland-Kenner Hans-Joachim Schlegel verwies auf die unheilige Allianz mit der orthodoxen Kirche und auf eine Tradition des Antisemitismus von Dostojewski bis Solschenizyn. Während solche russischen Phänomene von unseren Medien meist totgeschwiegen werden, erfuhren im Rahmen jüngster Entwicklung in Ungarn dortige Rechtstendenzen wenigstens zeitweise Aufmerksamkeit. Borbála Kriza exemplifiziert sie im Film »Rocking the Nation« am Porträt der Skin-Band »Romantikus Eröszak« (Romantische Gewalt) und deren Leadsänger Balázs Sziva.

Was alle Rechten eint, ist die Forderung einer Revision des Vertrages von Trianon, der dem Traum von einem »Groß-Ungarn« im Wege stehe. Parallelen zur einstigen Agitation gegen das »Schanddiktat von Versailles« drängen sich ebenso auf wie bei der Rolle der Musik für die Identität der »nationalen« Szene bei uns. Umso verdienstvoller, dass das Symposium auf die Gemeinsamkeit solcher Gefahren hinwies.

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