Im Teufelskreisverkehr

Uraufführung am Deutschen Theater Berlin: »Am Schwarzen See« von Dea Loher

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Da stehen sie, wie irgendwo Ausgesetzte. Die sich drehende Bühne befördert sie, in Abständen, sehr langsam auf die Seitenwand zu. Wo diese seltsamen Wesen dann gleichsam in Zeitlupe aufprallen. So schwappt Unrat, Wrackholz mählich auf Strände zu. So treiben Tote auf sanft wellendem Wasser ans Ufer.

Was sind das für verquält motorisch angelegte, körperkrumm gestörte Existenzen, sie zucken, zappeln; sie stieren, beben, sinken wie blind Tastende ineinander, und so was wie Tentakel, Händen ähnlich, verfingern sich haltsuchend. Was sind das für Geworfene, diese vier Menschen? Zerrissen zwischen Selbstschaffung und Selbstvernichtung. Moment, das sind nicht: Menschen. Das sind vier Darsteller, die vier unglücklich Existierende spielen, die auf noch unglücklichere Weise versuchen, Menschen zu - werden.

Deutsches Theater Berlin. Ein hoher leerer Raum, abblätternder Putz, eine hässlich gelbe Fehl- und Fleckenfarbe. Links ein Fahrstuhl in den Keller, wo der Sekt kalt steht, der später so wenig hierher passt wie das Kruzifix in eine DKP-Versammlung passen würde.

Andreas Kriegenburg hat »Am Schwarzen See« von Dea Loher inszeniert (Bühne: Harald Thor) - er ist seit Jahren der Uraufführungsregisseur für die Dramatikerin; eine im gegenwärtigen deutschen Theater einmalige und hocherregende Partnerschaft. Kriegenburg lebt so glaubwürdig bekennerisch wie fantasievoll eigenständig in Lohers radikalem, vertrackt poetischem Wundenkosmos: Jede Regung ihrer Gestalten will Nullpunkte überwinden und löst nur tiefere Abstürze aus. Erinnerung ist der Krake, der erstickend an Hälse geht, als seien es Herzen. Vor den Gestalten dieser Autorin hat man Angst: Wird die Kraft ausreichen, sich ihrer Zerstörungsenergie zu entziehen; wird genügend Kraft bleiben, jenes Mitleid zu halten, das sie doch auch verdienen?

Cleo und Eddie bekommen Besuch: Else und Johnny. Vier Jahre lang sah man einander nicht. Beider Familien Kinder, Fritz und Nina, ein minderjähriges Liebespaar, gingen damals auf dem Schwarzen See in den Freitod. Warum, warum, warum? Also: der verhemmte Versuch jetzt, sich gemeinsam zu vergewissern - ohne aber an den Wahrheiten zugrunde gehen zu wollen. Teufelskreisverkehr. Die Lüge im Smalltalk. Die Verdrängung im Beschwichtigungscharme. Das Misstrauen mit Keuschheitsgürtel. Die Verdächtigung mit Korsett. Gefühlsgewühl-Stau. Verschweigen, was zu sagen wäre. Sagen, was besser ungesagt bliebe. Diese Situation schafft jene gespenstisch anmutende Organismen, die auf offener Bühne eine grausame, erbarmungswürdige, unbarmherzige Orgie der Verstörtheit leben (leben?) müssen. Als habe ein Gott seinen achten Schöpfungstag, ein zynischer Tag für böse Experimente mit Marionetten der Haltlosigkeit.

Konflikte der Kinder, mit Mord und Totschlag, hatten einst bei Schiller und Lessing ihren tragischen wie aufrührerischen Urgrund - tödlicher Preis der Emanzipation; der wurde einer feudalen Fäulnis auf die anklagende Verachtungsbilanz gesetzt. Das Theater erschuf damals feurige Charaktere, die mit Dolch in der Magengrube und Limonade im Bauch unsterbliches Leben anmeldeten. Über Ibsen und Strindberg und Tschechow zerrieb, erschöpfte sich das Bürgertum am eigenen Anspruch auf Freiheit und gesellschaftlichen Sinn. Bei Loher, so kunstgeheimnisvoll wie bei keiner anderen Gegenwartsdramatik, ist der Bürger nur noch eine Verlustanzeige: ein Ich verloren - es wird dringlichst gebeten, auf eine Rückgabe zu verzichten. Das tut weh, denn es spiegelt so sehr, was der moderne Fall ist.

Vier Schauspieler gehäutet - um Verkapselungen auf eine Weise zu spielen, die nicht los lässt. Jeder dem Anderen eine Krüppel-Konkurrenz: Wer ist verbogener und infolgedessen verwatteter in Selbsttäuschung? Man stürzt zu Boden, als sei man wirklich überzeugt, er öffne sich. Man wirft sich in einen Sessel, als sei er das Boot, in das die Kinder das todbringende Loch hackten. Lähmendes Entsetzen ist immer auch bewegtes Entsetzen, das den Körper, dem Seelenzustand gemäß, entstellt. Ein Bloßstellungsspiel also, in langen Schüben eines stammelnden, schlingenden, schattengleichen Herumtastens. Kurze Trancen in sich wälzenden Knäueln.

Hier sehen sich freiwillig mit Blindheit Geschlagene bei ihren Gesprächs- und Erklärungsqualen zu. Sätze wie Auswürfe, die sich wiederholen. Das Versagen, das zur Sprache kommen soll, ist gewissermaßen auch ein Ver-Sagen. Münder schnappen auf, jedes Wort aber ein Messer, das sich, hinausgestoßen, doch zurückrammt in den eigenen Kopf. Wo die Versäumnisse an die Schläfen pochen.

Natali Seelig ist Cleo, Gastgeberin, Brauereibetreiberin, verloren in Bewirtschaftung und Besitz; da ist in schöner dunkler Stimmlage die längst eingehärtete Melancholie eines unerfüllten anderen Lebens. Bernd Moss als ihr Mann Eddie: dürrer, schmächtiger Trotz, der sich in heftigen Kratz-Anfällen austobt, als wollten die Hände sich alles weg- und ausreißen, was Haut und Kleidung zusammenhalten - wie nur steigt man aus einem Dasein aus, in dem man nicht wirklich existiert? Erfolg klingt ihm wie Erbrechen. Ein »Idiot«, wie seine Frau sagt, der alles Materielle verschenkt - weshalb die Wohnung so leer ins Leere gafft.

Katharina Marie Schubert und Jörg Pose als Gastpaar Else und Johnny: sie der fragenschreiende Grellpunkt der Szenerie; die Pulsader beinahe als letzter Weg ins Offene; und er als der traurig trottlige Hamster im Rad, nein, gespannt aufs Karriere-Mühlrad, das ihn schmerzlich streckt und zugleich staucht - der Banker-Knecht mit Filialleiter-Sehnsucht, tolles Erlebnis, »klar, aber auch mehr Druck natürlich«; Pose spielt das mit seiner unverwechselbaren Manie des elegisch verdutzten Sätze-Hinziehens und der so komischen Knopfaugen-Kindlichkeit, die auch Drohendes hat.

Vier tote Gemüter, toter als zwei tote anklagende Kinder. Zitternd an der Grenze, wo die Verdrängungspanzer wegknallen könnten. Bibbernd unter schweren Wolken symphonischer Musiken. Kriegenburg hat Dea Loher, in zwei Stunden hochartifizieller Choreografie, als bewusst gedehntes Schmerztonstück inszeniert. Das große Fenster, das früher den Blick zum Schwarzen See freigab, ist zugemauert. Die Vier stehen, Hand in Hand, davor - wie befreit, nichts mehr sehen zu müssen. Aber sie werden später, von sich selber bedrängt, den See auf die gelbe Fläche malen, mit dem Boot der Kinder, dem Steg, den Bergen dahinter. Ein greifendes Bild. Die Fenster in die Vergangenheit lassen sich nicht schließen. Sie sind das schwarze Loch, das bleibt, die Augen der Toten darin wie Fragenblitze.

Nächste Vorstellung: 31.10.

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