Jom haScho'a: Israel gedenkt der Opfer des Holocaust

Um 10 Uhr heulen die Sirenen / Gedenkstätte Yad Vashem begrüßt Äußerungen des Palästinenserpräsidenten Abbas / 25.000 bei »Marsch des Lebens« in Ungarn

Berlin. Während Israel noch bis zum Montagabend den Holocaust-Gedenktag begeht, hat die Gedenkstätte Yad Vashem die Äußerungen des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas über den Schrecken der Judenvernichtung durch die Nazis begrüßt. »Die Leugnung des Holocaust ist leider in der arabischen Welt und auch unter Palästinensern verbreitet«, teilte eine Sprecherin der Einrichtung in Jerusalem mit. Abbas' Worte könnten daher einen Kurswechsel signalisieren. Man erwarte, dass sich dies auch in Webseiten der Palästinenserbehörde, Lehrplänen und im öffentlichen Diskurs spiegeln werde. »Die Anerkennung der Verbrechen des Holocaust ist grundlegend für jeden Menschen, der sich ehrlich mit der Geschichte auseinandersetzen will.«

Abbas hatte die Judenvernichtung während des Holocaust erstmals als das »schlimmste Verbrechen der Neuzeit« bezeichnet. Abbas äußerte sich während eines Treffens mit einem Rabbiner, wie die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa am Sonntag berichtete. Die Erklärung kam überraschend, weil arabische Führer sich in der Regel nicht zum Holocaust-Gedenktag in Israel äußern. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kommentierte den ungewöhnlichen Schritt, Abbas wolle nur die Weltöffentlichkeit besänftigen. Vor drei Jahrzehnten hatte Abbas in seiner Doktorarbeit den Holocaust relativiert und der zionistischen Bewegung vorgeworfen, sie habe mit dem Hitler-Regime kollaboriert.

Vom Sonntag bis zum Montag wird in Israel der »Tag des Gedenkens an Shoa und Heldentum« begangen, an dem der Opfer der NS-Vernichtungsmaschinerie und dem jüdischen Widerstand sowie der Untergrundkämpfer gedacht wird. Der Tag Jom haScho'a wurde am 21. April 1951 von der Knesset festgesetzt. Am Vorabend werden traditionell sechs Fackeln entzündet, die symbolisch für die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust stehen. An diesem Montag ist am Morgen eine Gedenkveranstaltungen in Yad Vashem geplant, in Israel heulen um 10 Uhr für zwei Minuten die Sirenen. Der öffentliche Verkehr steht still, viele Passanten bleiben schweigend stehen.

Derweil berichtet die Zeitung »Haaretz«, dass in Israel künftig vom Kindergarten bis zum Abitur über den Holocaust aufgeklärt werden soll. Das sehe ein neuer Lehrplan vor, der am kommendem Schuljahr gilt. Danach ist die Aufklärung über den Massenmord an mindestens sechs Millionen Juden durch Deutsche und ihre Kollaborateure während des Zweiten Weltkrieges erstmals bindend für jede Altersstufe vorgeschrieben. Bisher kam die Schoah nur in den 11. und 12. Klassen vor.

Schon Dreijährigen vom Holocaust zu erzählen, war in Israel nicht unumstritten. Eltern äußerten die Sorge, ihre Kinder könnten völlig überfordert oder gar traumatisiert werden. Das gemeinsam mit der Gedenkstätte Yad Vashem ausgearbeitete Programm sehe aber für die ganz Kleinen nur eine einfühlsame Erklärung kurz vor dem oder am Holocaust-Gedenktag vor, warum die Sirenen heulen und im Fernsehen und Radio Sendungen zum Thema laufen, hieß es nun. Dabei solle den Kindern nur gesagt werden, dass der Tag an »eine schwere, weit zurückliegende Zeit in einem fernen Land« erinnern solle. In den ersten Klassen der Grundschule sollen die Lehrer dann nicht nur von Verlusten und Leid erzählen, sondern auch von Heldentum und Rettung.

In Ungarn sind derweil in Gedenken an die ungarischen Opfer des Holocausts am Sonntag rund 25.000 Menschen beim »Marsch des Lebens« auf die Straßen Budapests gegangen. Ungarn beging in diesem Jahr den 70. Jahrestag des Beginns der Massendeportationen ungarischer Juden im Zweiten Weltkrieg. Israels Botschafter Ilan Mor sprach von einem »wichtigen Tag«. Die ungarische Gesellschaft und die internationale Gemeinschaft müssten sich daran erinnern, was vor 70 Jahren geschehen sei, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Das Verhältnis zwischen der jüdischen Gemeinde und der rechtsgerichteten Regierung von Viktor Orban ist angespannt - der Ministerpräsident sieht sich immer wieder Vorwürfen ausgesetzt, den Antisemitismus im Land zu fördern.

Nach einem Konzert setzte sich der Gedenkzug in Bewegung Richtung Ostbahnhof. Dort stieg eine Delegation von 600 Teilnehmern in einen Zug nach Auschwitz. Bei einer Zeremonie am Montag soll in dem früheren Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis jeder Einzelne für tausend getötete ungarische Juden stehen. An der Zeremonie soll auch der ungarische Staatschef Janos Ader teilnehmen. Agenturen/nd

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