Eine Schrumpfkur geht zu Ende

In Sachsen-Anhalt wird in dieser Woche der letzte von neun Theaterverträgen unterzeichnet

  • Von Dörthe Hein, Magdeburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Sachsen-Anhalt hat die Theaterförderung auf eine neue Basis gestellt. Es wird drastisch gespart, Stellen werden abgebaut, doch die Häuser kommen auch weg von den Haustarifverträgen.

Es hagelte Proteste bis hin zu persönlichen Angriffen: Sachsen-Anhalt hat seinen Theatern und Orchestern binnen eines Jahres eine heftige Schrumpfkur verordnet. Das Land zahlt nun noch 30 Millionen Euro jährlich, 2013 waren es noch 36 Millionen. Der letzte von insgesamt neun Theaterverträgen in Sachsen-Anhalt wird an diesem Donnerstag unterzeichnet. Es ist das - neben dem Anhaltischen Theater Dessau - am meisten gebeutelte Haus: die Theater, Oper und Orchester GmbH Halle. Von etwa zwölf auf nun neun Millionen sinkt die jährliche Landesförderung für die Theatermacher dort.

Die CDU/SPD-Landesregierung spart nicht nur bei den Theatern, auch Hochschulen und Polizei müssen Beiträge zum Sparen in dem mit 20,5 Milliarden Euro verschuldeten Land leisten, kleine Grundschulen werden geschlossen. Für die Regierung hat Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) die Kürzungen durchgesetzt. »Wir werden uns die Theaterlandschaft nicht mehr leisten können«, sagte der Minister, der selbst gern ins Theater geht. Als Beispiel nennt Dorgerloh Wagners Nibelungen-Ring, der in Halle und im rund 50 Kilometer entfernten Dessau gleichzeitig aufgeführt wurde. Die Auslastungszahlen seien nicht überall zufriedenstellend.

Seit jenem 12. Juni 2013, an dem Dogerloh die Sparpläne verkündete und auch Spartenschließungen nicht ausschloss, lud er Zorn auf sich. Er wurde von Schauspielern persönlich angegangen, sein Staatssekretär in einem Bühnenstück lächerlich gemacht. Heute sagt er: »Theaterdiskussionen sind immer kräftige Debatten und es ist immer ein groß inszenierter Prozess. Das ist in Mainz genauso wie in Wuppertal, Schwerin oder in Neustrelitz. Das gehört zum Theater im doppelten Wortsinn dazu.« Seine Verhandlungspartner aber waren die Kommunen - sie sind Träger der Theater.

Dorgerloh betont, dass das Land keine künstlerischen Konzepte vorgeben will, auch wenn er anfangs klar von möglichen Spartenschließungen sprach. »Das ist nicht Aufgabe von Kulturpolitik, sondern da gilt die Freiheit der Kunst.« Dem Land sei es um den Blick auf den Landeshaushalt und die Leistungsfähigkeit der teils sehr klammen Kommunen gegangen. Und um Gerechtigkeit gegenüber anderen kulturellen Bereichen wie dem Denkmalschutz, der freien Szene oder großen Jubiläen wie Bauhaus 2019. Auch habe ein Ausgleich geschaffen werden müssen unter den Häusern, das Theater Magdeburg habe deutlich weniger Geld bekommen als Halle oder Dessau - die Landeshauptstadt blieb nun von Sparmaßnahmen verschont.

Die Theater büßen nicht nur ein, sie gewinnen auch: Mit den Theaterverträgen, die fünf Jahre lang für finanzielle Sicherheit sorgen, werden die Haustarifverträge abgeschafft. Das war Bedingung des Landes. Dazu kommt, dass Sachsen-Anhalt künftig die Tarifsteigerungen mitträgt, man geht von zwei Prozent pro Jahr aus. Für nötige Personalreduzierungen und weitere Strukturänderungen - in Halle und Dessau werden laut Kultusministerium zusammen etwa 160 Stellen abgebaut - legt das Land einmalig 9,2 Millionen Euro drauf.

Besonders hart gekämpft hat das Anhaltische Theater Dessau. Dessen Förderung sank von 8,1 auf 5,2 Millionen Euro. Dorgerlohs Vision war hier: Das Musiktheater erhalten, Ballett und Schauspielsparte schließen. Stattdessen sollte es Gastspiele anderer Häuser geben. Nach monatelangen Kämpfen erreichte die Theatercrew den Erhalt des Theaters als Vier-Sparten-Haus mit Musiktheater, Schauspiel, Ballett und Puppentheater. Ihre Gegenleistung: Die Beschäftigten arbeiten nur noch 90 Prozent und verdienen entsprechend weniger. Es werden aber Beschäftigte das Haus verlassen müssen, es wird weniger Premieren geben, kündigte Intendant André Bücker an. dpa/nd

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