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Feuerlöscher aus dem Netz

Der Start der Video-Plattform Netflix offenbart die Fehler im Umgang mit dem Internet-Streaming

Als vergangene Woche der TV-Entertainer Joachim »Blacky« Fuchsberger starb, da empfanden das viele (vor allem) Westdeutsche jenseits der Fünfzig, als wäre ein alter Bekannter, ja ein entferntes, aber vertrautes Familienmitglied verstorben. Schließlich hatte man sich jahrzehntelang im Kreise seiner Lieben an wöchentlichen TV-Lagerfeuern gewärmt - geschürt von Fuchsberger, einem der zuverlässigsten Einheizer, wenn es um den kleinsten gemeinsamen Nenner der Publikumsmassen ging. Jene Brennmeister vom Schlage Fuchsbergers, sie sind verschwunden, gemeinsam mit ihren fest installierten Feuerstellen. Letztere sind, bis auf Bundestagswahl und Fußball-Länderspiel, erkaltet.

Und auch den letzten Glutnestern, wie dem »Tatort«, droht nun Ungemach. Denn die Internet-Videoplattform Netflix geht diese Woche in Deutschland an den Start und droht, das heimische Publikum noch von seinen letzten Seh-Ritualen zu entwöhnen. Die etablierten Sender fürchten den weltweit meistgenutzten legalen Streamingdienst darum wie einen potenziell tödlichen Löschzug für ihre letzten Heizpilze - also wie der Teufel das Weihwasser.

Denn die Netflix-Mischung aus edlen und exklusiven Eigenproduktionen und permanent abrufbereiten Lieblingssendungen macht nicht nur die Fernsehzeitung überflüssig, sondern auch das gemeinsame Seherlebnis: Jeder guckt dann, wann er will.

Das Grundproblem bei gestreamten Netz-Inhalten wird allerdings auch Netflix nicht aus der Welt schaffen: Die illegalen Streamingseiten haben alles, was der US-Riese anbieten wird, schon längst gezeigt. Und auch alles, was die deutschen Streaming-Konkurrenten wie Watchever, Maxdome, T-Entertain oder Prime Instant Video jemals im Programm haben werden - bei »Pirate Bay« oder »Movie4k« liegt es, getrübt allenfalls durch penetrante Pop-Up-Porno-Werbung, bereits vor: umsonst, zeitnah, in guter Qualität, in der Originalversion mit Untertiteln. Und: Alle begehrten Inhalte finden sich auf ein und derselben Seite. Wer da als legaler Nutzer mithalten will, braucht schon eine Vielzahl von Anbietern, denn die frühe Rechtevergabe von TV-Produktionen sorgt für eine unübersichtliche Verteilung der Serien auf zahlreiche Plattformen. Auch Netflix wird also nicht alles anbieten können, was das Fan-Herz begehrt.

Viele Medienredakteure sehen hier die TV-Branche die Fehler der Musikindustrie wiederholen: Man greift die Illegalen nicht mit einem bedingungslos einfachen und einheitlichen System und vor allem einem möglichst breiten Angebot an. Stattdessen manövriert man sich durch Aufsplitterung selber ins Hintertreffen.

Um einer unausweichlichen Desillusionierung vorzubauen, wurde in den letzten Wochen von Seiten Netflix' schon mal gehörig Druck abgelassen. So sei die wichtigste Serie »House Of Cards« zunächst gar nicht im Programm, hieß es. Man strebe in Deutschland auch nicht die Marktführerschaft beim »Video On Demand« an, stapelte Netflix-Chef Reed Hastings im Interview tief: »Wenn wir Dritter oder Fünfter sind, ist das in Ordnung«. Angesichts dieses Zurückruderns nach monatelangem Hype titelte das Medienmagazin »Meedia« bereits: »Enttäuschung on Demand«.

Ahnte man jedoch bereits, dass diese plötzliche Bescheidenheit des sonst gehörig auftrumpfenden Platzhirschen reines Marketing war, so gibt es darüber nun Gewissheit. Denn der Netz-Sender wird schon beim Start einiges (aber eben nur einiges) vom Besten anbieten, das heutiges (US-) Fernsehen hergibt. So ist mit dem eigenproduzierten »House of Cards« die beste und böseste Politserie der Gegenwart mittlerweile bestätigt, ebenso das groteske Thrillerserien-Meisterstück »Fargo«. Die ebenfalls selber produzierte Frauen-Gefängnis-Farce »Orange Is The New Black« stand, wie die Horror-Schau »From Dusk til Dawn«, nie in Zweifel.

Auf den letzten Metern neu ins Programm schaffte es die Grusel- und Mysterie-Räuberpistole »Penny Dreadfull«. Hier versammelt sich mit Dorian Gray, Victor Frankenstein und anderen eine Art viktorianische »Liga der außergewöhnlichen Gentlemen« zur Vampirjagd wie im guten alten Groschenheft - angeführt von einer entfesselt aufspielenden Eva Green.

Die Gegebenheiten der Branche stürzen auch Medienredakteure in die Schizophrenie: Schreibt man nun für die »illegalen« Nutzer, die alles schon gesehen haben? Oder wartet man mit dem Artikel auf den absurd späten Termin des legalen Streamings, das dann wahrscheinlich ausgerechnet auf dem einen Portal stattfindet, zu dem man keinen Zugang hat?

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