Stimme der Unterdrückten

Nachruf: Hans Lebrecht

  • Martin Ling
  • Lesedauer: 2 Min.

Solange er schreiben konnte, hat er geschrieben: Hans Lebrecht. Beim »Neuen Deutschland« währte diese Zeit von 1957 bis 2004. Sein Credo: Partei ergreifen gegen das Unrecht der Welt und für die Unterdrückten dieser Erde. Gespeist wurde dieser Grundsatz durch die eigene Lebenserfahrung.

1915 wurde er in Ulm geboren, mitten im Ersten Weltkrieg und dennoch in eine vergleichsweise heile Welt, denn Juden genossen damals in Ulm gesellschaftliche Anerkennung. Für Lebrecht, der in einem liberalen Elternhaus aufwuchs, war Religion ohnehin nicht von Belang: »Wir waren vier Brüder, und wir wurden deutsch-national erzogen.« Was national bedeuten kann, erlebte er nach der Machtergreifung Hitlers. Bis dahin verbrachte er eine wohlbehütete und glückliche Kindheit in Ulm, weshalb er seiner Heimatstadt trotz allem immer tief verbunden blieb.

Mit der Machtergreifung Hitlers änderte sich alles auf einen Schlag: Einer seiner bis dahin besten Schulfreunde vom Kepler-Gymnasium wollte ihn nicht mehr kennen, 1934 musste Lebrecht die Schule zwangsweise verlassen. Statt Abitur folgte eine Maschinenschlosserlehre, zuerst in Ulm, dort wurde er auf Druck der Handwerkskammer entlassen, und später dann in Oberschlesien im heutigen Polen - in einer Maschinenfabrik in Neiße (Nysa) mit 15 000 Arbeitern. Eine Erfahrung fürs Leben: Er suchte nach einem gemeinsamen Nenner von Juden und Kommunisten - den beiden Hauptfeinden der Nazis - und fand kommunistische Flugblätter, die seine Weltanschauung fortan prägen sollten und ihn selbst zum Widerstandskämpfer machten. Als er ins Visier der Nazis geriet, verschafften kommunistische Freunde dem nach Süddeutschland zurückgekehrten 1938 ein Visum für Palästina. Dort traf er seine Lebensgefährtin, die Ulmerin Toska Loewy wieder - die Schwester der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano - und die Mutter der beiden Töchter Ruth und Margalith.

Hans Lebrecht blieben Haft und Konzentrationslager erspart. »Ich ging in den Untergrund aus Notwendigkeit, gegen die faschistische Diktatur etwas zu tun.« So wie er früher den Widerstand gegen Hitler als seine Pflicht als deutscher Patriot ansah, betrachtete er nach seiner Ankunft in Palästina das Wirken für den friedlichen Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern als seine Pflicht als israelischer Patriot.

Als Journalist wurde ihm vor allem in Deutschland oft vorgeworfen, nicht »ausgewogen« über die Situation in Israel zu berichten. »Ich kann nicht ausgewogen sein, wenn ein brutales Besatzerregime seinen Opfern gegenübersteht.« Wobei er immer klarstellte, dass Israel selbstverständlich kein faschistischer Staat sei.

Seine Stimme, lange Zeit Teil der israelischen Friedensbewegung, fehlt. In der Nacht zum höchsten jüdischen Feiertag, Rosch-Haschana, ist Hans Lebrecht vergangene Woche nahe Haifa mit 99 Jahren gestorben.

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