Zwischen Russenhelm und Seide

Erinnerungen an Schulzenhof

  • Erwin Berner
  • Lesedauer: 8 Min.

Brief vom 14.7.2011

Guten Tag, Herzchen! ... In den 60er und 70er Jahren reisten die Eltern öfters in die Sowjetunion. Sie besuchten die Krim und auf der Hin- und Rückreise Moskau. Als wir älteren Söhne noch in Neuruppin lebten, bekamen wir Ansichtskarten, die sich in Großmutters düsterer Wohnung fremd ausnahmen. Strand und Palmen, Rosen, Terrassen und Promenaden waren zu sehen. Mutter schickte jedem Sohn seine eigene Ansichtskarte, zumeist aus Jalta oder Sotschi. Mutter schrieb, wie wunderbar es am Schwarzen Meer sei. Und sie schrieb, wir würden eines Tages gemeinsam in die Sowjetunion reisen. Vater ließ grüßen, teilten die Karten am Rande mit. Ich sammelte die blaßbunten Ansichtskarten. Ich sammelte sie auch noch, als ich längst nicht mehr hoffte, daß Mutter ihr Versprechen erfüllen würde. Nein, Ilja und ich würden nie mit den Eltern in die Sowjetunion reisen. Großmutter dachte ebenso. Und wir behielten recht. Erst Matthes und Jakob durften mit den Eltern ins Ausland fahren. Wir älteren Söhne erfreuten uns an den Geschenken.

Vater, Mutter, Kind
Ein berühmter Schriftsteller mit einem imposanten Hof und gerne hoch zu Ross: Erwin Strittmatter mag sich Lew Tolstoi zum Vorbild genommen haben. Seine Frau sollte seiner Arbeit ein optimales Umfeld schaffen und die Gäste bewirten. Eva Strittmatter aber hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Poesie wurde für sie lebensnotwendig, um das Zwiespältige ihrer Existenz auszuhalten, sich immer wieder ins Gleichgewicht zu bringen und sich selber zu bestätigen. Kinder jedoch suchen vor allem Akzeptanz und Zuwendung, nicht Eltern, die mit ihrem Werk und ihrem Selbstbild beschäftigt sind.

Das ist der Konflikt.

Was für eine Idee, dem ersten gemeinsamen Kind - es folgten zwei weitere Söhne - den Vornamen des Vaters zu geben! Erwin Strittmatter junior wollte seinen eigenen Weg gehen, wollte Schauspieler werden, was dem Vater nicht gefiel, und nahm den Familiennamen von Eva Strittmatters Großmutter an.

Nun hat Erwin Berner seine Erinnerungen zu Papier gebracht - in Form von Briefen an einen Freund in Zürich, der wohl auch eine schwierige Kindheit hatte. Irmtraud Gutschke

Das Buch von Erwin Berner »Erinnerungen an Schulzenhof« wird am 14. März im Aufbau Verlag erscheinen und kann jetzt schon über den nd-bücherservice (030 2978 1777) bestellt werden. Während der Leipziger Buchmesse, am 18. März, 16 Uhr, wird Erwin Berner am nd-Stand (Halle 5, G 406) darüber mit Irmtraud Gutschke im Gespräch sein.

Von einer der Rußlandreisen brachte Mutter farbige Schaumstofftiere mit. Die federleichten Tierchen hatten ihre eigene Geschichte, waren sie doch auf dem Flug aus Mutters Reisetasche gesprungen und hatten sich im Flugzeug verteilt. Ich liebte die kunstvoll gefertigten Tierchen, und es dauert mich, daß nicht eines die Jahre überlebt hat ...

Vater und wohl auch Mutter hatten etwas sonderbare Vorstellungen davon, wie sich Kinder kleiden sollten. Die Eltern gerieten damals unter russischen Einfluß. Nein, auch wenn es zeitlich später einzuordnen ist, sage ich zuerst, die Eltern gerieten unter georgischen Einfluß. Uns Söhnen wurden Kachuris, bestickte Trachtenmützen, geschenkt. Jede Mütze war anders gestaltet. Auf dem Gehöft setzte ich die Kachuri auf. Ich trug meine paillettenbestickte weinrote Samtmütze und bildete mir ein, ein fremdländischer Prinz zu sein. Ein Foto aus jenen Tagen zeigt mich in einem von Großmutter gestrickten hellblauen Pullover, auf den ich eitelstolz war, mit der Kachuri auf dem Kopf und in Holzpantinen. In der Hand halte ich einen Kehrbesen. Ich gebärde mich dabei wie ein Tänzer. Sonntag wird es gewesen sein. Obgleich ich feiertäglich gekleidet war, sollte ich den Hof kehren. Vielleicht drohte uns ein wichtiger Besuch.

Wie gesagt, die Kachuri mochte ich, zumindest auf dem Gehöft der Eltern, tragen. Niemals aber wollte ich jene Mütze aus Nutriapelz aufsetzen, mit der mich Mutter nach einer Moskaureise überrascht hatte. Damals, als die Eltern unter russischen Einfluß gerieten.

Ich verabscheute die Mütze auf den ersten Blick. In der Garnisonsstadt Neuruppin war es für einen Jungen schon waghalsig, wenn er eine gewöhnliche Pelzmütze trug. Auf der Straße wurde ihm: »Holzrusse!« nachgerufen. Die dunkelbraune Pelzmütze aber glich einem Topf. Sie besaß weder Ohrenklappen noch einen hochklappbaren Schirm. Ich wußte nicht, wo bei diesem Topf vorn, wo hinten war. Eingehend betrachtet, zeigte eine Futternaht an, wie er zu tragen war. Setzte ich ihn auf, so verschwand mein Kopf zum größten Teil unter dem Pelztopf. Großmutter widerstand der Russenhelm auch. In Neuruppin mußte ich ihn nicht tragen; doch mußte ich ihn tragen, wenn ich am Wochenende nach Schulzenhof fuhr. Am Fahrkartenschalter auf dem Bahnhof Rheinsberger Tor wurde Ilja vom Fahrkartenverkäufer gefragt: Und das Fräulein Schwester ist noch nicht zwölf?

Mir brannten die Ohren unter dem Pelztopf. Ich verbarg ihn fortan in meiner Schultasche und setzte ihn erst auf, wenn ich mich dem Schulzenhofer Gehöft näherte.

Die russische Pelzmütze verfolgte mich bis in die Rheinsberger Schulzeit. Um ihr zu entgehen, verlor ich sie bei einem Herbstspaziergang. Nach der Schneeschmelze kehrte Vater eines Abends vom Ausritt heim. In der Hand hielt er wie eine Trophäe die Pelzmütze. Der Dalmatinerhund Assan hatte sie im Wald aufgespürt. Wieder mußte ich den Pelztopf tragen. Durchs lange Liegen im Schnee hatte seine Form gelitten. Wenn ich ihn nun aufsetzte, sah ich aus, als gehörte ich zur »Roten Reiterarmee«, nachdem die unter feindlichen Beschuß geraten war. Schließlich beerdigte ich den Pelztopf in einer Rheinsberger Mülltonne. Nie wieder habe ich von ihm gehört.

Ein ähnlicher Widerwille packte mich, als wir Brüder lederne Kniebundhosen erhielten. Ich wollte kein Alpentoni, ich wollte nicht ländlich sittlich sein. Ich war Sänger, Schauspieler, Tänzer. Ich lechzte nach Seide. Vater wollte uns auf seinem Anwesen in Holzpantinen sehen. Ich hingegen sah mich in Tanzschuhen. Ich lag auf dem Bett und sah deutlich, wie ich mich drehte, wie ich sprang. Es war ganz einfach, ganz leicht. Irgendwann würde ich Schulzenhof hinter mir lassen, und es würde sich zeigen, daß sich all das, was ich, auf dem Bett liegend, gesehen hatte, ganz mühelos vollbringen ließe.

Weil ich mich von der russischen Manier der Eltern abgrenzen wollte, verzichtete ich darauf, sowjetische Belletristik zu lesen. Ich kaufte nur noch Bücher vom Hinstorff-Verlag. Er veröffentlichte viel skandinavische Literatur. Herzchen, es gibt einen Erzählungsband des norwegischen Dichters Vesaas, der »Das Seltsame« heißt. Eine der Geschichten trägt den Titel »Drei Menschen«. »Drei Menschen« entsprach, ehe Michael mein Freund wurde, meinem Sehnen.

Der achtzehnjährige Torvil und seine gleichaltrige Freundin Aud streifen durch den Wald. Unter Reisig verborgen, finden sie einen toten Säugling. Dann begegnen sie Valborg, der Mutter des toten Säuglings, einem achtzehnjährigen Mädchen aus der Stadt. Torvil und Aud verraten sie nicht. Nein, die drei verbindet von nun an ein Geheimnis. Das wollte ich auch: jemandem im Wald begegnen, der mir ein Vertrauter sein, mit dem ich ein Geheimnis teilen würde. Ich lief durch die Wälder, sang, suchte und träumte.

Im alten Haus saß derweil angemeldeter oder unangemeldeter Besuch. Kam ich aus dem Wald heim und begrüßte im Wohnzimmer die Gäste, so gebärdete ich mich seltsam. Ich wirkte wie abwesend. Dennoch nahm ich Namen wahr, über die gesprochen wurde. Abusch, Bredel, Kurella, Henniger, Plavius: Namen, die mit der DDR-Literatur zu tun hatten und die zum Leben der Eltern gehörten. Außerdem war da noch die Anna. Wie jedermann am Tisch wußte ich, die Schriftstellerin Anna Seghers war gemeint. In solchen Kürzeln wurde geredet, wenn Hermann Kant oder Bruno Apitz, der Autor des Buchenwald-Romans »Nackt unter Wölfen«, und seine junge Frau Kiki im Wohnzimmer saßen. So wurde auch geredet, wenn der Kinderbuchautor Gerhard Holtz-Baumert oder gar Onkel Ljowa im Wohnzimmer saß.

Onkel Ljowa war Vaters russischer Übersetzer. Er kam aus Moskau, trug einen hellblauen Anzug und war höflich und freundlich. Jahre später war Onkel Ljowa der berühmte Regimekritiker Lew Kopelew, der in Westdeutschland lebte und sich dort zum russischen Weisen erhöhte.

Nach dem Ende der DDR traf ich ihn unerwartet in der Berliner Wohnung der Eltern. Es war eine Begegnung, die mich befremdete. Mir schien, der Weise mit dem kunstvoll gepflegten weißen Bart redete von sich im Plural der Erhabenheit. Nun beherrschte Vaters ehemaliger Übersetzer das Gespräch. Es war mir unerträglich, und ich verließ die Wohnung der Eltern vorzeitig.

Damals aber saß ich seltsam am Schulzenhofer Wohnzimmertisch. Ich schnappte Namen aus der Literaturszene und den Inhalt von Büchern auf - Mutter kritisierte meisterhaft neuerschienene Bücher. Ich benutzte ihr Wissen. Ein Strittmatter-Sohn mußte sich in Literatur auskennen. Das doch wohl! Meine Lehrer und die Rheinsberger Buchhändlerinnen verwickelten mich in literarische Gespräche. Weniger aus Eitelkeit als aus Scheu gestand ich ihnen nicht, daß mir der Inhalt der von ihnen zitierten Bücher unbekannt sei. Ich griff aufs angehörte Wissen zurück und tat, als hätte ich es lesend erworben. Soweit ich mich erinnere, blieb meine Scharlatanerie unentdeckt.

Unabhängig von solchen Scharlatanerien las ich in jenen Jahren viel. Nur las ich nicht die Bücher, von denen man annehmen durfte, daß ein Strittmatter-Sohn sie lesen würde. Ich las auch kaum Strittmatter. Ich vermochte es nicht. Hinter dem Geschriebenen sah ich Vater. Meine Gedanken entfernten sich beim Lesen von der Handlung. Da hat er das geschrieben, dachte ich, und verhält sich so. Oder: Das glaube ich ihm nie und nimmer! Kurz, ich befand mich auch zu Vaters Büchern in innerer Abwehr. Dennoch waren mir die Bücher lieber als der Leibhaftige selbst. Solcher Haltung entsprang der Satz, den ich zu Mutter sagte: Als Schriftsteller, ja -- als Mensch, nein!

Frage mich nicht, warum, aber Mutter hinterbrachte Vater meine Worte.

Ich sehe die Familie auf dem verwaisten Grünhofer Gehöft. Die Bauern der Umgebung haben fortgetragen, was sie brauchen konnten. Im Stall entdecken wir ein totes Kalb ... Es ist Abend. Fünfzig Schritte vom Haus entfernt liegt der von Birken umstandene, verwilderte Teich. Frösche quaken. Ich laufe umher und halte mich von Vater fern; er hat das verlassene Gehöft bei einem Ausritt entdeckt. Ich halte mich abseits, denn ich weiß nun, Vater kennt meinen Satz. Soeben habe ich es von Mutter erfahren.

Da ich wenig Einblick in andere Künstlerhaushalte hatte, kann ich nicht sagen, ob das Folgende für Künstlerfamilien üblich oder unüblich ist. Nie gab es Aussprachen, an denen sich die gesamte Familie beteiligte. Alle Probleme wurden zu zweit geklärt. Wenn mehrere Familienangehörige beisammensaßen, wurde nur über die Probleme von abwesenden Familienmitgliedern gesprochen. Mein ehemaliger Freund Markus Ries hat es benannt. Nachdem Markus, ein nüchterner Beobachter, mehrere Gespräche am Schulzenhofer Küchentisch miterlebt hatte, sagte er zu mir:

Ihr redet nicht miteinander; ihr redet übereinander.

Ein hartes Urteil, das ich teile. In meiner Jugend hätte es aber keiner von uns Brüdern gewagt, bei Tisch ein Problem vorzutragen, das zuvor nicht mit Mutter besprochen worden wäre. Mutter war die Vermittlerin. Oder sie bestimmte den Zeitpunkt, wann wir Vater mit einem Problem behelligen durften. Ich gewöhnte mich daran. Und irgendwann trug ich Konflikte zwischen Vater und mir nur noch mit Mutters Hilfe aus. Es sei denn, es kam zum Krach. Doch dazu später.

Wenn ich es recht bedenke, so vermittelte Mutter auch zwischen uns Brüdern. Sie war die Zentrale, und fast nie schien sie dieser Rolle überdrüssig gewesen zu sein ...

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