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»Runde Ecke« auf Arabisch

Leipziger Stasi-Gedenkstätte schafft Angebote für Flüchtlinge

  • Von Hendrik Lasch, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.

Unlängst besuchte Lilith Müller mit ihren Schülern eine Gedenkstätte. Die Wissenschaftlerin unterrichtet am Max-Planck-Institut für Kognitionswissenschaften Leipzig im Rahmen einer Studie zum Spracherwerb auch Flüchtlinge. Im Kursmaterial ging es auch um Politik, die DDR und deren Machtapparat. Eine der erwähnten Lokalitäten: die »Runde Ecke«, einst Sitz der Bezirkszentrale der Staatssicherheit und heute Gedenkstätte. Müller verband die Theorie mit der Praxis und buchte eine Führung. Ein beeindruckendes Erlebnis, sagt sie: »Vielen stand ins Gesicht geschrieben, dass sie das Gezeigte mitgenommen hat.«

Solche Gäste möchte man in der »Runden Ecke« ab sofort öfter begrüßen. Die Gedenkstätte hat zu diesem Zweck die sprachliche Hürde für etliche Angebote gesenkt. Ein Audioguide, der anderthalb Stunden lang durch eine Ausstellung über »Macht und Banalität« der Staatssicherheit führt, wurde ebenso ins Arabische übersetzt wie eine App für das Smartphone, die im Leipziger Stadtzentrum zu Schauplätzen der Friedlichen Revolution vom Herbst 1989 führt. Beide sind nun auch für Besucher aus Syrien, Libyen oder Ägypten verständlich.

Die Leipziger Gedenkstätte ist nach Angaben ihres Leiters Tobias Hollitzer die erste in Ostdeutschland, die Angebote dauerhaft auf Arabisch bereit hält: »Wir leisten Pionierarbeit.« Er möchte den Migranten auf diese Weise nicht nur die jüngere Geschichte ihrer neuen Heimat vermitteln, sondern auch den »hohe Wert eines demokratischen Rechtsstaats« nahe bringen. Dies sei, fügt Hollitzer an, ein »wichtiger Punkt, um ihre Integration zu unterstützen«.

Bei manchen Zuwanderern gerade aus arabischen Ländern dürften zumindest Teile der Ausstellung unschöne Erinnerungen wecken. »Sie haben Willkür erlebt und wissen aus eigener Erfahrung, wie sich Denunziation auswirkt«, sagt Sonja Brogato, Vorsitzende des Flüchtlingsrates in Leipzig. Viele Zuwanderer seien vor diktatorischen Verhältnissen in ihren Heimatländern geflohen und hätten ein »besonderes Sensorium« dafür, wie Staaten Grundrechte aushöhlen und die Opposition klein halten. Eigentlich, sagt Brogato, wären die Flüchtlinge prädestiniert, die historische Erfahrung vom Herbst 1989 in Ostdeutschland mit aktuellen Ereignisse in anderen Weltgegenden zu verbinden: »Sie sind die ersten, die als Zeitzeugen und Mahner auftreten könnten.«

Gespräche darüber könnten auch helfen, die Wertschätzung der Sachsen für den demokratischen Rechtsstaat wieder zu steigern - eine Wertschätzung, die gelitten hat, sagt Eva-Maria Stange, die Wissenschaftsministerin in Sachsen, unter Verweis auf den ersten »Sachsen-Monitor«. Die Studie hatte gezeigt, dass die Demokratie vor allem bei den nach 1989 Geborenen »nicht so verankert ist, wie wir gehofft hatten«, sagt die SPD-Politikerin. Die Landesregierung strebt deshalb eine Stärkung der politischen Bildung und politischer Stiftungen an. Aus einem entsprechenden Fördertopf gab es für die Arabisch-Angebote der »Runden Ecke« rund 37 000 Euro.

Stange hält diese für »vorbildhaft« und eine Übertragung auf andere Gedenkstätten für möglich. Allerdings solle man in Leipzig zunächst noch mehr Erfahrungen sammeln. Stange räumte ein, dass die Materie für Menschen, die vor Folter und Todesstrafe geflüchtete seien, womöglich nicht leicht zu verkraften sei. »Viele zucken zusammen, wenn sie in die Ausstellung kommen«, sagt Brogato. Bis sich das ändert, brauche es Zeit. Das bestätigt auch Lilith Müller. Der Besuch ihres Kurses in der »Runden Ecke« habe die Teilnehmer beeindruckt, sagt sie: »Aber viele sind noch nicht bereit, über das Gesehene dann auch zu reden.«

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