»Krach zu machen«, hat funktioniert

Thao Ho war schon lange politisch aktiv, hatte aber nur selten asiatisch markierte Menschen in den Gruppen getroffen. So gründete sie mit DAMN eine eigene Initiative.

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 6 Min.

Warum wird bei Rassismus so wenig an Asiat*innen gedacht?

Aus meiner vietnamesisch-deutschen Erfahrung heraus merke ich, dass diese Community in den Medien oft als Integrationswunder dargestellt wird. Auch im akademischen Kontext: Wenn über Migration oder Integration geredet wird, dann kommen vietnamesisch-deutsche Menschen eher als Vorzeige-Migrant*innen vor. Asiatisch-deutscher Widerstand gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen ist auch kaum dokumentiert.

Ich habe neulich etwas über vietnamesische Vertragsarbeiter*innen in der DDR gelesen, die sich organisiert haben. Aber sonst gibt es nicht viel. Stattdessen dominieren Klischees: dass ostasiatische Menschen sehr ruhig und fleißig sind.

Wenn Asiat*innen als Integrationswunder bezeichnet werden, ist das eine Abgrenzung zu anderen Migrant*innen. Werden sie so gegeneinander ausgespielt?

Ja, total. Das erschwert die Community-Arbeit manchmal, weil man das so verinnerlicht hat. Es wurde uns Vietnamesisch-Deutschen immer gesagt, dass man so integriert sei und nicht so viele Probleme bereite wie zum Beispiel die türkische Community - auch von unseren Eltern. Dadurch hat sich die Furcht entwickelt, dass man als asiatische Person in Diskursen über Rassismus zu viel Raum einnehmen könnte, wenn man sagt: Wir erfahren auch Diskriminierung und würden gerne darüber sprechen. Dabei ist es gerade deswegen wichtig über Rassismus gegenüber asiatischen Menschen zu reden, um dieser Spaltungsrhetorik entgegenzuwirken.

Vor drei Jahren haben Sie die Plattform Deutsche Asiat*innen, Make Noise (DAMN) gegründet. Warum?

Es gab mehrere Gründe. Einer war, dass ich in vielen weißen aktivistischen, linken Gruppen unterwegs war und dort nie asiatische oder asiatisch markierte Menschen gesehen habe. Ich habe mich gefragt, warum das so ist - und mich mit einer Freundin unterhalten, die auch vietnamesische Eltern hat. Sie sagte: Es gibt bestimmt asiatische Aktivist*innen, aber keine Plattform, auf der man sich verbinden kann. Ich dachte: Vielleicht wäre es cool, so etwas zu starten. Eine Demo gegen den rechtsextremen Rudolf-Heß-Gedenkmarsch in Spandau haben wir zum Anlass genommen und auf Facebook gepostet: Wir treffen uns an der S-Bahn und können als asiatische Gruppe zusammen dort hingehen. Es kam aber niemand. Ich war sehr enttäuscht und habe das erst mal ruhen lassen.

Was gab den Impuls weiterzumachen?

An der Uni hatte ich einen Gender- und Diversity-Kurs, bei dem es um Rassismus und andere Diskriminierungsformen ging. Mir ist aufgefallen, dass Erfahrungen von asiatischen Menschen überhaupt nicht angesprochen wurden. Da habe ich mich wieder gefragt: Warum ist das so? Ich habe ja auch Rassismus erlebt, aber warum wird das nicht thematisiert? Das ist auch einer der Gründe, warum ich auf den Namen der politischen Plattform Deutsche Asiat*innen, Make Noise gekommen bin. Ich habe mich gefragt: Warum machen asiatische Menschen nicht mehr Lärm, wenn es um Rassismus, Sexismus und Kapitalismus geht?

In Texten von DAMN wird auch über »Unsichtbarmachung« gesprochen. Was bedeutet das?

Es geht um viele Schichten der Unsichtbarmachung - zum Beispiel der Diskriminierungserfahrungen von asiatischen und asiatisch-deutschen Menschen in der weißen Mehrheitsgesellschaft. Es geht aber auch um die Unsichtbarmachung ihrer Arbeit in den verschiedensten Bereichen, zum Beispiel Film, Journalismus, Theater, Pflege, Sozialwesen, Gastronomie, Putzkräfte. Das macht deutlich, dass diese Community am Rande der Gesellschaft steht und die Arbeit, die sie macht, nicht gesehen oder wertgeschätzt wird. Die Tätigkeiten von migrantischen Menschen, die die Gesellschaft zusammenhalten, werden oft unsichtbar gemacht. Auch in den Medien.

Wie sind Ihre Eltern nach Deutschland gekommen?

Meine Eltern kommen aus Südvietnam, sind als Boatpeople (infolge des Vietnamkriegs geflohene Menschen, Anm. der Red.) nach Deutschland geflüchtet. Meine Mutter kam 1979 nach Westberlin. Sie war 16 und alleine mit ihren Geschwistern. Es gibt ganz viele verschiedene Migrationserfahrungen von vietnamesisch-deutschen Menschen und anderen asiatischen Communitys, die teilweise weit zurückreichen. Eine Freundin von mir macht gerade eine Doku über Chinatown in Hamburg, wo es schon Ende des 19. Jahrhunderts eine chinesische Community gab. Das war mir gar nicht bewusst.

Sie bezeichnen sich als Aktivistin und Political-Community-Organizer. Wie sind Sie dazu geworden?

Mein Aktivismus entspringt einer Praktikumserfahrung, die ich im Frauenhaus gemacht habe. Dabei drehte sich ganz viel um Fragen wie: Was kann ich tun, um aus meiner Situation rauszukommen? Was gibt es für Hilfsangebote? Wie kann man sich gegenseitig helfen? Bildung und Empowerment sind zentral. Genauso wie die Erkenntnis, dass man nicht darauf warten muss, dass eine andere Person für einen spricht, und vor allem: dass man nicht allein ist.

Sie haben trotz aller Bedenken entschieden, »Krach zu machen«. Inwiefern ist das gelungen?

Bei DAMN haben wir verschiedene Formate entwickelt. Seit 2018 gibt es eine Facebook-Plattform, weil wir Diskussionen innerhalb der Community ermöglichen wollten. Es geht uns nicht nur darum, Perspektiven zu sammeln und öffentlich zu machen. Wir wollen auch innerhalb der Community hinterfragen, was unsere Probleme sind und wie wir sie lösen können. Zusammen mit Liên Grützmacher habe ich ein Spoken-Word-Musik-Comedy-Event unter dem Namen »Voicemail« gestartet. Das ist eine Veranstaltungsreihe, die asiatischen Menschen eine Bühne bietet. Vicky Truong organisiert Empowerment-Workshops, wo Menschen verschiedener asiatischer Communitys über ihr »Asiatisch-Sein« reflektieren können. Wir veranstalten auch monatliche Online-Meetups. Einige von uns bauen gerade eine »Summer School« auf. Ziel ist es, gesellschaftskritische Diskurse zugänglicher zu machen. Dann gibt es noch das Zine, das wir auch ein bisschen als Archiv sehen, in dem ein Teil des asiatisch-deutschen Widerstands dokumentiert wird. »Krach zu machen«, hat funktioniert, weil wir uns gefunden haben.

Eine Zeit, in der antiasiatischer Rassismus plötzlich sichtbar wurde, war der Anfang der Coronakrise. Wie haben Sie das erlebt?

Ich habe mehr Rassismus erfahren als sonst. Im März hat das mit Beschimpfungen angefangen - und jemand hat eine Flasche nach mir geworfen. In dieser Zeit haben Thi Minh Huyen Nguyen und Victoria Kure-Wu die wichtige Plattform »Ich bin kein Virus« gegen antiasiatischen Rassismus gegründet. Es gibt dieses Bild des Integrationswunders und der »Model Minority«. Das Argument, dass man nicht als Virus angesehen werden will - als Person, die das System gefährdet -, hat viele angetrieben, aktivistisch zu werden. Und plötzlich wollten auch sehr viele südostasiatische Menschen DAMN beitreten. Aber das Ziel von DAMN ist es eigentlich nicht, zu sagen: Ich gehöre zur Gesellschaft, und ich will nicht als Problem angesehen werden. Es geht darum, gesellschaftliche Probleme aufzuzeigen. Es geht mir nicht nur darum, dazuzugehören. Ich bin hier, um etwas zu ändern.

Da sind wir wieder bei der Sichtbarmachung …

Ja. Es ist gut, dass dieser Corona-Rassismus viele asiatische Menschen mobilisiert hat. Aber es muss auch weitergehen. Bestimmte Strukturen haben ja dazu geführt, dass asiatische Menschen plötzlich als Virus betrachtet wurden. Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich erst mal Wissen aneignet. Was ist Sexismus? Warum gibt es Rassismus? Sonst kann man keinen richtigen Widerstand aufbauen. Bei DAMN haben wir gemerkt, dass es nicht ausreicht, über unsere Rassismuserfahrungen zu sprechen. Wir müssen uns auch fragen: In was für einem System leben wir eigentlich? Was möchten wir verändern, und wie können wir das tun?

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