Keine Rückkehr ins «Rote Kloster»

Vor 30 Jahren wurde die Sektion Journalistik an der Leipziger Universität abgewickelt

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 6 Min.

Rückkehr nach Leipzig« - so wollte er sein Buch in Anlehnung an Didier Eribon nennen, schreibt Michael Meyen in der Einleitung. Das hätte bedeutet: »Ich werde den Osten Deutschlands erklären. Ich werde erzählen, warum die Menschen dort ›drüben‹ unzufrieden sind. Warum sie all das nicht zu genießen scheinen, was die Einheit ihnen beschert hat, Autobahnen, hübsche Fassaden, Kreuzfahrten in die weite Welt, und stattdessen so wählen, dass die großen Medienhäuser in München, Hamburg, Frankfurt immer wieder Reporter ausschwärmen lassen müssen. Und: Ich werde das alles mit einer persönlichen Geschichte verbinden, die so unerhört ist und so spannend, dass sie ein ganzes Buch trägt.«

Dann merkte der Autor: »Dieser Titel ist zu groß.« Weil er ja das Ende der Sektion Sektion Journalistik an der Leipziger Universität spiegeln wollte, wo er selber studiert hatte. So detailliert, wie er dies unternimmt - gestützt auf reiche Erinnerungen, Interviews, Aktenrecherchen, ist der Kern dieses Bandes eine wissenschaftliche Arbeit, die allerdings einen ganz persönlichen Anstrich bekommt und eine Sprache, welche die Bezeichnung »literarisch« verdient.

Meyen ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Als er mir vor Jahren wegen seines Buches »Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR« gegenübersaß, wunderte mich seine vorurteilslose Art - ich hielt ihn für einen Westdeutschen. Dabei hatte er, 1967 auf Rügen geboren, sein Journalistikstudium in Leipzig 1988 begonnen. Gerade noch spät genug? So lässt sich das nicht sagen. Als Meyen sein Studium aufnahm, war Maybritt Illner gerade fertig. 1987 erhielt Sabine Adler ihr Diplom, eine heute nicht unwichtige Korrespondentin des Deutschlandfunks. Alexander Osang, hochdekorierter Reporter, studierte ebenso in Leipzig wie die Schriftstellerin Daniela Dahn. Reiner Kunze wurde dort sogar wissenschaftlicher Assistent, bevor er 1968 die Partei verließ und 1977 in den Westen übersiedelte. Bei aller staatsnahen Politisierung war Journalismus auch in der DDR ein Handwerk - und die Ausbildung in Leipzig war gut.

Meyen erzählt, wie er zur Professur in München kam. Man freut sich, dass er bei Westpersonal auf Einfühlung traf, was nicht allen beschieden war. Sich dessen wohl bewusst, schaut er auf jene zurück, die auf der Strecke blieben. Auf Menschen, »die marginalisiert worden sind oder sich freiwillig zurückgehalten haben, weil sie in der DDR zur Elite gehört haben oder in diesem Land etwas werden wollten«. Viele solcher Lebensgeschichten werden hier ausgebreitet, eine humane Tat - wenn auch keine Genugtuung für abgebrochene Karrieren oder solche, die gar nicht erst beginnen durften.

Auf einen Absturz ins Ungewisse in der DDR war niemand vorbereitet. Hinzu kam die Not der ständigen Rechtfertigung. Was die »Evaluierung« für gestandene Wissenschaftler bedeutete, ist von der Sektion Journalistik übertragbar auf alle DDR-Institutionen, wo ausgesondert wurde. Wobei sich oft schon Gräben auftaten, in Erwartung fundamentaler Veränderung Positionskämpfe losbrachen. Was Günter Gaus einmal die »Wendewut« nannte, ließ nach Hilfe von außen rufen: »Nur Leute aus dem Westen können uns retten«, hieß es auch in Leipzig. Die reisten an mit ihren Konzepten. Vom Tisch war alles, was vorher an Ideen für eine Zukunft in eigenem Namen gewachsen war.

Die in der DDR aus der Sektion Journalistik zum »Neuen Deutschland« kamen - ich habe in Jena Slawistik und Anglistik studiert -, sprachen oft selbst vom »Roten Kloster«, ob sie das gleichnamige Buch von Brigitte Klump gelesen hatten oder nicht. Klump, die 1957 in den Westen gegangen war, schrieb 1978 über die Frühzeit der Ausbildungsstätte, Meyen schildert deren Ende. Die 1950er und 1980er Jahre der DDR sind verschiedene Welten. Als Fortsetzung von Klumps Buch kann man Meyens Erinnerungen aber auch aus anderem Grund kaum lesen: Der Bestseller über das »Rote Kloster« bediente den wohligen Grusel, den »Insiderberichte« aus Spitzeninstituten der DDR im Westen hervorriefen und schrieb deshalb die Sektion in ihrem Nimbus auf paradoxe Weise hoch. Meyen hingegen holt seinen Gegenstand, an dem das große Interesse erloschen ist, herunter auf eine alltägliche Ebene. So wird sein Bericht kleiner, aber auch genauer.

Gewiss sollte in Leipzig Personal ausgebildet werden, das »parteilich« zur DDR stand. Dass es dabei, was Meyen unterstreicht, auch ein schöpferisches, kritisches geistiges Leben gab, bezweifle ich nicht, weil es im Zentralorgan der SED intern ebenso war. Dass eine »Alternativgruppe« in Wendezeiten ein Papier erarbeitete, das auf eine »umfassende demokratische Öffentlichkeit« zielte, war so großartig wie unrealistisch. Die Sektion Journalistik an der Karl-Marx-Universität wurde im Dezember 1990 abgewickelt. 1991 schüttelte die Uni Karl Marx ab. 7000 von 12 000 Mitarbeitern wurden entlassen. Es wurde viel Potenzial vergeudet.

Eine »Vereinigungsmaschinerie, die nur einen kleinen Teil der Ostdeutschen brauchte, um genauso weitermachen zu können wie bisher« - auch aus sicherer Position ist es mutig, wie Michael Meyen sich hier offenbart. »Wie ich Parteijournalist werden wollte«, heißt ein Kapitel, in dem er auch erzählt, wie er sich für drei Jahre zum Wachregiment des MfS nach Rostock verpflichtet hatte und dort in die SED eintrat. Ringen um Aufrichtigkeit: »Wie hätte dieser Text ausgesehen, wenn es die DDR noch geben würde?«, überlegt er. »Oder, ein paar Nummern kleiner: wenn ich nicht Professor in München wäre, als Beamter auf Lebenszeit?«

Erinnerung, sagt der Autor, »ist kein Roman, den man ins Regal stellen und bei Bedarf aufschlagen kann, sondern ein Film, den es nur in unserem Kopf gibt«, der veränderlich ist durch äußere Einflüsse. Hier spricht der Kommunikationswissenschaftler, der weiß, wie Medien, Lehrbücher, Ausstellungen, Festreden und Dokus »direkt oder indirekt den Rahmen abstecken, in dem sich alle ohne Gefahr für das eigene Ansehen bewegen können«. So erzeugt der »hegemoniale Diskurs« viel Druck, der aus der DDR einen totalitären »Unrechtsstaat« machen will.

Meyen zitiert die Politologin Chantal Mouffe, »dass Gesellschaften stets gespalten sind« und »durch hegemoniale Praktiken konstruiert werden«. Die Geschichtspolitik, »die ein bestimmtes Bild der DDR durchgesetzt hat«, gehört für ihn zu einer solchen hegemonialen Praxis. »Sie hilft, eine Ordnung zu stützen, die das Privateigentum vergöttert und einen Kult um das Individuum entfacht, obwohl weite Teile der Bevölkerung gar nicht die Möglichkeit haben, das auszuleben, was in ihnen steckt.«

Dass Medien nicht nur Realität spiegeln, sondern »Definitionsmachtverhältnisse«, ist eine wichtige Feststellung. Herrschende Gedanken sind Gedanken der Herrschenden. Und doch muss man sich immer wieder aufraffen und den »subjektiven Faktor« ins Spiel bringen, das eigene Gefühl für Verantwortung und Gewissen. Und den Zweifel »gegenüber allem, ›was von oben‹ kommt«. Ostdeutsche, die erlebt haben, »wie man ein System verändern kann, das man für unendlich hielt«, haben da besondere Erfahrungen.

Michael Meyen: Das Erbe sind wir. Warum die DDR-Journalistik zu früh beerdigt wurde. Meine Geschichte. Herbert von Halem Verlag, 369 S., brosch., 28 €.

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