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Mehr erinnern, nicht weniger

Michael Rothberg sucht mit seinem viel diskutierten Buch »Multidirektionale Erinnerung« nach Wegen aus der Gedenkkonkurrenz - ohne den Holocaust zu relativieren.

Die deutsche Erinnerungskultur befindet sich im Umbruch. Das koloniale Erbe des Deutschen Reichs und die Frage nach Restitution, die Umbenennung von Straßennamen, das Gedenken an die Opfer von Rechtsextremismus während der baseballschlaegerjahre oder die Thematisierung von Polizeigewalt durch die Black-Lives-Matter-Bewegung: In der postmigrantischen Gesellschaft fordern von Rassismus Betroffene nicht nur Sichtbarkeit in der Gegenwart, sondern auch für Vergangenes.

Und auch das Gedenken an die Opfer des Holocaust ist nicht fest etabliert. Die AfD versucht, erinnerungspolitische Errungenschaften durch das Reden vom »Vogelschiss« rückgängig zu machen, und Jugendliche haben andere Bezüge zur Geschichte als noch die Kinder und Enkel der Täter*innen: sei es, weil das Ereignis mit dem Sterben der Zeitzeug*innen immer abstrakter wird; sei es, weil die Millionen junger Menschen mit Migrationshintergrund andere Geschichte(n) aus den Herkunftsländern ihrer Vorfahren mitbringen und die Beschäftigung mit deutscher Schuld weniger relevant sein mag.

Oft genug laufen die entsprechenden Debatten asynchron oder sogar gegeneinander: Während an den Holocaust selbstverständlich gedacht würde, seien die Opfer von Kolonialismus und Rassismus unsichtbar geblieben, sagen die einen. Ganz im Gegenteil, die Erinnerung an den Holocaust werde von rechts wie von links infrage gestellt - und die Sprache des Postkolonialismus trage dazu bei, Antisemitismus in seiner antizionistischen Spielart wieder salonfähig zu machen, sagen die anderen.

Konkurrenz oder Bereicherung?

Mitten in dieser Debatte nimmt nun ein Buch des US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers und Professors für Holocaust Studies Michael Rothberg eine Schlüsselrolle ein: »Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung« wurde, mehr als ein Jahrzehnt nach Erscheinen, endlich ins Deutsche übersetzt und von Jana König und Felix Axster durch ein Nachwort sowie ein Interview mit dem Autor ergänzt.

Rothbergs Ausgangspunkt ist die Beobachtung eines Konkurrenzverhältnisses im öffentlichen Raum, bei dem Erinnerung als Nullsummenspiel und Kampf um knappe Ressourcen begriffen wird. Besonders Kolonialismus und Nationalsozialismus stünden sich gegenüber. Dem entgegen setzt er Erinnerungstraditionen, in denen Gedenken sich gegenseitig befruchtete - wie etwa in Filmen und Texten aus dem Frankreich der frühen 60er Jahre oder in den Schriften von Aimé Césaire, W. E. B. Du Bois und Hannah Arendt. Anhand solcher »Erinnerungsarchive« schaut Rothberg auf Wechselwirkungen und produktive Interaktionen scheinbar disparater Gedenkakte. Er betrachtet Übertragungen zwischen Ereignissen, die sonst häufig als voneinander unabhängig gedacht werden.

Rothberg geht in seinem Buch weniger systematisch vor, sondern wirft vielmehr Schlaglichter auf unterschiedliche Autor*innen und zeitliche Perioden. Er changiert zwischen Deskriptivem und Normativem: Rothberg sucht in den Nischen der Historie, in den Archiven jenseits des Mainstreams und wird auch fündig. Multidirektionalität wurde und wird vielerorts praktiziert. Gleichzeitig ist das Buch von dem Wunsch durchzogen, dass dieser Zustand noch zu schaffen sei. Mehr als eine empirische Analyse bietet es eine Blickwinkelverschiebung an: Was wäre, wenn wir nicht vom Mangel ausgingen? Wenn genug »erinnerungspolitischer Kuchen« für alle da wäre?

Gedenken jenseits von Identität

Sicherlich sind öffentliche Ressourcen, etwa für Museen, Denkmäler oder Bildungsprojekte, in der hiesigen Wirtschaftsordnung begrenzt - ebenso wie die Seiten eines Schulbuchs und die Stunden im Lehrplan. Aber das Sprechen über ein Ereignis bedeutet nicht notwendigerweise, dass andere dadurch ausgeblendet werden müssen. Pädagog*innen in der historisch-politischen Bildungsarbeit berichteten in den letzten Jahren etwa, wie Geflüchtete bei Besuchen in KZ-Gedenkstätten sich angesichts der Erzählungen jüdischer Biografien an eigene Erfahrungen von Ausgrenzung, Inhaftierung und Folter erinnert fühlten. Sie verspürten Empathie mit den Opfern, fanden einen Zugang zu dieser »deutschen« Geschichte und gleichzeitig Wege, erstmals über das Schlachten und Sterben in Aleppo oder im Sindschar-Gebirge zu sprechen. Das stellt keine Gleichsetzung historischer Ereignisse dar, sondern eben multidirektionale Bezugnahme.

Rothberg wendet sich auch gegen die Vorstellung eines »ethnischen Eigentums«, die aktuell nicht nur von der Rechten, sondern - identitätspolitisch gewendet - auch von manchen marginalisierten Gruppen vertreten wird. Er betont, dass weder Gruppen sich im Besitz bestimmter Erinnerungen befänden noch wiederum von diesen besessen würden, es also keine »direkte Verbindung von Erinnerung und Identität« gebe. Mit dieser anti-identitären Wende macht der Literaturwissenschaftler den Weg frei für eine universalistische Perspektive, die dennoch historische Partikularismen und spezifische Gewalterfahrungen zulassen kann.

Doch so sympathisch Rothbergs Zugang ist - nicht jede Form von Multidirektionalität hat unbedingt positive Effekte. Es war schließlich die Konkurrenz zwischen verschiedenen Erzählungen, die für fortschrittliche Errungenschaften in der deutschen Erinnerungslandschaft gesorgt hat. Die Ausstellung »Die Verbrechen der Wehrmacht«, das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti*zas und Rom*nja, die antifaschistischen Proteste gegen das revisionistische Gedenken in Dresden am 13. Februar - dies alles kam nur zustande, weil statt Verbindungen offene Konflikte eingegangen wurden.

Darüber hinaus ist auch nicht jeder hergestellte Bezug ein »Mehr«: Man denke an schiefe Vergleiche wie den des Warschauer Ghettos mit der Situation in Gaza oder an gelbe Davidsterne auf Corona-Leugner*innen-Demonstrationen. Rothberg selbst räumt in seinem Buch »The Implicated Subject: Beyond Victims and Perpetrators« (zu Deutsch: Das verwickelte Subjekt: Jenseits von Opfern und Tätern) von 2019 ein, dass genau auf Intention und Effekt von Multidirektionalität zu schauen sei: Geht es um eine differenzierte Betrachtung von Ereignissen in ihrer Einzigartigkeit oder um eine reine Gleichsetzung? Führt die Bezugnahme zu Konkurrenz oder zu Solidarität?

Streit um die Unvergleichbarkeit

Seit Erscheinen der Übersetzung im Februar dieses Jahres hat »Multidirektionale Erinnerung« für heftige mediale Debatten gesorgt, in denen gerade ein solches fragendes, nuanciertes Vorgehen oft unter den Tisch fällt. Von einem »Neuen Historikerstreit« ist die Rede, in dem es nunmehr die Linken seien, die den Holocaust relativieren würden, mit Rothbergs Buch als rhetorischem Rüstzeug. Denn dieses kratze an der Singularität des Holocaust. Rothberg selbst, stark vom US-amerikanischen Kontext geprägt, äußert in der Tat Sorge darüber, dass das Gedenken an die Opfer des Holocaust andere Gewaltverbrechen unsichtbar machen könnte - ohne diese angebliche Kausalität für den deutschen Kontext überzeugend darzulegen.

Doch ist ein Infragestellen der Singularität nicht im Buch selber angelegt, im Gegenteil: Beharrt man auf der Spezifik historischer Ereignisse, so kann, ja sollte man vergleichen - was eben nicht dasselbe ist wie gleichsetzen. Und so wird man beim Massenmord an den europäischen Juden und Jüdinnen notwendigerweise auf historische Fakten stoßen, die diesen unterscheiden etwa vom deutschen Kolonialismus. Nur im Vergleich können auch Differenzen sichtbar werden.

Sicherlich, die Zustimmungswerte zu dem aus Schuld- und Erinnerungsabwehr gespeisten sekundären Antisemitismus sind in Deutschland hoch - die erkämpfte Gedenkkultur an den Holocaust kann nicht als gesetzt gesehen werden. Doch ist es unwahrscheinlich, dass diejenigen, die die deutsche Verantwortung für die Shoah am liebsten zu den Akten legen wollen, dafür ausgerechnet ein »Mehr« an Erinnerung an den Kolonialismus als ihr Instrument einsetzen werden. AfD und andere Rechte sind sozusagen negativ multidirektional: Für sie sind alle diese deutschen Taten lediglich ein »Vogelschiss«, wenn auch von unterschiedlichen Vögeln.

Sicherlich gibt es auch Linksliberale, die die Versöhnung mit einem geläuterten, bunten Deutschland - und den eigenen Vorfahren - herbeisehnen und denen die Erinnerung an den Holocaust dabei im Wege steht. Nur lädt das Wahren der Erinnerung an den Porajmos, an den Völkermord an den Herero und Nama oder an andere deutsche Kolonialverbrechen ganz sicher nicht zur Versöhnung mit der deutschen Nation ein. Und es trägt auch nicht dazu bei, sich in die seit den 2000er Jahren immer stärker verbreitete Erzählung von den Deutschen als Opfer - vertrieben, verführt und von Tieffliegern verfolgt - einzureihen.

Vielmehr eröffnet dies Blicke auf andere Formen historischer deutscher Täterschaft. Das heißt auch: Wenn man Rothberg ernst nimmt, ergibt sich aus der Multidirektionalität eben gerade kein »Weniger«, sondern ein »Mehr« an Erinnerung an die verschiedenen Gewaltakte, die in der Geschichte von Deutschland aus verübt wurden. Und das ist dringend notwendig in Zeiten, in denen der Kolonialismus im Schulunterricht höchstens gestreift wird, während gleichzeitig jede*r zehnte*r Deutsche*r stolz auf das vergangene Kolonialreich ist und in der mehr als die Hälfte der Schüler*innen zwischen 14 und 16 Jahren nicht weiß, was Auschwitz-Birkenau ist.

Michael Rothberg: Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung. Metropol-Verlag, 404 S., br., 26 €.

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