Seltsame Menschen, kalt und bescheiden

Eine traurige Liebesgeschichte aus den 80er Jahren, ganz ohne Blixa Bargeld: »Das bist du« von Ulrich Peltzer

  • Von René Hamann
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Ende wird »Das bist du« doch noch zu einer Art Roman. Verantwortlich dafür ist die Abschweifung zum Schluss, die finale Fahrt auf die italienische Vulkaninsel Stromboli, den eh schon geschichtsträchtigen Ort, man denke an den Film von Roberto Rossellini und Ingrid Bergmann, die ein Paar waren. Bei Ulrich Peltzer gibt es ein Resümee der Liebe, dieser einen Liebesgeschichte, die er in diesem Buch erzählt, das in weiten Strecken eben eher ein »Memoir«, eine Autofiktion denn ein konventioneller Roman ist.

Es ist eine traurige Liebesgeschichte, so viel darf verraten werden. Traurig für den Erzähler, der Peltzer selbst ist, so viel darf angenommen werden. Seine Geliebte heißt Leonore, »Leo-No-Re«, wie er an einer Stelle sagt. Eine für den jungen Doktoranden schicksalhafte Begegnung, mit einem Twist und einem Bruch in der Mitte.

Bevor Missverständnisse entstehen: Es ist eine gewöhnliche Liebe zwischen einer Frau und einem Mann, aber natürlich gibt es auch hier eine Fliehkraft, eine Abweichung.

»Das bist du« ist aber nicht nur Liebesgeschichte und Autobiografie, sondern auch Berlin-Roman, Roman über die graue Vorzeit der Mauerstadt Westberlin, die 80er Jahre, inklusive all der Musik, der Mode und Un-Mode, der (älteren) Literatur und des Kinos. Nebenher ist das ein Roman, der von einer Art des Schriftstellerwerdens erzählt, von einem Mann, der als Kartenabreißer, als Filmvorführer, als psychologischer Gutachter arbeitet, stets von der Hand in den Mund lebt im überaus abbruchreifen Berlin. Und der der Ausschweifung durchaus zugetan ist und allerlei handelsübliche Drogen durchprobiert, mit Ausnahme der gefährlichsten, und der ebensolche Freunde hat. Dass insbesondere das Kino für Peltzer wichtig war, ist hier sehr gut zu erfahren, wie auch versteckte Hinweise zu seinen von und mit Christoph Hochhäusler realisierten Drehbüchern zu finden sind.

Peltzer ist Jahrgang 1956. Das Berlin, das er hier beschreibt, ist untergegangen. Es ist das späte Westberlin, das Jahrzehnt vor dem Mauerfall. Es gibt den legendären Club »Dschungel« noch in seiner ursprünglichen Version; aber, im Gegensatz zu den bisherigen Geschichtsschreibungen, taucht in »Das bist du« kein Blixa Bargeld auf, kein Nick Cave, kein David Bowie - und wenn, dann als popkulturelle Referenzen, nicht als Personen. »Das bist du« bleibt ganz bei sich und seiner näheren Umwelt: seltsame Menschen, kalt und bescheiden, warmherzig und theoriebesessen, ausschweifend und klug und doch irgendwie unreflektiert verkrampft, ganz wie der Erzähler auch.

Die Liebe steht im Mittelpunkt des Denkens und Fühlens beziehungsweise eindeutig mehr des Fühlens als des Denkens, denn das widmet sich psychologietheoretischen Fragen und alles andere wird, verständlich genug, betäubt. Diese Liebe ist eine recht gewöhnliche: Frau trifft Mann, ein coup de foudre, und im weiteren Verlauf dann eine weithin funktionierende Beziehung mit Sollbruchstelle. Für den Erzähler bildet diese Liebe aber den Urgrund alles Schreibens, die Adressatin von allem. Das ist auch merkwürdig: Man hätte gerne etwas mehr erfahren, über spätere Relativierungen, neue Geschichten, andere Betrachtungen, aber im Wesentlichen bleibt »Das bist du« im selbst gesteckten zeitlichen Rahmen.

Von der Geste her erinnert das Buch an Thomas Melles »Die Welt im Rücken« (2016), nur dass Peltzers Geschichte keine Krankheit ist. Das Format des Memoirs passt gut zu Peltzers Stil - seinen Ausführungen folgt man stets gern, auch wenn einige Theorien wie lose Fäden aus der Geschichte hängen. Oder besser gesagt: Es sind Bausteine aus früherer Zeit, wie die von Deleuze/Guattari und anderen Anti-Psychologen, die damals durchaus psychologisch gelesen wurden.

Was sie uns heute noch sagen könnten, nicht privatliterarisch, sondern gesellschaftlich, hätte man gerne erfahren. »Als hätten Verbote und Zwänge jemals etwas anderes hervorgebracht als verkrüppelte Seelen, die schließlich der eigenen Unterwerfung auch noch zustimmen«, heißt es zum Beispiel an einer Stelle; doch nicht nur in dieser Hinsicht hat sich mittlerweile eine enorme Verschiebung ergeben, ein, wie man damals sagte, Paradigmenwechsel hat stattgefunden.

Ulrich Peltzer: Das bist du. Fischer, 288 S., geb., 22 €.

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