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Pandemie blockiert Integration

Laut Studie sind Fortbildung und Erwerbsarbeit für Migranten gefährdet

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 4 Min.

Sarah und Lena haben es gut. Die Eltern der Acht- und Neunjährigen wohnen in einem Einfamilienhaus mit Garten im Münchner Westen, die Mutter ist Lektorin, der Vater Professor an einer Fachhochschule, beide natürlich im Homeoffice. Bei solchen Bedingungen klappt der Distanzunterricht, wenn er sein muss. Für geflüchtete Familien hingegen gibt es viele Barrieren zu überwinden, um bei geschlossener Schule am Unterricht teilzunehmen.

In einer Großstadt wie München leben mehr als 6000 Flüchtlinge in Heimen für Asylsuchende, darunter viele Familien mit Kindern. Auch für sie gilt die Schulpflicht und je nach Inzidenzwerten oder Infektionen ist Homeschooling angesagt. Doch wie funktioniert der Fernunterricht mit Laptop, wenn man zu fünft in einem Zimmer lebt?

Die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen ist durch die Coronakrise in Gefahr zu scheitern, warnen Forscher in einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg »Auswirkungen und Szenarien für Migration und Integration während und nach der Covid-19-Pandemie«. Denn, so der Befund: »Nahezu alle integrationspolitischen Bereiche sind von negativen Auswirkungen der Pandemie betroffen. Errungenschaften, die wir in den vergangenen sechs, sieben Jahren erzielt hatten, drohen zu versanden, wenn wir nicht entsprechend gegensteuern.« Damit sind beispielsweise der Zugang zu Schulbildung sowie Sprach- und Integrationskurse gemeint.

Neben den Folgen für die Bildung widmet sich die Studie Themen wie Mobilität, Gesundheit und Wohnen. In all diesen Bereichen hat die Pandemie demnach ohnehin bestehende migrationsspezifische Barrieren verstärkt. So sei der Zugang zu psychologischen und psychiatrischen gesundheitlichen Diensten weiter eingeschränkt worden. Bewohner von Sammelunterkünften sind besonders gefährdet, sich mit Corona anzustecken. Laut einer Studie der Universität Bielefeld liege das Ansteckungsrisiko in Gemeinschaftsunterkünften bei 17 Prozent.

Es mangele an Hygieneartikeln und Information, die Einhaltung von Distanzregeln seien schlicht unmöglich. Hinzu komme die psychische und mentale Verfassung der Menschen, die oft traumatisiert und nun ohne Beratung sind. Insbesondere durch angeordnete Kollektivquarantänen in Erstaufnahmeeinrichtungen seien teils Ansteckungsraten bis zu 67 Prozent verursacht worden.

Nahe dran an diesen Problemen ist Karlotta Brietzke. Die 33-jährige Sozialarbeiterin ist bei der Diakonie München mit ihren Kolleginnen zuständig für die Betreuung von 900 Flüchtlingskindern und Jugendlichen in 15 Unterkünften. Die Diakonie sorgt für Krabbelgruppen und Gesprächsangebote für Mütter und Väter mit Kindern, offenes Spiel, über das die deutsche Sprache gelernt wird, Mal- und Bastelangebote, Sport und Unterstützung bei den Hausaufgaben.

»Mittlerweile läuft das System in München einigermaßen«, berichtetet die Sozialarbeiterin, »aber es ist sehr anstrengend für alle Beteiligten.« Immerhin habe man den Zustand überwunden, wie er bei Pandemiebeginn vor einem Jahr herrschte: Damals waren die Asylbewerberheime auch für die Betreuer nicht zugänglich. Zudem fehlten Computer oder Laptops.

Mittlerweile sind die Kinder und Jugendlichen mit Computern einigermaßen versorgt, woran es bayernweit hapert, ist die Netzanbindung. So forderten im März 150 Organisationen aus dem Bereich der Flüchtlingshilfe Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf, die Unterkünfte so schnell wie möglich mit funktionsfähigem WLAN auszurüsten.

Computer und Laptop reichen jedoch nicht, um einen effektiven Fernunterricht zu ermöglichen, wenn Drucker und Scanner fehlen. »Ohne die notwendige technische Ausstattung ist es sehr schwierig«, sagt Karlotta Brietzke. Die über Internet zugesandten Hausaufgaben sollen ausgedruckt und ausgefüllt werden und müssen wieder zurück zur Lehrkraft kommen. Und wenn ganze Familien in einem Raum leben, ist es fast unmöglich, eine ruhige Lernatmosphäre für den Fernunterricht zu organisieren. Weggefallen sind auch ehrenamtliche Helfer. Da es sich meist um ältere Menschen handelt, ist deren Unterstützung wegen der Infektionsgefahr sehr zusammengeschrumpft. »Mehr als die Hälfte der Ehrenamtlichen kommt derzeit nicht«, zieht die Sozialarbeiterin Bilanz.

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»Derzeit«, so Brietzke, sei der Kontaktschlüssel wegen Corona eins zu eins: Eine pädagogische Fachkraft darf nur ein Kind sehen. Bei bis zu 150 Kindern in einer Flüchtlingsunterkunft kommt man so nicht weit, die Zahl der Mitarbeiter der Diakonie ist ja begrenzt. Bei Inzidenzwerten zwischen 35 und 100 könnten von einer Person immerhin fünf Kinder aus zwei Haushalten betreut werden. Aber trotz der Schwierigkeiten beim Fernunterricht weiß die Sozialpädagogin auch Positives zu berichten: »Die meisten Kinder schaffen wohl den Übertritt in die nächste Klasse.«

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