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Jung, Schwarz, vor Gericht

Das US-Drama »Monster« erzählt von den rassistischen Vorverurteilungen, die prägend für zahlreiche Gerichtsverfahren sind

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

In keinem anderen Land weltweit sitzen so viele Menschen in Gefängnissen wie in den Vereinigten Staaten von Amerika. People of Color stellen unter den rund zwei Millionen Häftlingen einen überproportional hohen Anteil, weshalb das Justizsystem in den Debatten um Rassismus in den USA immer wieder eine bedeutende Rolle spielt. Vor allem junge Schwarze Menschen werden oft nicht nur Opfer polizeilicher Willkür und Gewalt, sondern geraten auch in den Fokus des Rechtssystems. Schon vor über 20 Jahren erschien der Jugendbuchroman »Monster« (1999) des Schwarzen Schriftstellers Walter Dean Myers, der sich dieser Thematik widmet, zahlreiche Preise erhielt und in den USA mittlerweile zur Schulbuchlektüre gehört. Vor drei Jahren wurde der Roman verfilmt, lief auf dem Sundance Filmfestival, kam aber nicht in die Kinos. Nun ist er bei Netflix zu sehen, wo rassismuskritische Filme aus den USA derzeit eine gewisse Konjunktur haben. »Monster« ist ein Gerichtsfilm, der vom Prozess gegen den Schwarzen 17-jährigen New Yorker Steve Harmon (Kelvin Harrison Jr.) erzählt, der wegen Beihilfe zum Mord angeklagt ist und dem bis zu 20 Jahre Haft drohen.

Der junge Steve kommt aber anders als der Mitangeklagte James King - der zusammen mit einer weiteren Person einen Lebensmittelladen überfallen und dabei den Besitzer erschossen hat, während Steve angeblich Schmiere stand - aus der bildungsbürgerlichen Schicht; King stammt aus einfachen Verhältnissen. Steves Vater (Jeffrey Wright) wirkt wie ein verständnisvoller linksliberaler Intellektueller und arbeitet als Werbegrafiker. Steve wächst in Harlem auf, geht auf eine renommierte High School, will Filmemacher werden und läuft den lieben langen Tag mit Fotoapparat und Kamera durch die Großstadt. In Rückblenden wird die Geschichte von Steve erzählt und wie er seinen Mitangeklagten James King kennengelernt hat. Zwischen dem bildungsbürgerlichen Jugendlichen, der begeistert Kiezvideos dreht, und dem coolen und verwegenen James, der Mitglied einer Gang ist, entsteht eine Bekanntschaft, die Steve »Street Credibility« einbringt, wenngleich die beiden nicht wirklich eng befreundet sind. Eher durch Zufall gerät Steve in den Raubüberfall, was der Staatsanwalt, ein impertinenter Law-and-Order-Vertreter, aber nicht gelten lassen will und ihn als »Monster« bezeichnet.

»Du bist jung, du bist Schwarz, du stehst vor Gericht«, sagt seine Anwältin (Jennifer Ehle) und erklärt dem völlig überforderten Steve damit, warum er trotz der verfassungsgemäß vorgeschriebenen Unschuldsvermutung vor Gericht für viele Menschen erst einmal als schuldig gilt. »Monster« erzählt vor allem von den rassistischen Vorverurteilungen, die prägend für zahlreiche Gerichtsverfahren sind und bei Verhandlungen mit Geschworen für die Urteilsfindung enorme Bedeutung haben. Der Film hält sich dabei strikt an die Perspektive des jungen Steve, der seinen Fall wie in einem Drehbuch erzählt und dabei zwischen Gerichtssaal, Gefängniszelle und dem freien Leben in der Großstadt hin- und herspringt und Stück für Stück die Ereignisse jenes verhängnisvollen Nachmittages freilegt. Wobei das Leben des jungen Künstlers, seine Freundschaften, die Liebesbeziehung zu einer Mitschülerin und das Verhältnis zu den Eltern in dem Film etwas zu schön und harmonisch inszeniert sind. Irgendwelche Kanten, geschweige denn sozialen Konflikte, scheint es im Leben des jungen Steve kaum zu geben.

Regisseur Anthony Mandler, der bisher vor allem die Videos diverser Pop- und Hip-Hop-Stars drehte (unter anderem für Rihanna und Jay Z), verliert sich in »Monster« mitunter in einer zu gefälligen Großstadtästhetik mit Skateboards, Basketball und coolen Jugendlichen, die dann wirklich auch ein wenig an Musikvideos erinnert. Die titelgebende Beschimpfung von Steve als »Monster« durch den Staatsanwalt wird in dem Film für den Zuschauer widerlegt. Steve ist ein guter Junge. Das bezeugt irgendwann auch sein Kunstlehrer im Zeugenstand. Aber die sozialen Konflikte und rassistischen Ausgrenzungen, unter denen sein Mitangeklagter James King zu leiden hat, spielen nicht wirklich eine Rolle.

»Monster« erzählt davon, wie ein bildungsbürgerlicher Jugendlicher ins Visier der Ermittler gerät, weil er Schwarz ist. Der Film inszeniert die juristische Wahrheitsfindung und zeigt eindrücklich, mit welchen rassistischen Mechanismen dieser Heranwachsende konfrontiert wird. Der Film thematisiert aber nicht explizit, dass es neben den rassistischen Ausschlussmechanismen eben auch eine Frage der Klassenzugehörigkeit ist, ob und wie jemand vor Gericht bestehen kann oder nicht. Während in Filmen wie »The Hate U Give« (2018) oder in der Miniserie »When They See Us« (2019) die soziale und ökonomische Marginalisierung Schwarzer Jugendlicher eine zentrale Rolle für ihre Möglichkeiten spielt, im US-amerikanischen Justizsystem um ihr Recht zu kämpfen, wird dieser Aspekt in »Monster« nicht wirklich kritisch reflektiert.

»Monster«: USA 2018. Regie: Anthony Mandler. Drehbuch: Janece Shaffer, Colen C. Wiley. Mit:

Kelvin Harrison Jr., John David Washington, Jennifer Ehle, 98 Minuten, auf Netflix.

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