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  • Initiative Kultur ins Grundgesetz

Den Staub des Alltags von der Seele fegen

Kulturellen Kahlschlag und existenzielle Nöte beklagte eine Konferenz der Initiative «Kultur ins Grundgesetz»

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.
Kein ungewöhnliches Bild in Ostdeutschland: Relikt vergangener kultureller Vielfalt
Kein ungewöhnliches Bild in Ostdeutschland: Relikt vergangener kultureller Vielfalt

Aufgabe der Kultur ist es, im Menschen das soziale Gewissen und die soziale Moral zu entwickeln und zu stärken und alle Fähigkeiten und Talente des Einzelnen zu organisieren.« Meinte der russische Schriftsteller Maxim Gorki. Und Albert Schweitzer war überzeugt: »Kultur fällt uns nicht wie eine reife Frucht in den Schoß. Der Baum muss gewissenhaft gepflegt werden, wenn er Frucht tragen soll.« Diese Zitate kamen mir in den Sinn, als Singer-Songwriter Tino Eisbrenner begründete, warum »der Staat und die amtierenden Politiker sich zuständig fühlen müssen, Kunst und Kultur zu schützen und zu fördern sowie allen Bürgern gleichermaßen kulturelle Teilhabe zu ermöglichen«. Und weshalb dies grundgesetzlich zu verankern sei.

Der in der DDR sozialisierte Rockpoet und Friedensaktivist erinnerte sich, Kultur von Kindesbeinen erfahren zu haben. Weil der Staat sich kümmerte. »Aus dem Schock heraus«, wie lange es dauerte, bis die Bundesregierung sich bequemte, in der pandemischen Katastrophe endlich auch einen Schutzschirm für Künstler und Kulturschaffende aufzuspannen, hat Eisbrenner Ende 2020 mit acht Kollegen und Kolleginnen die Initiative »Kultur ins Grundgesetz« ins Leben gerufen. Und eben jene lud am vergangenen Dienstabend zu ihrer zweiten (Online)Konferenz. Ging es bei der ersten im April um soziale Sicherungsinstrumente für Kunst- und Kulturschaffende, insbesondere der freien Szene, die sich zumeist in prekären Arbeitsverhältnissen befinden, Schwachstellen in Fördermechanismen sowie zu befürchtende Langzeitfolgen der Coronakrise im Kunst- und Kulturbereich - so stand diesmal Bildung als Grundvoraussetzung für kulturelle Teilhabe mit Fokus auf ländliche Regionen sowie den Kinder und Jugendbereich im Mittelpunkt der Debatte. Die Misere war lange vor dem Virus ersichtlich, verdankt sich ergo nicht einem »Betriebsunfall« der Natur, sondern ist menschengemacht.

Sabine Völkel von den Berliner Symphonikern verwies auf den Kahlschlag in Ostdeutschland, vor allem auf dem Lande, nach 1990 mit der Schließung von Kulturhäusern, Clubs und regionalen Bühnen, was zur Schwächung von Identitäten führte. Sie beklagte, dass in Brandenburg vielerorts schon in zweiter Generation Kunst- und Kulturabstinenz zu verzeichnen sei. Es sei nicht verwunderlich, wenn Kinder und Jugendliche Berührungsängste oder gänzliches Desinteresse aufweisen, wenn schon deren Eltern keine kulturellen Erlebnisse und Erfahrungen machen konnten. Das schließe auch direkte Begegnung ein: »Den Schauspieler, den man beim Bäcker um die Ecke kennenlernt, gibt’s nicht mehr.« Oder auch den in der Eckkneipe, wie ich mich an Studentenzeiten in Berlin Anfang der 80er erinnere: Bei »Bötzow« in der Linienstraße erschien Walter Plathe mit einem Neufundländerwelpen, den ihm ein Fan vor die Haustür gesetzt habe, um Dank zu sagen, Freude zu bereiten ...

Der ländliche Raum fühle sich abgehängt, so Völkel weiter. Selten sind erfahrene und erfolgreiche Künstler dort zu sichten. Doch selbst in Großstädten wie Berlin, wo es eine Fülle an kulturellen Angeboten gibt, würden diese nicht von allen wahrgenommen, nicht wahrgenommen werden können. Ob urbaner Diversität mit Parzellierung von Kunst und Kultur nach Schichten, Herkunftsländern, Partikularinteressen mahnte Völkel eindringlich stärkeren Austausch und Vernetzung an, auf dem Lande, in der Stadt wie auch zwischen diesen Lebensräumen .

Daran anknüpfend entwarf Julia Diebel vom Kulturrat Brandenburg ihre Vision einer ständigen Konferenz der Länderkulturräte, auch wenn es noch nicht in jedem Bundesland eine solche Institution gibt. Die Brandenburger gründete sich auch erst im August letzten Jahres. Aber immerhin sei man da mehr als eine Nasenlänge den Bayern und Berlinern voraus, die noch keinen Kulturrat haben. Dafür kann die deutsche Hauptstadt mit einem Kulturfördergesetz punkten, das man - so Diebel - auch in Brandenburg anstrebe. Die in Frankfurt an der Oder aufgewachsene Kommunikationsleiterin der Filmuniversität Babelsberg, Jahrgang 1970, ist - wie Eisbrenner - dankbar für Prägungen von Kindheit an. »Ich komme zwar aus einer kunstbeflissenen Familie, aber selbst dies nützt nichts, wenn nicht schon im Kindergarten und in der Schule an Kunst und Kultur herangeführt wird und diese nicht auch den gleichen Stellenwert im Freundeskreis haben.« Unverkennbar schwang Stolz mit, als sie über die Kinderfilmuniversität Babelsberg berichtete, die »wunderbar angenommen wird«. Kinder und Jugendliche müssten mitreden dürfen, was kulturelle Angebote für sie beträfe, betonte Diebel und forderte zudem Bildungsgutscheine als Garant für gleiche Chancen auf kulturelle Teilhabe für alle.

Mit einem positiven Beispiel konnte auch Michael Kunsmann, Projektleiter am FEZ in Berlin, aufwarten. Das Kinder- und Freizeitzentrum Wuhlheide sei das größte seiner Art in Europa. Man kooperiere mit 800 Fachleuten und 500 in- und ausländischen Partnern. Nicht nur sportliche Aktivitäten, auch Kulturelles gäbe es dort reichlich - vom Kindertheater bis zur Kinderbuchwerkstatt. Hinzugefügt sei: Es grenzt schier an ein Wunder, dass die 1950 angelegte Pionierrepublik »Ernst Thälmann«, wenn auch umgetauft, westlichen Abwicklungseifer überlebt hat.

Mit Chris Berghäuser sei hier die Euphorie wieder geerdet. »In Deutschland singt man nicht freiwillig, nur, wenn man schon etwas Alkohol intus hat«, bemerkte der Geschäftsführer der Berliner Landesmusikakademie. Das Versprechen der Politik, den Musikunterricht an den Schulen zu stärken, blieb ein Lippenbekenntnis. Davon konnte auch Eisbrenner ein Lied singen, der an einer mecklenburgischen Grundschule für drei Jahre Aushilfe als Musiklehrer geleistet hatte. Zu seinem Erstaunen gab es keinen Lehrplan; er möge googeln, beschied man ihm. Mit Corona starb denn auch als erstes die Musik. »Aber Google ist nicht Wissen.« Musikalische wie überhaupt musische Erziehung dürfe man nicht elterlicher Prioritätensetzung überlassen, warnte Berghäuser. Und sie dürfe nicht nur »entgeltgesteuert« sein. Musiklehrer an Schulen und in außerschulischen Häusern müssten aber fair und tariflich entlohnt werden. Und eben deshalb sei der Staat in die Pflicht zu nehmen, müssten Kunst und Kultur verfassungsrechtlich kodifiziert werden.

Abgesehen vom eingangs zitierten hehren Wert von Kunst und Kultur zur Persönlichkeitsentfaltung, ist auch Pablo Picasso zuzustimmen: »Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.« Kurzum: Ohne Kunst und Kultur kein menschenwürdiges Leben. Die Initiative »Kultur ins Grundgesetz« braucht bis zum 13. Juni 50 000 Unterschriften.

www.openpetition.de/kultur-ins-grundgesetz

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