»Es geht immer um Geruch, Geschmack, Haut, Nacktsein«

Menschen mit Behinderung wird eine eigene Sexualität oft abgesprochen. Sexualbegleitung kann Abhilfe schaffen

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 9 Min.

»Funktioniert das überhaupt? Also kannst du überhaupt Sex haben?« Solche Fragen hören Menschen mit Behinderung - erst recht, wenn diese sichtbar ist - oft bereits beim ersten Date. Denn während nicht behinderte Menschen vermeintlich immer sexuell aktiv sein können und wollen, wird behinderten, aber auch alten und pflegebedürftigen Menschen jegliche Form der Sexualität abgesprochen. Doch Sex ist ein menschliches Grundbedürfnis - unabhängig von körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Nur beim Zugang und der Umsetzung brauchen manche Menschen Unterstützung. Tamara Solidor bietet diese Unterstützung an – als Sexualbegleiterin.

Die heute 41-Jährige arbeitet bereits lange in der Sexarbeit und hat sich schon früh mit Körper-, Rollen-, Geschlechterbildern und der Sexualität von Menschen beschäftigt, wie sie sagt. Noch immer stecke in den Köpfen vieler Menschen der Irrtum, dass behinderte Menschen keinen Sex haben wollen. Als sei es so abwegig, dass ein Mensch, der zum Beispiel Autismus hat, sexuelle Lust erleben möchte. Oder ein Mensch, der gelähmt ist, trotzdem einen sexuellen Trieb hat.

»Das wird ganz oft negiert«, meint Solidor. »In der Gesellschaft und auch in der Sexarbeit gibt es ganz viele Vorurteile, Diskriminierung und Ausschlusskriterien. Es gilt eine ganz bestimmte Ästhetik.« Das war für sie erschreckend - auch, weil sie oft Anfragen bekommen habe, in denen gefragt wurde: »Ich bin blind, ist das für dich okay?« Oder: »Ich sitze im Rollstuhl, würdest du dich mit mir überhaupt treffen?« Warum denn nicht, dachte sich Solidor und bildete sich nach und nach als Sexualbegleiterin weiter. »Zu dem Zeitpunkt gab es die Ausbildung zur Sexualbegleitung noch nicht so richtig. Mit jede*r und jede*m neue*n Kund*in habe ich mehr gelernt, mich weitergebildet und mit anderen Sexualbegleiter*innen und Sexarbeiter*innen unterhalten.«

Was Sexualbegleitung konkret bedeutet, darüber herrscht Uneinigkeit. Teils wird der Begriff auch synonym zur Sexualassistenz genutzt. Denn auch diese ist ein Angebot, das Menschen mit Behinderungen »mit einem spezifischen Hilfebedarf in Anspruch nehmen (können), um ihre Sexualität leben zu können«, schreibt der Verein pro familia, der bundesweit Beratung zu den Themen Sexualität, Schwangerschaft und Partnerschaft anbietet. Dabei könne zwischen passiver und aktiver Sexualassistenz unterschieden werden: »Als Formen der passiven Sexualassistenz gelten insbesondere das Besorgen von Verhütungs- und Hilfsmitteln bzw. pornografischen Werken für Menschen mit Behinderungen oder die Vermittlung eines Kontakts zu Prostituierten.« Werden Menschen in die sexuelle Interaktion mit einbezogen, spricht man von aktiver Sexualassistenz. Das kann Hilfe bei der Selbstbefriedigung sein oder auch Unterstützung bei der Positionierung von Stellungen.

Die Abgrenzung zwischen (aktiver) Sexualassistenz und Sexualbegleitung sei nicht immer leicht, findet auch Daniel Horneber. Auf seinem Blog inklusion-statt-integration.de klärt er über die beiden Themen auf und setzt sich auch anderweitig mit Behinderung und Sexualität auseinander. »Für mich liegt die Unterscheidung zwischen Sexualbegleitung und -assistenz darin, dass es sich bei Sexualbegleiter*innen um Sexarbeiter*innen handelt, die sich speziell fortgebildet haben, um auf behinderte Personen und deren Bedürfnisse eingehen zu können und in den direkten sexuellen Kontakt mit den Kund*innen gehen.« Aber auch Sexualbegleiter*innen machen Sexualassistenz und nutzen zunehmend den Begriff der Assistenz, erklärt Horneber. »Das hat damit zu tun, dass der Begriff Assistenz im Bereich der Arbeit mit behinderten Menschen professionell klingt.«

Im niedersächsischen Trebel kann man sich sogar als Sexualbegleiter*in zertifizieren lassen. Seit mehr als 25 Jahren werden dort Aus- und Weiterbildungen angeboten. »Das 'Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter' (ISBB) in Trebel hat seine Wurzeln in der emanzipatorischen Behindertenbewegung. Emanzipatorisch ist daran der Versuch, sich von traditionellen Rollenfestlegungen zu befreien: gegen das dankbare, liebe, leicht zu verwaltende Musterkrüppelchen«, heißt es auf der Webseite. Dazu gehöre auch, behinderte Menschen dabei zu unterstützen, sich ihren Körper wieder anzueignen und eine erfüllte Sexualität zu erleben, etwa durch Sexualbegleitung.

Anders als Daniel Horneber und die Sexarbeiterin Tamara Solidor versteht man beim ISBB Trebel Sexualbegleitung allerdings nicht als Sexarbeit: Angeboten werde »eine gemeinsame Zeit, eine Surrogatpartnerschaft, die offen ist für sexuelle Kontakte«. Das unterscheide sie von der Prostitution, in der es um eine konkrete sexuelle Handlung gehe und nicht die gemeinsame Zeit.

Dass das aber auch in der Sexarbeit der Fall sei, erzählt Solidor durch eine Anekdote: Im Pausenraum des Bordells, der sogenannten Puffküche, sprang eine Kollegin mal genervt auf und sagte: »Ey Leute, ich arbeite drei Tage im Puff und gehe ungefickt nach Hause.« Dabei habe die Kollegin Kunden gehabt. »Es ist einfach so, dass ganz viele Kund*innen was ganz anderes wollen und es nicht vordergründig um Penetration und Orgasmus geht. Ganz im Gegenteil«, sagt Solidor. Im Grunde gehe es bei ihrer Arbeit immer um körperliche Nähe, egal ob bei behinderten oder nicht behinderten Menschen. »Es geht immer um Geruch, Geschmack, Haut, Nacktsein, Sehnsucht, auch um das Bedürfnis, einem Menschen zu begegnen, der im Alltag nicht vorhanden ist. Insofern sind die Wünsche nicht so unterschiedlich.«

Tamara Solidor, wie läuft eine Sexualbegleitung ab?

Hört euch die Antwort von der Sexualbegleiterin Tamara Solidor an.

Für Solidor ist ihr Wissen aus der Sexarbeit und der Körperarbeit enorm wertvoll für die Arbeit als Sexualbegleiterin, erklärt sie. »Sexualbegleitung ist ganz klar eine Form von Sexarbeit. Und ich finde das auch daneben, dass man versucht, das irgendwie 'reinzuwaschen' und voneinander zu trennen, als ob das eine gut und das andere schlecht wäre.«

Horneber und Solidor halten daher von dem ISBB Trebel wenig. »Weil die sich in der Außendarstellung von der Sexarbeiter*innen-Bewegung distanzieren, indem behauptet wird, Sexualbegleitung sei keine Sexarbeit«, kritisiert der Blogger und Aktivist Horneber. Eine Erklärung für ihn: das Prostituiertenschutzgesetz, das 2017 in Kraft getreten ist und mit dem sich alle Sexarbeitenden als solche anmelden müssen. In der Tat heißt es auf der Webseite des ISBB Trebel, dass sich ihre Sexualbegleitung von den Voraussetzungen des aktuellen Prostitutionsschutzrechtes absetze. Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Sexarbeiter*innen findet Horneber allerdings gut: »Weiterbildung schadet eigentlich in keinem Beruf. Warum sich also nicht auch inklusiv fortbilden, damit man auf verschiedenen Personengruppen eingehen kann?«

Nonverbale Kommunikation, Positionierung, wie hebe ich oder vielleicht auch, wie fessele ich richtig, wenn eine Person eine Lähmung hat, seien durchaus wichtige Punkte im Bereich Sexualität von Menschen mit Behinderung. Laut Solidor sei es aktuell noch schwer, Sexualbegleiter*innen zu finden. Sie sei selbst oftmals sehr weit unterwegs, weil das Netz an Sexualbegleitung so dünn ist »Das hat immer und funktioniert auch heute noch viel über Mundpropaganda und über Workshops, die ich anbiete für Einrichtungen, die sich überhaupt erst mal mit dem Thema beschäftigen wollen.«

In ihren Workshops begegne Solidor immer wieder die gleiche Reaktion: »Oft sitzen mir in den Einrichtungen sehr viele, sehr skeptische Mitarbeiter*innen gegenüber. Dann fange ich erst mal an zu erzählen, was ein sexuelles Bedürfnis überhaupt sein kann. Ein Bedürfnis nach Nähe, einfach mal einen Menschen nackt zu sehen, zu riechen, anzufassen, zu schmecken.« Gerade in solchen Lebens- und Wohnsituationen sei es wichtig, den Körper auch jenseits des Pflegealltags und der Pflegeroutine kennenzulernen, betont sie. So sei die Sexualbegleitung auch eine Möglichkeit für Empowerment und dafür, persönliche Wünsche einzufordern und durchzusetzen. »Ich merke dann, wie die vorherige Einstellung zu einem ganz großen Prozentteil kippt.«

Wer vorher dachte, das ist ja alles ganz komisch und eklig, sieht danach ein, wie wichtig Sexualbegleitung sein kann, so Solidor weiter. Dann kommen praktische Fragen, erzählt sie: Was kostet das überhaupt? Wer bezahlt das? Wo findet das statt? Wie ist das in den Tagesablauf zu integrieren und ist das für das Betreuungspersonal nicht mehr Arbeitsaufwand, weil eine Person zum Beispiel extra gewaschen werden muss?

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Horneber sieht Sexualbegleitung, die sich von der Sexarbeit abgrenzt, auch deswegen kritisch, weil die Sexualbegleitung damit zu einem »paternalistischer Schutz- oder Schonraum« werde. »Als hätten behinderte Menschen kein Bedürfnis nach Sexualität, wie sie von normalen Sexarbeitenden angeboten wird«, kritisiert er. Sonder- und Schonräume findet er eher »gruselig«, »weil sie uns als behinderte Menschen nichts bringen«. Ihm geht es um eine Normalisierung, um einen inklusiven Umgang mit behinderten Personen. »Dem leisten wir keinen guten Dienst, wenn wir sagen, wir brauchen eine Institution, in der sich Sexarbeitende um den Sex mit behinderten Menschen kümmern, weil dann wird das eine Sonderinstitution.« Für solche Sondereinrichtungen gebe es allerdings etliche Negativ-Beispiele wie etwa Sonderschulen oder auch Behindertenwerkstätten.

Horneber meint auch, dass Sexualbegleitung nicht durch den Staat finanziert werden solle – eine Debatte, die immer wieder auch unter Politiker*innen geführt wird. Die Herausforderung sei vielmehr, Zugänge zu schaffen, damit behinderten Personen sexuelle Dienstleistungen einfach in Anspruch nehmen können. »Eine Person, die in einer Werkstatt für 180 Euro ausgebeutet wird, hat natürlich nicht unbedingt die Kohle, um sich eine solche Dienstleistung leisten zu können. Das sind aber Strukturen, da müssen wir an den Arbeitsbedingungen und an die Finanzierung der Eigenständigkeit ran.« Anders sei das bei der Sexualassistenz. »Das können ja auch die jetzigen Assistenzkräfte, wenn das für sie und die Assistenznehmer*innen in Ordnung ist, leisten.« Sexualassistenz sollte genauso wie andere Assistenzleistungen vom Sozialdienst gezahlt werden, so die Minung von Horneber. Das mit der Krankenkasse abzuwickeln, stigmatisiere Sexualität behinderter Menschen als etwas krankhaftes. Und das gelte es zu vermeiden. Sexarbeiter*innen und Menschen mit Beeinträchtigungen hätten seiner Auffassung nach sehr gute Gründe, im Kampf um ihre Rechte enger zusammenzuarbeiten. Denn beiden Gruppen werde die selbstbestimmte Verfügung über ihre Körper abgesprochen.

Die Sexarbeiterin Tamara Solidor tut sich sogar schwer damit, Sexualbegleitung und die »normale« Full-Service-Sexarbeit voneinander abzugrenzen: »Wo fängt eine Einschränkung an? Und wo hört sie auf? Ich bekomme oft Escort-Anfragen und merke dann, dass das eigentlich eine Sexualbegleitung ist. Weil diese Person zum Beispiel über keinerlei soziale Kompetenzen verfügt, eine völlig gestörte oder gar keine Körperwahrnehmung hat oder, weil sie abstruse Vorstellungen von real gelebter Sexualität hat.«

Diese sexuelle Bildung, wie Solidor sagt, sei sowohl in der Sexualbegleitung als auch bei Escort-Dates oft schlecht – aber aus unterschiedlichen Grünen: Menschen mit Behinderung werde die sexuelle Bildung aus unterschiedlichen Grünen oft komplett verwehrt. Bei Kund*innen im Escortbereich hingegen oder auch im Bordell sei das Wissen über Sex und Sexualität oft schlecht.

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