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»Corona war der Gnadenschuss«

Die iranischen Regisseure Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam sprechen über ihr Land. Über ihren Berlinale-Film, die Todesstrafe, die Präsidentschaftswahl und die Situation des Kinos seit der Pandemie

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 11 Min.

Es war ein Tag vor der Präsidentschaftswahl im Iran, der 17. Juni. Behtash Sanaeeha (Regisseur) und Maryam Moghaddam (Co-Regisseurin/Schauspielerin) waren in Berlin angekommen, um bei der Premiere ihres Films »Ghasideyeh gave sefid« (Ballad of a White Cow) im Wettbewerb der Sommer-Berlinale dabei zu sein. Sie sind ein Paar und wohnen in Teheran. Es war ihre erste Reise ins Ausland seit dem Beginn der Pandemie. Wir saßen auf dem Balkon eines Hotelzimmers in Berlin-Mitte. Für ein Berlinale-Interview ungewöhnlich, eher angenehm. Abends sollte die Premiere sein. Das Festival ging am Sonntag zu Ende. Das Ergebnis der Wahl im Iran ist inzwischen bekannt, es ist erschreckend.

Wie war Ihre Reise nach Berlin mit all den Einreiseverordnungen und Corona-Protokollen?
Behtash Sanaeeha: Es war ein sehr komisches Erlebnis und kostete viel Zeit und Energie, um diese Reise zu machen - wegen der unterschiedlichen Tests und der verschiedenen Check-ins war das alles sehr schwierig.

Maryam Moghaddam: Wir dachten uns schon, dass es sehr stressig wird, sind aber irgendwann ins kalte Wasser gesprungen. Und jetzt denken wir nicht mehr an den Stress. Es ist sowieso eine besondere Situation.

Ihr neuer Film »Ghasideyeh gave sefid«, der auf der Berlinale Premiere feiert, handelt von der Todesstrafe im Iran. Es ist auffällig, dass etliche iranische Filme auf den Berliner Filmfestspielen die Todesstrafe thematisieren. Etwa »Es gibt kein Böses« von Mohammad Rasoulof, der letztes Jahr den Goldenen Bären gewann. Oder auch »Yalda« (2020) von Massoud Bakhshi in der Sektion Generation der Berlinale. Warum ist das so?
Maryam Moghaddam: Sieht man von Rasoulofs Film einmal ab, dann machen die anderen Filme die Todesstrafe nicht direkt zum Thema. Es gibt dieses Gesetz der Vergeltung im Iran (Auge um Auge, Zahn um Zahn, d.h.: Wenn jemand umgebracht wird, kann die Familie des Opfers verlangen, dass der Täter hingerichtet wird. Anm.d. Red.) Wenn die Familie des Opfers bereit ist, zu vergeben, gibt es keine Hinrichtung. Bei vielen dieser Filme, zum Beispiel auch bei »Yalda«, geht es eher um die Vergebung zwischen den Menschen, zwischen den Opfern und Tätern.

Die Todesstrafe ist im Iran ein sehr großes Problem, daher gibt es auch viele Filme, die sich damit beschäftigen. Doch über das Gesetz selbst wird kaum gesprochen, das ist auch schwierig. Eigentlich ist es nicht erlaubt zu erörtern, ob dieses Gesetzt richtig oder falsch ist.

Behtash Sanaeeha: Dieses Gesetz in all seinen Aspekten beeinflusst die Menschen in einer Gesellschaft so sehr, dass ich sogar denke, dass darüber im iranischen Kino noch nicht genug Filme gemacht wurden. Ein Film pro Jahr zu diesem Thema ist wirklich zu wenig. Es sollte öfters darüber gesprochen werden, über die kritischen Punkte und darüber, wie das Gesetz verbessert werden kann oder ob es das überhaupt geben soll. Wie Maryam sagte, wurde es im iranischen Kino eher vorausgesetzt, nach dem Motto: Okay, es gibt nun dieses Gesetz, jetzt schauen wir mal, wie oder warum jemand jemandem vergeben soll oder nicht. Kaum jemand hat das Gesetz an sich kritisiert - außer der Film von Herrn Rasoulof, der auch eine Kritik an dem Gesetz ist. Sein Film wurde ungefähr in der selben Zeit gedreht wie unserer, nur mussten wir ihn wegen der Pandemie später veröffentlichen. Unser Film fragt: Was passiert, wenn jemand zu Unrecht hingerichtet worden ist?

Dass es ausgerechnet auf der Berlinale viele iranische Filme gibt, die sich mit der Todesstrafe beschäftigen, hat damit zu tun, dass dieses Festival bei seiner Auswahl eher die Filme beachtet, die die gesellschaftliche oder politische Lage ihrer Länder kritisch betrachten. In dieser Hinsicht ist die Berlinale das wichtigste Festival in der Welt. Es werden dort engagierte Filme gezeigt. Und wenn solche Filme die gesellschaftliche Situation ihrer Länder kritisieren, möchten sie etwas verbessern und helfen, dass vielleicht etwas reformiert wird. Dass die Berlinale solchen Filmen aus dem Iran eine Chance gibt, ist respektvoll und wichtig.

Sie haben den Film letztes Jahr auf dem staatlichen iranischen Filmfestival »Fajr« gezeigt. War es dieselbe Version, die nun in Berlin aufgeführt wird? Oder mussten Sie einige Szenen rausnehmen?
Behtash Sanaeeha: Wenn Sie im Iran einen Film zeigen möchten, müssen Sie einige Verbote und Einschränkungen im Kauf nehmen. Da unser Film ein ernstes Problem zum Thema macht, wollten wir unbedingt, dass der iranische Zuschauer ihn sieht. Wir drehen keine Filme, ohne in erster Linie an iranisches Publikum zu denken.

Aber auch die Obrigkeit sollte etwas davon mitbekommen. Das sollte doch das Anliegen eines Künstlers, Filmemachers oder Schriftstellers sein: die kulturelle, gesellschaftliche und politische Situation seines Landes zum Thema zu machen, um dadurch Einfluss auf seine Gesellschaft und deren Regierung auszuüben. Um den Film im Iran zu zeigen, mussten wir einige »Korrekturen« vornehmen. Das war eine Herausforderung. Und es war sehr zeitaufwändig, bis wir endlich eine Version des Films hatten, die wir bei den wenigen Vorstellungen auf dem Fajr-Festival zeigen konnten. Danach hat der Film keine Genehmigung mehr erhalten, weiteraufgeführt zu werden. Das ist fast ein Jahr her, und wir konnten bis jetzt den Film im Iran keinem öffentlichen Publikum zeigen. Es ist auch unklar, ob es überhaupt noch etwas wird. Aber der Film, der bei der Berlinale aufgeführt wird, ist die unzensierte originale Version.

Maryam Moghaddam: Manche finden es vielleicht positiv, wenn ein Film nicht im Iran gezeigt wird, weil sie glauben, dass er so mehr Aufmerksamkeit auf den internationalen Festivals bekommen würde. Uns ist es aber wichtig, dass die iranischen Menschen das mitbekommen, was der Film zu sagen hat, auch wenn es dafür nur eine einzige Aufführung gibt.

Wie waren die Reaktionen im Iran?
Behtash Sanaeeha: Auf dem Teheraner Festival war unser Werk einer der Lieblingsfilme des Publikums. Auch bei den Kritikern. Aufgrund des sensiblen Themas wurde er jedoch von der Jury leider tendenziell ignoriert. Darüber hat sogar die Presse im Iran geschrieben. Letztendlich hat der Film keinen Preis gewonnen, er hatte nur zwei Nominierungen in den Kategorien Beste Schauspielerin (Maryam Moghaddam) und Bestes Drehbuch (Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam, Mehrdad Kouroshnia). Aber unser Ziel war es nicht, auf diesem Festival Preise zu gewinnen, sondern das Publikum.

Doch das ständige Ignoriertwerden im Iran, obwohl unsere Filme im Ausland künstlerisch und inhaltlich verstanden und wertgeschätzt werden, enttäuscht uns. Vielleicht bringt es uns auch dazu, unsere Werke nicht mehr den inländischen Festivals einzureichen, auch wenn wir das sehr bedauern würden.

Maryam Moghaddam: Ein Regisseur, der gerade begonnen hat, Filme zu machen, hat erst mal keine andere Plattform außer der inländischen. Und die wird uns weggenommen. Wir sind ja noch nicht so bekannt wie etwa Jafar Panahi und bei unseren ersten Filmen hoffen wir eher auf das Publikum im Iran. Doch jetzt haben wir keine Hoffnung, dass unser Film dort öffentlich gezeigt wird.

Das Thema Ihres Filmes zeigt, dass Ihnen die politische und gesellschaftliche Lage Irans nicht gleichgültig ist. Sonst hätten Sie auch einfach einen kommerziellen Film machen können. Morgen ist die Präsidentschaftswahl im Iran. Sie haben vorhin von Hoffnungslosigkeit, von Enttäuschung gesprochen - so sprechen manche Iraner über diese Wahl. Wie denken Sie darüber?
Behtash Sanaeeha: Die Wahlen im Iran sind jedes Mal anders, sie finden stets unter anderen Umständen statt. Manchmal war es wirklich essenziell, ob man an einer Wahl teilgenommen hat, manchmal aber nicht. Bei der bevorstehenden Wahl habe ich persönlich keinen Kandidaten gefunden, dessen Meinung ich teilweise teilen kann. Man kann auch jemanden wählen, ohne jetzt hundertprozentig seiner Meinung zu sein, aber man kann nicht jemanden wählen, dessen Ansichten man gar nicht vertritt. Das, was wir im Iran sehen und hören, ist, dass viele Menschen deswegen nicht wählen gehen möchten.

Maryam Moghaddam: Viele Iraner denken eher, im Gegensatz zu den Menschen etwa hier in Deutschland, dass die Teilnahme oder Nichtteilnahme an einer Wahl über all die Jahre keine Wirkung hatte und hat. Wenn alle, die zur Wahl stehen, nur aus einer Partei kommen, gleich, ob es zehn, 20 oder 100 Kandidaten sind, ist das doch keine Wahl. Denn am Ende gewinnt diese eine Partei.

Sie sind als Künstler und Filmemacher auf den internationalen Festivals unterwegs, um Ihr Werk zu präsentieren. Hatten Sie dabei manchmal das Gefühl, dass Sie ständig klischeehafte Fragen beantworten müssen?
Behtash Sanaeeha: Aufgrund der gesellschaftlichen und politischen Situation unseres Landes bekommen wir viele ähnliche Fragen gestellt, meistens zur Meinungsfreiheit, über den Umgang mit Künstlern und über die Zensur. Also, ja, viele solcher Fragen haben wir beantwortet. Das ist aber auch kein Problem, denke ich. Denn je mehr über die Situation geredet wird, desto mehr kann sie sich verbessern. Wenn wir bei vielen Festivals der Welt etwa nach der Zensur gefragt werden, müssen wir immer sagen: Ja, es gibt leider Zensur. Und wir hoffen, dass es sie eines Tages nicht mehr gibt. Dass die Künstler ohne Zensursorgen schreiben, schaffen, musizieren und veröffentlichen können. Dass die Umstände sie nicht zur Selbstzensur bringen, was am schlimmsten ist, weil Selbstzensur die ganze Kreativität blockiert.

Maryam Moghaddam: In einer idealen Situation kann ein Künstler ein Philosoph sein. In den Ländern wie dem Iran hat der Künstler keine andere Wahl, als auch politisch zu sein, obwohl das seinem künstlerischen Geist nicht unbedingt entspricht.

Vielleicht deswegen spielt Kunst in Ländern wie dem Iran eine wichtige Rolle bei den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Obwohl Kunst fast überall auf der Welt als unwichtig und unseriös wahrgenommen wird. Sie wird von der Politik fast immer als Erstes gecancelt, mit der Ausrede, man habe momentan Wichtigeres zu tun. Corona war nur das letzte Beispiel dafür. Auch bei den Revolutionen und Wahlen denkt man oft, Kunst sei gerade unwichtig.
Maryam Moghaddam: Die Politiker, vor allem die Männer, neigen dazu, die Rolle der Kunst, aber auch die der Frau, zu ignorieren. Überhaupt alles, was sich ihrer Macht entzieht. Wie es im Iran über die Jahre immer gesagt wurde: Unser Hauptproblem sei nicht die Zensur und auch nicht der Zwang-Hidschab. Was ist dann unser Hauptproblem? Genau solche Themen, denn gerade sie können auch eine Gesellschaft verändern. In einem Land wie dem Iran, wo die Schulen und Medien, gleich, ob Zeitungen, Radio oder Fernsehen, sich in der Hand der Obrigkeit befinden, bleibt nur noch das unabhängige Kino, die Kunst, wo man etwas anderes sagen kann als das, was ständig vom System gesagt wird. Wie die ganzen Klischees, die wir seit der Kindheit im staatlichen Fernsehen zu sehen bekommen haben. Deswegen spielt das Kino - trotz Zensur und aller Schwierigkeiten - im Iran eine sehr wichtige Rolle, denn da ist noch nicht alles unter der Kontrolle des Systems. Außerdem sind Iraner sehr kinoaffin und überhaupt sehr kunstaffin.

Behtash Sanaeeha: Sie sehen auch, dass die Kandidaten bei dieser Wahl kaum ein Programm für Kunst und Kultur haben. Wir haben in den letzten Dekaden schon Präsidenten gehabt, denen Kultur nicht fremd war, unter manchen hatte sich die kulturelle Lage sogar verbessert. Vieles an Filmen und Kunstwerken wurde genehmigt. Aber leider machen wir im Iran manchmal Rückschritte. Von den jetzigen Kandidaten gibt es nicht einmal einen Satz darüber, was sie für Kunst und Kultur vorhaben.

Wie ist die Situation von Kino und Theater seit der Pandemie im Iran?
Behtash Sanaeeha: Kino und Theater hat es schwer erwischt. Deren Lage war auch schon vor Corona, vor allem in den vergangenen Jahren, problematisch. Die Filme wurden nicht gut verkauft, ihre künstlerische Qualität reduziert. Corona war der Gnadenschuss.

Ungefähr seit März sind die Kinos im Iran wieder geöffnet - mit weniger Plätzen und Abstand, doch sie werden kaum besucht. Die Säle bleiben leer, es werden höchstens fünf oder sechs Tickets pro Vorstellung verkauft. Diejenigen, die in der Branche arbeiten, sind besorgt, ob die Menschen jemals wieder zurückkehren ins Kino.

Maryam Moghaddam: Es gibt auch einen anderen Grund. In der Pandemie hatten die Menschen im Iran eine sehr schlechte wirtschaftliche Situation. Wegen des Lockdowns musste vieles dichtgemacht werden, ohne dass es finanzielle Unterstützung von der Regierung gab. Die Kinos und Theater haben keine Corona-Hilfe bekommen. Stellen Sie sich vor, die Leute haben außer Corona noch wirtschaftliche Probleme, bei den Impfungen sind sie eh die Letzten, wer hat dann noch Lust, ins Kino zu gehen?

Behtash Sanaeeha: Sie wissen ja, in Ländern wie Deutschland oder Frankreich haben die Kinobetreiber, Filmemacher, die Akteure dieser Branche staatliche Hilfe bekommen. Wenn Kino in der Corona-Zeit gerettet werden soll, braucht es zweifelslos staatliche Unterstützung. Das war im Iran nicht der Fall. Für das Kino kann das zerstörerisch sein.

»Ghasideyeh Gave Sefid« (Ballad of a White Cow): Iran / Frankreich 2020. Regie: Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam, Buch: Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam, Mehrdad Kouroshnia. Mit: Maryam Moghaddam,,Alireza Sanifar, Pourya Rahimisam, Avin Purraoufi. 105 Min., Anfang 2022 im Kino.

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