Nestflüchter

Sie werden wahnsinnig in diesen pompösen Häusern: Jude Law als scheiternder Yuppie in »The Nest«

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenig, vielleicht nichts ist so bürgerlich wie das Eigenheim; nicht einmal das Auto. Wer Adalbert Stifters »Nachsommer« gelesen hat, weiß, wie sehr das geordnete, bei Stifter im Doppelsinn blühende Hauswesen das bürgerliche Selbstbild bestimmt. So weit Filme in des Bürgers vier Wänden spielen, spielen sie in seinem Kopf.

Für den ehrgeizigen, aus kleinen Verhältnissen stammenden Rohstoffmakler Rory O’Hara (Jude Law) muss es, nach zehn erfolgreichen, aber für seinen Geschmack zu gemütlich gewordenen Jahren in den USA, bei der Rückkehr ins heimatliche England schon ein Landsitz sein, obwohl für die vielen Zimmer nur Frau und zwei Kinder und längst nicht genug Möbel zur Verfügung stehen. Es ist 1986, hohe Reagan- und Thatcher-Zeit, und Rory glaubt, dass seine große Stunde geschlagen hat. Er mietet nicht nur das Landgut, sondern auch ein Büro in London, er hat Kontakte, und für die Reitschule seiner Frau werden auf dem weitläufigen Anwesen Ställe gezimmert.

Doch wer jetzt eine Geschichte von Aufstieg und Fall erwartet, wird enttäuscht: Der Landsitz vor den Toren Londons ist genau die Nummer zu groß, die nicht Rorys Aufstieg erzwingt, sondern das Scheitern vorwegnimmt. Dass mit der Größe der Ziele die Größe des Erfolgs korreliere, ist die Lüge der Motivationsseminare, und auch ästhetisch führt sich der Film wie ein Gegenentwurf zu Oliver Stones »Wall Street« auf: gedämpfte, dosierte Musik, die Kamera auf Schleichfahrt, die nur schwer aufzuhellende Düsternis zwischen jahrhundertealten Mauern, hinter denen die Familie herumirrt wie in Albträumen.

Dass die Geschichte vor 35 Jahren spielt, also eine Generation her ist, hat nicht allein den Grund, dass der Neoliberalismus sich gerade erfunden hatte und nur darauf wartete, dass der Ostblock ihm den Weg freigab. Rory versteht sich noch als Ernährer, einer, der sich die Liebe zu Frau und Kindern mit »Ich zahle die Miete, ein Pferd und die beste Schule« übersetzt. Zugleich ist er damals ein Kapitalist neueren Stils, der Firmen nicht gründen, sondern verkaufen will. Dass das in merry old England (noch) kein Erfolgsrezept ist, ist die Pointe eines kanadischen Regisseurs - Kanada ist ja die sozialdemokratische Variante der Vereinigten Staaten - und eine Reminiszenz an den Kapitalismus des ehrenwerten Kaufmanns, der hier als Rorys altbritischer, in Flanell steckender Chef und Gönner auftritt und »Such dir was Stabiles« rät. Ein Taxifahrer wird dasselbe sagen.

Der Verleih besteht darauf, »The Nest« sei ein Psychothriller; nichts falscher als das. Der Psychothriller, indem er die Irrationalität zur Kenntlichkeit entstellt, abstrahiert mehr oder minder stark von jenem Materiellen, um das es Regisseur Sean Durkin geht: Sein Film malt Ehe und Familie als Versorgungsgemeinschaft aus, als Kampf zwischen männlicher Ambition und weiblichem Realitätssinn. Auch in dieser Beziehung schreibt man 1986. Der Film, dessen Titel nur invers verstanden werden kann, ist völlig parteiisch; ausdrücklich propagiert er das kleine Glück, das Leben als bescheidenes, überschaubar kreatürliches, das Allison, Rorys Frau, mit ihrem Pferd begräbt.

Mindestens dem deutschen Publikum kann, von Martin Walsers Novelle her, der Symbolwert von Pferden bekannt sein, und auch dass nach dem Rausch der Kater, nach dem Kater aber das Frühstück folgt, mag zu konventionell finden, wer übersieht, dass es um Konventionalität eben geht. Noch die Effekte, die der Film sich leistet, sind konventionelle (die millimeterweise heranrückende Kamera vielleicht ausgenommen), was natürlich genauso Absicht ist wie das »Boys Don’t Cry«-Poster im Zimmer der Tochter.

Dass das, was Kapitalismus vor der Entfesslung des sogenannten Finanzkapitalismus war, heute wie das Ende der Geschichte wirken kann, ist wiederum eine streng bürgerliche, dabei sozialdemokratische Perspektive; denn sosehr Stifters heile Welt selbstverständlich auf (glücklichen) Domestiken beruhte, sowenig fragt »The Nest«, wer das geglückte amerikanische Leben der O’Haras ermöglicht hat. Und ob »ehrenwerter Rohstoffhandel« nicht ein Widerspruch in sich ist.

»The Nest«: UK/Kanada 2020. Regie: Sean Durkin. Mit: Jude Law, Carrie Coon, Anne Reid, 107 Min. Start: 8. Juli.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal