Mehr als nur Diversity-Management

Eine Initiative an der Freien Universität Berlin prangert Missstände im Lehramtsstudium an - und fordert eine antirassistische Aufarbeitung. Damit soll auch eine Debatte über Strukturen an den Hochschulen angestoßen werden

  • Von Kofi Shakur
  • Lesedauer: 6 Min.
Universität gegen Rassismus: Sitz des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Freien Universität Berlin
Universität gegen Rassismus: Sitz des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Freien Universität Berlin

Ende April dieses Jahres veröffentlichte die »Initiative intersektionales Lehramt Berlin«, gegründet von Studierenden der Freien Universität (FU) Berlin, einen offenen Brief, in dem Missstände im Lehramtsstudium angeklagt werden. In »Seminaren erleben Studierende immer wieder rassistische und sexistische Übergriffe, von Dozierenden selbst, aber auch von anderen Studierenden, ohne dass Dozierende eingreifen«, schreiben die Verfasser. Gefordert werden antirassistische Inhalte im Studium, konkret geht es um die explizite Benennung und Aufarbeitung von Rassismus und Sexismus, was nach der Initiative durch »Schlagworte wie ›Diversity‹ und ›Interkulturalität‹« vermieden würde. Gefordert wird beispielsweise ein verpflichtendes Modul »Antirassismus und Diskriminierung« für alle Lehramtsstudierenden. Bereits Anfang April hatte die studentische Vollversammlung der FU in einer Resolution die Initiative unterstützt und gefordert, das Präsidium der FU solle »die strukturelle Diskriminierung auf institutioneller Ebene anerkennen und aktiv am Abbau dieser diskriminierender Strukturen« arbeiten.

Die Initiative gab im Anschluss bekannt, dass sich die Universität für den Impuls durch den offenen Brief und den dadurch angestoßenen Austausch bedankt hätte. Ein Diversity-Prozess sei bereits begonnen. »Die, die unseren Brief gelesen haben, wissen, was wir vom neuen Diversity-Prozess halten. Und davon, ›Diversity‹ als Ersatz für Antirassismus zu verwenden«, heißt es von Seiten der Initiative. Gegenüber »nd« äußern Mitglieder ihre Unzufriedenheit darüber, dass die Universität zwar schreibe, sie würde die Probleme anerkennen, jedoch nicht auf die angesprochenen strukturellen Dimensionen eingehen wolle. Problematisch sei auch, dass die Universität mit ihren umfangreichen finanziellen Mitteln behaupte, noch ganz am Anfang zu sein, obwohl antirassistische Kritik seit langem auf Missstände hinweise.

Erfahrungen mit Rassismus

»Unsere Perspektive auf rassistisch geprägte Marginalisierungsrealitäten in den Hochschulen, in denen wir als BIPoC (Black, Indigenous and People of Color; d. Red.) arbeiten und leben, ist ein Asset für die jeweilige Institution«, so die Wissenschaftlerin Maisha Auma, die derzeit eine Gastprofessur am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Technischen Universität (TU) Berlin inne hat. »Sie steht aber in Teilen diametral im Gegensatz zur Pflege eines Images, woran vielen Hochschulen liegt, nämlich, dass sie das Problem von strukturellen Rassismus bereits erfolgreich überwunden hätten«.

Für Auma haben Institutionen aus »der Perspektive ent/post/dekolonialer Kritiken und Reflexionen die Verpflichtung, weißzentrische und westzentrische, rassistisch und kolonial geprägte Normen zu überprüfen, unabhängig davon, wie viele BIPoC-, Trans*Inter-Studierende, administratives und wissenschaftliches Personal aktuell in ihren Institutionen arbeiten«. Jede Institution agiere in einem durch Kolonialität strukturierten globalen Zusammenhang. »Ein Problembewusstsein ist die Voraussetzung für die Übernahme institutioneller Verantwortung«, so Auma. Jede Institution, die Internationalisierung bejahe, müsse »die Kolonialität geopolitischer Verhältnisse zur Kenntnis nehmen« und sich mit intersektionalen Marginalisierungen befassen.

Eine Studentin der Universität Potsdam, die anonym bleiben möchte, erzählt im Gespräch, dass die Rassismuserfahrungen in ihrer eigenen Schulzeit der Grund waren, dass sie sich für das Lehramt entschieden hat - um Kindern bessere Erfahrungen und einen sensibleren Umgang zu ermöglichen. Enttäuscht sei sie, dass in Seminaren auch veraltete Theorien, teilweise aus der NS-Zeit, unterrichtet würden. Auf den kritischen Hinweis, diversere Theoretiker*innen und Theorieansätze zu integrieren, würde nicht reagiert. »Es sind wirklich immer die gleichen Menschen, von denen wir die Sachen lernen«. Nur in einem Englisch-Seminar hätte es Inhalte gegeben, die sich kritisch mit Begriffen wie »Race« und Nationalismus auseinandersetzen. Es komme öfter zu Situationen, die für Menschen mit Rassismuserfahrungen belastend seien. Das Konzept »Kinder mit Migrationshintergrund«, die auch nach Aussage der »Initiative intersektionales Lehramt Berlin« als »problematische Migrantenkinder anderer Kultur« bezeichnet und gehandhabt werden, werde nicht hinterfragt. Die Universität würde nichts tun, um intersektionale und diskriminierungskritische Bildung zu vermitteln.

»Wir« und »die Anderen«

Angelo Camufingo, der ebenfalls an der Universität Potsdam studiert, kann sich noch gut an Erfahrungen erinnern, die er in seinen Praktika gemacht hat. In einer siebten Klasse sei es zu einer Diskussion gekommen, weil der Lehrer in der vorigen Geschichtsstunde die Kinder aufgefordert hätte, das »N-Wort« vorzulesen. Die Aufgabenstellung hätte gelautet: »Stell dir vor, du bist ein N-Kind während des Sklavenhandels«. Einige der Kinder hätten sich geweigert, woraufhin der Lehrer das Wort vorlas. Eine Woche später sei das Wort nochmals thematisiert worden, da eine Gruppe gelacht habe, als Camufingo die Begriffe »positiv« und »negativ« an die Tafel schrieb. In der darauf folgenden Diskussion habe eine Schwarze Schülerin erzählt, dass ihre Familie bereits einmal wegen Rassismus in einen neuen Ort gezogen sei.

Camufingos Mentorin sei davon überrascht gewesen, dass nach ihrer langen Zeit an der Schule durch seine Präsenz plötzlich Rassismus thematisiert wurde und Kinder offen über ihre Erfahrungen gesprochen hätten. Es gebe nach wie vor ein auf Abgrenzung beruhendes Verständnis von Kultur, so Camufingo gegenüber »nd«, das auf der Dichotomie »Wir« und »die Anderen« beruhe. So werde zwar interkulturelle Kommunikation vermittelt, aber nicht konkret darauf eingegangen, was alles dabei bedacht werden müsse. Wenn es um Rassismus geht, werde häufig das Verhältnis unter den Schüler*innen thematisiert, jedoch nur selten das zwischen Studierenden und Lehrkräften. Die Realitäten der Studierenden würden sich stark unterscheiden, meint Camufingo. Während andere vor ihren Praktika Angst hätten, nicht richtig vorbereitet zu sein, würde er sich Sorgen machen, wieder an einer Schule mit rassistischem Personal zu landen.

Für Vanessa E. Thompson ist Rassismus ein konstitutiver Teil moderner bürgerlicher Universitäten, ihres Bildungsauftrages sowie der Stratifikation der Gesellschaft: »Die Universität ist eingebettet in gesellschaftliche Kräfteverhältnisse«. Mit dem Soziologen Pierre Bourdieu gesprochen reproduziere sie Ungleichheiten. Universitäten waren Orte, an denen koloniales Wissen produziert wurde, mit dem Versklavung und koloniale Ausbeutung und Extraktivismus legitimiert wurden. Frantz Fanon habe zudem aufgezeigt, dass Universitäten eine wichtige Rolle in der Ausbildung kolonisierter Eliten spielten. Im Rahmen der späten 60er Jahre sei es in Verbindung mit den Studierendenprotesten sowie der Bürgerrechtsbewegung zu einer Öffnung der Universitäten gekommen. Auch wenn inzwischen vor dem Hintergrund der Internationalisierung und der Rationalität der Diversität bestimmte Gruppen inkludiert würden, würden Studierende und Angestellte intersektional Rassismus erfahren.

Schon der Zugang zu einem Studium sei durch das »segregierte Schulsystem« erschwert, wie es auch bei der »Initiative intersektionales Lehramt« heißt. Studierende aus dem Globalen Süden und Geflüchtete seien benachteiligt, so Thompson. Die Universität müsse als Ort sozialer Kämpfe verstanden werden, die sich nicht auf das Curriculum, Einstellungspolitiken oder Fragen von Inklusion beschränken, sondern die Arbeitsbedingungen aller Statusgruppen mit einbeziehen und sich stärker mit den Kämpfen außerhalb der Universität verbinden sollten, damit Dekolonisierung nicht zur Metapher werde.

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