Niederknien ist erlaubt, die Faust aber nicht

Das IOC lockert erstmals das Verbot für Sportler, sich politisch zu äußern. Doch der ausgehandelte Kompromiss geht vielen nicht weit genug

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Spielerinnen aus Großbritannien und Chile setzen mit einem Kniefall ein Zeichen gegen Rassismus. Auch das Schiedsrichtergespann beteiligte sich am Mittwoch in Sapporo an der Aktion
Die Spielerinnen aus Großbritannien und Chile setzen mit einem Kniefall ein Zeichen gegen Rassismus. Auch das Schiedsrichtergespann beteiligte sich am Mittwoch in Sapporo an der Aktion

Was unterscheidet einen Kniefall vor dem Anpfiff eigentlich von einer erhobenen Faust bei der Siegerehrung? Diese Frage muss sich das Internationale Olympische Komitee bei den Spielen von Tokio stellen lassen. Denn auch wenn das IOC seine umstrittene Regel 50, in dem das Verbot jeglicher »politischer Demonstration« während der Spiele festgeschrieben ist, erst kürzlich etwas aufgeweicht hat, ist dadurch doch nur noch mehr Verwirrung entstanden als Klarheit oder gar ein großer Fortschritt.

Immerhin durften bei den ersten Fußballpartien am Mittwoch zwischen Großbritannien und Chile sowie USA und Schweden alle Spielerinnen vor dem Anpfiff im Protest gegen Rassismus straflos knien. Selbst die Schiedsrichterinnen machten mit, und das IOC fand’s sogar gut. Die deutsche Hockeyspielerin Nike Lorenz war hingegen kurz davor, auf das Tragen ihrer regenbogenfarbenen Kapitänsbinde zu verzichten. Schließlich musste Lorenz bis zum späten Donnerstagabend in Tokio warten, bis geklärt war, ob sie oder gar ihr ganzes Team dafür bestraft werden könnten, wenn sie wie Fußballer Manuel Neuer zuletzt bei der EM für die Rechte der LGBTQ-Community einstehen will.

Der Sport ist in den vergangenen Jahren eindeutig politischer geworden. Überall werden Zeichen gegen Rassismus, Homophobie oder Polizeigewalt gesetzt. Als im Sommer 2020 absehbar wurde, dass Athleten auch die olympische Bühne in Tokio dafür nutzen wollen - und dabei die breite Unterstützung der Weltöffentlichkeit hinter sich wissen -, begann das IOC-Spitze einen Dialog mit seiner Athletenkommission. Im April 2021 kam dann ein Kompromiss heraus, der manchem aktivistischen Sportler immer noch Bauchschmerzen bereitet.

Die Zeremonien sollen unpolitisch bleiben

Das IOC veröffentlichte damals eine Umfrage. Von den befragten Athleten aus 185 Ländern sprachen sich demnach 67 Prozent dafür aus, auf dem Siegerpodest weiterhin keine Proteste zuzulassen. Sogar 70 Prozent forderten, dass es keine politischen Gesten auf dem Spielfeld sowie bei offiziellen Zeremonien, also den Eröffnungs- und Abschlussfeiern geben sollte. In Interviews oder sozialen Netzwerken sollten politische Äußerungen nun aber auch während der zwei olympischen Wochen erlaubt sein. Die Spitze des IOC, ein Verein, dem Zeremonien und Rituale schon fast heilig sind, mochte das und stimmte zu. »Wir freuen uns sehr, dass die IOC-Exekutive unsere Vorschläge voll unterstützt«, sagte die Vorsitzende der Athletenkommission, Kirsty Coventry.

Der ehemaligen Schwimmerin aus Simbabwe wird jedoch schon lange eine zu große Nähe zur IOC-Führung nachgesagt. Und so war es nicht verwunderlich, dass auch hier schnell Kritik laut wurde. So besteht etwa für den Verein Athleten Deutschland weiter das »Kernproblem der pauschalen Einschränkung der Meinungsfreiheit«. Athleten sollten sich »jederzeit friedlich zu den Werten unserer freiheitlichen-demokratischen Gesellschaft bekennen können«, hieß es im April.

Sprintstar Noah Lyles hatte zuletzt bei den US-Trials wie einst seine Landsleute Tommie Smith und John Carlos bei den Spielen 1968 mit erhobener Faust ein Zeichen gegen Rassismus in den USA gesetzt und auch für Olympia eine ähnliche Aktion angekündigt, sollte er eine Medaille gewinnen. Wird das IOC ihn dann bestrafen? Fechter Max Hartung spricht sich eindeutig dagegen aus: »Wenn dem IOC politische Botschaften wie die Versöhnung von Nord- und Südkorea ins Programm passen, dann sollten Sportlerinnen und Sportler auch für die gemeinsamen Werte eintreten dürfen«, sagte der Präsident von Athleten Deutschland. »Sportler sollten dafür nicht bestraft werden.«

Angst vor Bestrafungen

Eventuell kommt in die Sache sogar noch Bewegung, schließlich wurde auch der Kniefall der Fußballerinnen erst kurz vor den Spielen doch noch erlaubt, obwohl sich zuvor ja angeblich eine Mehrheit der Athleten gegen Proteste auf dem Spielfeld ausgesprochen hatte. Die Lockerung gilt jedoch nur in den Wettkampfstätten und immer noch nicht für die Medaillenzeremonien. Zudem wurde den einzelnen Sportverbänden überlassen, ob sie die Proteste zulassen oder nicht. Der Fußballweltverband Fifa hatte dem Niederknien nun offenbar zugestimmt.

Derlei Klarheit hatte Nike Lorenz lange Zeit vergeblich gesucht. Die Kapitänin der deutschen Hockeyspielerinnen wollte als Botschafterin für Vielfalt samt Regenbogenbinde am Arm auflaufen. »Da ich aber einfach nicht weiß, was passiert, ist es für mich keine Option mehr«, sagte die Sportlerin noch am Dienstag dem Sportinformationsdienst. Weder Anfragen beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) noch beim Hockeyweltverband hätten Klarheit gebracht, welche Konsequenzen die Binde nach sich ziehen könnte. Am Donnerstag kam dann endlich die Erlösung: »Das IOC hat einem Antrag von DOSB und Deutschem Hockey-Bund zugestimmt, wonach Nike Lorenz bei den Spielen die Regenbogenfarbenbinde als Symbol für sexuelle Diversität tragen darf«, teilte der DHB mit. Lorenz wird damit schon am Sonntag zum Auftakt gegen Großbritannien auflaufen.

»Ich freue mich riesig, denn ich war nicht wirklich hoffnungsvoll, dass sich noch was bewegt«, reagierte Lorenz erleichtert. Nun würden alle Teamkolleginnen »offiziell ihren Platz« finden. Die Liebe würde immer siegen. Fragt sich nur noch eins: Sollte die deutsche Mannschaft am 6. August eine Medaille gewinnen, muss Lorenz die Binde dann auf dem Siegerpodest wieder abstreifen?

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