Chancengleichheit ist Sache der Hoffnung

Es ist unklar, ob Olympiastarter allesamt Dopingtests durchliefen

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 3 Min.
Chancengleichheit ist Sache der Hoffnung

Die Spitze der deutschen Antidoping-Agentur Nada lässt es sich normalerweise nicht nehmen, zu Olympischen Spielen zu reisen. Wer lernt nicht gern neue Orte kennen? Und Flagge zeigen sollten Dopingjäger ohnehin immer mal, selbst wenn sie bei den Spielen gar keine Sportler testen. Natürlich machte die Pandemie aber auch keinen Bogen um die Funktionäre der Nada, also lud Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann am Vortag der Eröffnungsfeier von Tokio doch nur digital zur üblichen Medienrunde - und saß dabei im kahlen Büroraum ihrer Bonner Zentrale. Immerhin aber hatte sie beeindruckende Zahlen zu verkünden. Und die besagen, dass trotz Corona zumindest in Deutschland mehr getestet wurde als je zuvor vor Olympischen Spielen.

»Die Nada hat ein umfangreiches Testprogramm auf einem gewohnt hohen Niveau durchgeführt. Nur Athleten, die mindestens sechs Monate vor dem Olympiastart in unserem Testpool waren, durften nach Tokio«, sagte Gotzmann am Donnerstag. »Die nun 438 Teilnehmer wurden 1420-mal kontrolliert, und dabei haben wir insgesamt 2274 Proben genommen. Das sind im Schnitt mehr als drei Kontrollen pro Athlet, bei manchen Risikosportarten waren es sogar sechs.« Jeder deutsche Athlet wurde mindestens einmal getestet und bis jetzt waren alle Proben negativ. Die letzten werden bis zum Wochenende in den Laboren in Köln und Kreischa analysiert.

Im Vergleich zu den Sommerspielen in Rio 2016, bei denen das deutsche Team um vier Prozent kleiner ausgefallen war, stiegen die Testzahlen deutlich an: Es wurde um 28 Prozent häufiger kontrolliert. Die Anzahl der entnommenen Proben wuchs sogar um 51 Prozent. »Es gab eine Vielzahl an Zusatzkontrollen auf Epo oder Wachstumshormone«, so Gotzmann. Nimmt man alle 1430 Athleten, die im Januar noch als potenzielle Olympiakandidaten galten, zählte sie sogar 4769 Proben. Ob wirklich alle sauber waren, kann im Nachhinein noch mal überprüft werden, denn die Urin- und Blutsamples können bis 2031 langzeitgelagert und nachanalysiert werden.

Ein Problem aber bleibt: Bis heute weiß die Nada nicht, ob weltweit so viel getestet wurde wie in Deutschland. »Die Chancengleichheit ist uns ein wichtiges Anliegen. Deswegen sind wir im Austausch mit den internationalen Kollegen. Zumindest in Europa, das kann ich sagen, sind alle Programme nach der Pandemie-Delle wieder voll angelaufen«, so Gotzmann.

Andernorts bestehen aber teilweise große Lücken. Das habe die Welt-Antidoping-Agentur Wada bestätigt. Genau diese Lücken soll die noch relativ junge International Testing Agency (ITA) füllen. Inwieweit ihr das gelungen ist, bleibt aber noch völlig intransparent. »Wir kennen die Zahlen der ITA noch nicht. Das werden wir also erst nach den Spielen analysieren können«, sagt Gotzmann. »Die allgemeine Chancengleichheit war aber auch schon vor der Pandemie immer eine Frage, bei der wir nur hoffen können.«

Die ITA ist ab jetzt in Tokio vor Ort für alle Kontrollen verantwortlich, die Nada kann also nur noch abwarten. Und die sauberen Sportler ebenso nur hoffen.

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