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Von Helsinki nach Hoffenheim

Der 1. FC Union und seine Anhänger feiern ein gelungenes Comeback im Europapokal

  • Von Matthias Koch, Helsinki
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Augen von Christopher Trimmel strahlten. Der Kapitän des 1. FC Union und seine Mitspieler hüpften am Donnerstagabend im Olympiastadion von Helsinki freudetrunken vor den rund 500 mitgereisten Berliner Anhängern auf und ab. Viele Fußballer des Bundesligisten warfen nach dem klaren 4:0-Erfolg beim finnischen Tabellenzweiten Kuopion PS ihre Trikots in den Gästeblock. »Es war anstrengend, auch wenn sich ein 4:0 eindeutig anhört. Es herrschte eine Superstimmung im Stadion. Danke an die Fans«, sagte Trimmel. »Es ist ein gutes Gefühl, auswärts Union-Gesänge und die anderen Anhänger zu hören. Es herrschte Stadionfeeling und das gab uns den Extraschub.«

Im Hinspiel der Playoffs zur Europa Conference League haben sich die Köpenicker eine unerwartet gute Ausgangsposition für das Erreichen der Gruppenphase geschaffen. Im Rückspiel am kommenden Donnerstagabend im Berliner Olympiastadion sollte eigentlich nichts mehr schief gehen. »Unsere Chancen aufs Weiterkommen stehen bei einem Prozent. Wenn wir ein Tor schießen sollten, werden es drei«, sagte Kuopions Trainer Simo Valakari mit einer Prise Galgenhumor.

Unions Coach Urs Fischer ist aber nicht der Typ dafür, verfrühte Glückwünsche anzunehmen, obwohl ein Ausscheiden fast nicht mehr möglich zu sein scheint. »Im Fußball kann vieles schnell schief gehen. Das hat man in der zweiten Hälfte ein bisschen gesehen, wenn man nicht mehr konsequent anläuft«, sagte der Schweizer. »Es ist ein tolles Resultat, es gibt aber noch ein Rückspiel. Erst wollen wir gut regenerieren. Und dann haben wir am Sonntag ja noch die Aufgabe in Hoffenheim vor der Brust.« Fischer zeigte sich mit dem Ergebnis und vor allem mit dem Auftritt in den ersten 45 Minuten sehr zufrieden. Schon nach einer guten halben Stunde führte Union vor insgesamt 6000 Besuchern durch einen Doppelpack von Taiwo Awoniyi und einen Treffer von Max Kruse mit 3:0. Trotz der schwächeren zweiten Hälfte setzte Union in der Nachspielzeit noch einen drauf: Andreas Voglsammer traf zum 4:0.

20 Jahre nach dem letzten internationalen Pflichtspiel im Uefa-Cup beim bulgarischen Vertreter Litex Lowetsch (0:2) konnte Union im dritten Versuch erstmals auswärts triumphieren. Anlässlich des Comebacks im Europapokal stand Fischer sogar im feinen Anzug an der Seitenlinie, während seine Assistenten die üblichen Trainingsanzüge überstreiften. Er tat dies keinesfalls, weil ihm Mannschaftsleiterin Susanne Kopplin den Zwirn herausgelegt hatte. »Es war ein spezielles Spiel. Bei internationalen Spielen hatte ich immer einen Anzug an. Wieso sollte ich das bei Union nicht mehr machen?«, fragte der Coach.

Für Fischer war es bereits der 43. internationale Vergleich als Trainer. So mancher mitgereiste Unioner erlebte dagegen sein Debüt im Europapokal. Obwohl die Uefa wegen der Pandemie für sämtliche Qualifikationsspiele, also auch die Playoff-Runden, Gästefans untersagt hatte, wurde Finnlands Hauptstadt zum rot-weißen Wallfahrtsort. Möglich machte dies der freie Ticketverkauf von Kuopion im Internet. Auch die Sicherheitskräfte vor Ort spielten mit.

Per Flugzeug und mit dem Auto waren die Berliner Anhänger angereist. Per Fanmarsch ging es aus der Innenstadt in Richtung Olympiastadion. Auch ein Finne, der den Tross mit einem Hertha-Schal in der Hand provozieren wollte, sorgte nur kurz für Aufregung. Im Stadion wurde gesungen - und reichlich Pyrotechnik gezündet. Falls diesbezüglich Sanktionen durch die Uefa anstehen, sollte der 1. FC Union die Kosten übernehmen. Sonst müsste Kuopion, dessen für internationale Spiele zu kleines Stadion fünf Busstunden von Helsinki entfernt liegt, seine Gastfreundschaft teuer bezahlen.

Sportlich machte Union in Finnland vielleicht einen weiteren Schritt nach vorn. Sowohl in der Vorbereitung als auch in den bisherigen Pflichtspielen im DFB-Pokal bei Drittligist Türkgücü München (1:0) und in der Bundesliga daheim gegen Bayer Leverkusen (1:1) gab es noch keine Niederlage. In den nächsten Monaten wird sich aber zeigen, wie Union mit der Dreifachbelastung klarkommt. Die TSG Hoffenheim, bei der Union am Sonntag um 15.30 Uhr spielt, schaffte dies in der vergangenen Saison beispielsweise nur bedingt. In der Bundesliga sprang am Ende nur der elfte Rang heraus.

Union muss sich angesichts der zwölf externen Neuverpflichtungen aber mannschaftlich noch besser finden. In Helsinki standen mit Rückkehrer Awoniyi, Levin Öztunali, Rani Khedira, Genki Haraguchi, Timo Baumgartl und Tymoteusz Puchacz immerhin sechs von ihnen in der Startelf. Für den polnischen Nationalverteidiger Puchacz war es allerdings das erste Pflichtspiel für die Eisernen. »Er hat lange trainieren und auf die Chance warten müssen und hat das phasenweise gut gemacht. Man hat aber auch gesehen, dass ihm ein bisschen die Bindung zur Mannschaft fehlt«, meinte Fischer. Der Konkurrenzkampf ist groß. Offensivmann Pawel Wszolek, der vom polnischen Meister Legia Warschau kam, schaffte es nicht mal in den 20-Mann-Kader.

Dort wird Robert Andrich gar nicht mehr auftauchen. Er wechselte Anfang der Woche zu Bayer Leverkusen. Für den Sechser gibt es aktuell keinen gleichwertigen Ersatz, auch weil Grischa Prömel seit Monaten verletzt ist. Gut möglich, dass Union auf dieser Position nochmal nachlegen muss.

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