Werbung

In der Zeitmaschine durch Lemberg

Natalka Sniadanko zeichnet ein Jahrhundertbild der multiperspektivischen Ukraine

  • Lesedauer: 11 Min.

Die Habsburger haben jetzt auch ihren Elvis: Erzherzog Wilhelm lebt! Neben Kaiserin Sisi und Kronprinz Rudolf fügt der aristokratische Outlaw sich ausgezeichnet in die Reihe seiner erlesen exzentrischen Verwandtschaft: Erzherzog Wilhelm leidet unter Spinnen- und Nadelphobie, liebt seidene Schlafröcke, Tätowierungen und Männer. Leidenschaftlich engagiert er sich für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer*innen - dann versaut ihm die Oktoberrevolution seine Pläne, König der Ukraine zu werden. Es folgen Jahre im Untergrund, als Spion, der sich von seiner reichen Verwandtschaft ein ausschweifendes Leben im verruchten Paris finanzieren lässt. Kurz: Wilhelm war stets politisch ambitioniert, wusste aber immer, wie man das Leben so richtig genießt. Auch das Leben seiner Enkelin Halyna ist von Umbrüchen geprägt: In ihrer Jugend ist die Unabhängigkeit der Ukraine schon zum Greifen nah, vor ihr liegt eine freie, aber auch ungewisse Zukunft. Um Halyna herum verdrängt das Neue langsam das Alte, gleichzeitig entdeckt die Lembergerin in den Anekdoten ihres Großvaters etwas, das vor 100 Jahren schon einmal da war: eine gemeinsame Geschichte, ein gemeinsames Europa. Als Halynas Sohn zur Welt kommt, beginnt ein neues, belastendes Kapitel. Denn anders als beim Lebemann Wilhelm ist Halynas Dasein nun geprägt von dieser einen Erwartung an sie: die perfekte Mutter zu sein. Wie findet sie, als Frau und als Ukrainerin einer neuen Generation, ihren eigenen Weg?

Halyna kam am 18. August 1969, eine Stunde vor Mitternacht zur Welt. Am gleichen Tag, genauer gesagt, in der gleichen Nacht, einundzwanzig Jahre davor war im Krankentrakt eines Kiewer Gefängnisses der Totenschein ihres Großvaters ausgestellt worden - ukrainischer Oberst, Truppenführer bei den Sitsch-Schützen, in Paris zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, in Wien der österreichischen Staatsbürgerschaft entledigt, nach jungen Matrosen und reizenden Damen schmachtender Besucher Pariser Bordelle, Spion des englischen und französischen Geheimdienstes, Sympathisant der Organisation Ukrainischer Nationalisten: Erzherzog Wilhelm von Habsburg-Lothringen. Für Halyna war er Großvater Wilhelm, manchmal auch Wiljus. Wiljus wurde er in seiner Kindheit genannt und dann wieder im hohen Alter.

Wilhelm, der jüngste Sohn Karl Stephans von Habsburg-Lothringen, wurde am 10. Februar 1895 geboren, ein halbes Jahr bevor Sigmund Freud seinen berühmten Traum von Irmas Injektion hatte. Dieser veranlasste Freud zu der Schlussfolgerung, dass jeder Traum einen Wunsch erfüllt. Löste seine Theorie zu Beginn einen Skandal in der wissenschaftlichen Welt aus und weckte Misstrauen, machte sie Freud später zu einem weltberühmten Wissenschaftler.

»Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, fällt mir zuerst das Meer ein. Das viele Wasser. Es faszinierte mich«, schrieb Wilhelm in seiner Autobiografie, deren Sprache Halyna nur teilweise verstand, so viele verstümmelte deutsche und polnische Worte benutzte er. Zum Beispiel begriff sie nicht sofort, dass der Großvater mit »Marynarka« nicht Sakko, sondern Meeresflotte meinte, dass »Reparazija« Operation hieß, »Belfer« Lehrer und dass der Großvater zu Uhren »Dsygar« sagte. Die Uhr des Großvaters zeigte immer um eine Stunde weniger an als Halynas Uhr. Wilhelm und Großmutter Sofia hatten die von der sowjetischen Macht eingeführte Zeit nie übernommen. Und wenn sie mit jemandem ein Treffen vereinbarten, fragten sie immer nach, ob es sich um »Moskauer Zeit« handle.

Ebenso plötzlich und spontan, wie der Großvater fast alles in seinem Leben entschied, beschloss er, seine Memoiren zu schreiben. Eines Winters hatte Halyna Windpocken und konnte wochenlang nicht zur Schule gehen. Wilhelm saß an ihrem Bett, bepinselte die roten Pusteln sorgfältig mit einer Tinktur und erzählte Geschichten aus seinem Leben, um die Enkeltochter vom Juckreiz, den sie am ganzen Körper verspürte, abzulenken.

»Großvater, du erzählst mir Märchen, das kann alles nicht wahr sein«, nörgelte Halyna. »Du erzählst mir einen Abenteuerroman, den du gelesen hast.«

Damals beschloss Wilhelm, dass seine Biografie ein Abenteuerroman sei, den er selbst zu Papier bringen würde.

Die feierlichen Vorbereitungen zum Schreiben seiner Memoiren dauerten fast einen Monat. Lange richtete Wilhelm sein Arbeitszimmer ein. Früher war es das Büro von Großmutter Sofias Vater gewesen, in das er sich nach der Arbeit zurückzog. Dort stand ein mit grünem Filz überzogener Tisch mit zahlreichen Schubladen, deren Schlüssel fast alle noch vorhanden waren.

Am folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück erklärte er: »Heute will ich nicht gestört werden. Ich werde schreiben.« Stolz ordnete er seinen Schlafrock und verschwand im Arbeitszimmer. Er hatte Großmutters alte Schreibmaschine ins Zimmer geschleppt und bemühte sich, nun schnelles Tippen zu lernen. Zuerst hörte man aus dem Arbeitszimmer ein paar Minuten lang das Klappern der Tasten, daraufhin ein lautes Rumpeln - vielleicht mit dem Stuhl -, dann rief Wilhelm auf Deutsch: »Verdammt noch mal!«

»Woher ist Ihr Flugzeug gekommen? Aus Deutschland?«, fragte der Taxifahrer Halyna auf dem Weg vom Wiener Flughafen zum Hotel.

»Nein, aus der Ukraine«, antwortete sie.

»Aus der Ukraine?« Der Taxilenker blühte auf. »Ich bin auch nicht von hier. Ich bin in Salzburg geboren, in der Stadt Mozarts. Kennen Sie die Stadt?«

»Ja«, sagte Halyna.

»Hier meine Visitenkarte, rufen Sie mich an! Ich bringe Sie überallhin, und das zu einem guten Preis. Und ich kann Ihnen das beste Restaurant der Stadt zeigen. Wollen Sie?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, fügte er hinzu: »Dort kocht jeden Monat ein anderer Koch. Alle sind weltberühmte Starköche, die besten und bekanntesten. Jeden Monat ein anderer, und jeder unübertrefflich. Man muss ein paar Wochen im Voraus einen Tisch reservieren, und ein Mittagessen kostet um die fünfhundert Euro. Immer wenn ich es mir leisten kann, gehe ich dorthin. Denn Essen ist das Wichtigste.«

»Das stimmt«, pflichtete Halyna ihm bei.

Der Taxifahrer sprach sehr schnell und sie verstand nicht alles. Er schien ihre Gedanken zu lesen:

»Na klar, wenn Sie aus der Ukraine sind, verstehen Sie mich sicher nicht so gut. Die Deutschen und wir sprechen eine ähnliche Sprache, aber ich könnte nie in Deutschland leben, dort haben sie einfach keine Esskultur. Aber die Ukraine ist da ganz anders. Die Ukrainer haben eine sehr hohe Esskultur. Ich habe einen Patensohn, seine Familie ist aus der Ukraine nach Österreich gezogen. Ich war zweimal in Kiew. Die Esskultur dort ist hervorragend. Fast wie bei den Jugoslawen. Waren Sie in Kroatien?«

»Ja.«

»Dort legen sie auch viel Wert auf die Esskultur. Und von uns ist es gar nicht weit dorthin. Ein paar Stunden mit dem Auto, und schon ist man am Meer. Ich mache keinen Unterschied zwischen Serben und Kroaten, ich nenn sie alle Jugos. Meine jugoslawischen Freunde nehmen mir das schon lange nicht mehr übel. Und alle kochen sehr gut. Waren Sie schon mal in Deutschland?«

»Ja.«

»In Deutschland könnte ich nicht leben, dort gibt es kein frisches Essen mehr. In den Geschäften nichts als Konserven. Die Deutschen essen nur so etwas. Ich habe eine Freundin aus Deutschland. Wenn sie zu mir kommt und sieht, dass ich beim Kochen frische Lebensmittel verwende und nicht nur Konserven aufwärme, wundert sie sich. Aber essen tut sie dann für zwei. Ist nur selbst zu faul zum Kochen. In Deutschland kann man nicht einmal im Restaurant gut essen. Waren Sie dort schon einmal in einem Restaurant?«

»Ja.«

»Dann wissen Sie, was ich meine. Es ist schrecklich! Einmal habe ich dort ein Wiener Schnitzel mit Pommes bestellt. Und was glauben Sie? Ich habe ein Schnitzel bekommen, so dick wie mein Finger, vom Schwein und noch dazu wie ein Pariser herausgebacken. Wo gibt es so was? Ein Wiener Schnitzel muss hauchdünn und vom Kalb sein. Und niemand zieht es durch ein Mehl-Ei-Gemisch. Es muss paniert werden.

Und nur in Butter gebraten, die lecker vom fertigen Schnitzel auf die Erdäpfel tropft, niemals in Öl. Und die Pommes? Stellen Sie sich vor, die haben Sauce über die Pommes gegossen. Ekelhaft - in Sauce aufgeweichte Pommes! Ich habe die Kellnerin gerufen und gefragt:

‚Was ist das?‘ Sie darauf: ‚Ein Wiener Schnitzel.‘ ‚Wenn das ein Wiener Schnitzel ist, wieso ist es dann nicht so zubereitet wie in Wien?‘, frage ich. ‚Wenn Sie dieses Gericht so nennen, müssen Sie es auch dementsprechend zubereiten.‘ Darauf sie: ‚Sind Sie Österreicher?‘ ‚Ja‘, sage ich. Sie lacht und meint: ‚Dann sind Sie ein Trockenesser.‘ So nennen uns die Deutschen, weil wir nicht jedes Essen mit einer schrecklichen Sauce verderben. Wir sind überhaupt keine Trockenesser. Wir essen so, wie es sich gehört, und nicht wie die Deutschen, die kein Fünkchen von Esskultur haben. Ihr Ukrainer seid da ganz anders. Ich kann mich noch gut an euren Borschtsch und eure Warenikyerinnern. Kennen Sie Borschtsch und Wareniky?«

Halyna nickte.

»Ein anderes Mal wollte ich in Deutschland eine Wurstsemmel kaufen. Ich bestelle also ‚eine Semmel mit Extrawurst‘. Die dumme Deutsche steht da und schaut mich an, als wüsste sie nicht, was eine Extrawurstsemmel ist. Ich zeige also auf die Vitrine. Sie sagt: ‚Das ist ein Brötchen.‘ Was für ein Brötchen soll das sein, wenn es eine Semmel ist! Dann zeige ich auf die Extrawurst. Und sie: ‚Das ist Mortadella.‘

Was für eine Mortadella soll das sein, wenn es Extrawurst ist?! Dann schneidet sie mir eine Scheibe Wurst ab und Sie werden es nicht glauben - fast zwei Zentimeter dick! Wenn man sie so schneidet, dann ist es wirklich keine Extrawurst mehr. Ich habe damals jedenfalls keine normale Extrawurstsemmel bekommen. Nicht ums Verrecken könnte ich in diesem Deutschland leben.«

Halyna seufzte erleichtert, als sie das Schild ihres Hotels erblickte.

Anfang der Neunziger begriff nicht nur Hryz, dass man Handel mit dem Ausland treiben musste. Die erste Fuhre Nylonstrumpfhosen brachte er selbst nach Polen. Nicht, weil man damit viel verdienen konnte, sondern weil er alle Details verinnerlichen und den Prozess später richtig organisieren wollte. Was die Arbeit betraf, war Hryz pedantisch, er handelte nie überstürzt, bedachte stets alles sorgfältig und erledigte wirklich wichtige Bestellungen immer selbst. Nach den Strumpfhosen exportierte Hryz elektronische Waagen, weil er im Gespräch mit einem Mitreisenden zufällig erfahren hatte, dass die Nachfrage danach in Polen wahnsinnig groß war.

Hryz mochte die starken Gefühle, die jede Grenzüberquerung mit Schmuggelware bei ihm hervorrief. Insgeheim beobachtete er seine »Kollegen« und stellte stolz fest, dass er deutlich bessere Nerven hatte als viele andere. Manche taten ihm leid: schweißüberströmt, zitternde Hände, rotes Gesicht, die Augen geweitet - und das noch vor der Personenkontrolle. Hryz blieb immer ruhig, er transportierte seine Ware nicht in den üblichen karierten Taschen, sondern in einem großen Wanderrucksack. Den Grenzbeamten zeigte er eine eigenhändig ausgestellte Einladung seiner polnischen Speläologie-Kollegen zu einem internationalen Symposium, diese erschraken entweder vor dem merkwürdigen Wort oder fielen auf Hryz’ freundliches Lächeln sowie seinen ehrlichen Blick herein und kontrollierten den Inhalt seines Rucksacks kein einziges Mal.

Einmal wettete Hryz bei einem Besäufnis mit seinen Freunden, dass er Kokain über die Grenze schmuggeln könnte. Das war am Vorabend des polnischen Weihnachtsfestes. An dem nächtlichen Grenzübergang, der zu Fuß passiert werden musste, warteten viele Leute, erschöpfte Schmuggler mit ihren riesigen karierten Taschen und nicht weniger erschöpfte, griesgrämige Grenzbeamte.

»Guten Abend!«, grüßte Hryz den mürrischen Mann, der einen groben Eisendraht in der Hand und einen gebogenen Holster am Gürtel hatte, mit einem freundlichen Lächeln. Der Mann blickte ihn misstrauisch an.

»Wohin fahren Sie?«, fragte er.

»Nach Warschau«, log Hryz, denn der Autobus, mit dem er gekommen war, fuhr tatsächlich nach Warschau.

»Ziel der Reise?«

»Eine Byzantinistik-Konferenz.« Hryz wandte seine erprobte Lieblingsmethode an (benutzte er Worte, die der Grenzbeamte nicht verstand, war dieser verwirrt und abgelenkt).

»Sprechen Sie gut Byzantinisch?«, fragte dieser bereits mit mehr Respekt.

»Natürlich«, antwortete Hryz ausweichend. »Wollen Sie die Einladung sehen?«

Die Einladungen verfasste die Sekretärin des Lehrstuhls für Polonistik in makelloser Schönschrift für ihn. Im Gegenzug brachte Hryz ihr von jeder Fahrt ein paar polnische Kosmetikprodukte mit, die man in der Ukraine kaum bekam. Hryz wusste genau, dass die Sekretärin sich die Konferenzen nicht ausdachte, sie fanden tatsächlich zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort statt. Allerdings stand Hryz’ Name nicht auf der Teilnehmerliste. Doch so weit ging die Überprüfung der Grenzbeamten nicht. »Nein, die Einladung brauche ich nicht. Zeigen Sie Ihre Tasche!«

Hryz hob seine lederne Reisetasche, eine gefälschte Burberry, mit einer nachlässigen Bewegung auf den Tisch, der die Aufschrift »genaue Kontrolle« trug. Die halbleere Reisetasche stach zwischen den großen blau-rot-weiß karierten, mit verschiedenen Waren vollgestopften Taschen heraus. »Aufmachen?«, fragte Hryz mit einem skeptischen Blick auf den Draht in der Hand des Zollbeamten. Der Zollbeamte überlegte. Im selben Moment gelang es der Frau vor Hryz nach einigen vergeblichen Versuchen, den Zippverschluss ihrer Tasche zu öffnen, und der Zollbeamte wandte sich ihr zu, offensichtlich noch immer unschlüssig, ob Hryz seine Tasche öffnen sollte. Die ziemlich schmutzige Tasche der Frau war bis obenhin mit geschälten Walnüssen gefüllt. Der Zollbeamte durchstach die oberste Nussschicht mit seinem Draht an einer Stelle. Dann an einer anderen. »Gut, machen Sie zu«, befahl er der Frau, die daraufhin mit zitternden, schmutzigen Fingern die Nüsse glatt strich und wieder an dem kaputten Zippverschluss herumfingerte.

»Und was soll ich mit Ihnen machen?«, sagte der Zollbeamte zu Hryz. »Alle bringen jetzt Nüsse über die Grenze, und wir schauen mit dem Draht, ob nicht vielleicht Zigaretten dazwischen sind. Aber um Ihre Tasche ist es schade. Die war sicher teuer.«

Natalka Sniadanko
Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde
Aus dem Russischen von Maria Weissenböck
Haymon Verlag
424 S., geb., 25,90 €

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
0
Beiträge gelesen

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und kaufe eine virtuelle Ausgabe des »nd«

0
Beiträge auf nd-aktuell gelesen

Hilf mit, die Seiten zu füllen!

Zahlungsmethode