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Da war ich eigentlich noch nie

Mitropa, russische Hinterhöfe, Baguette und acht Pinguine - Anleitungen zum gepflegten Reisen

  • Von Mario Pschera
  • Lesedauer: 7 Min.

Wenn einer keine Reise tut …

… dann kann er nichts erzählen, wäre die logische Negation des bekannten Sprichwortes. Nein, ich rede nicht schlecht über die Lokführergewerkschaft, denn die kämpft für den verwehrten Inflationsausgleich, während der Bahnvorstand sich bei einem Grundgehalt von 650 000 Euro für Huber und Pofalla und 900 000 Euro für Lutz einen Zehnprozentaufschlag gönnt. Ausbaden müssen das die Bahnkunden an diesem Wochenende, da die hoch bezahlten Chargen sich mit funktionierenden Notfallplänen nicht so gut auskennen. Nichtfunktionierende Notfallpläne haben auch die rechtzeitige Pandemieeindämmung zum Organisationsdesaster werden lassen. Und damit fiel ein Großteil der geplanten Urlaubs- und sonstigen Reisen ins Wasser. Keine schöne Situation für die Reisebranche und die Reisewilligen, dennoch sollte sie für einen Moment des Innehaltens und Nachdenkens genutzt werden.

Ist die insbesondere in Westeuropa populäre Art des Reisens zeitgemäß, was lässt sich davon erzählen? Gewöhnungsbedürftige Musik, komaorientierter Getränkegenuss, exzessive Hautstrapaze auf einer per Flugzeug heimgesuchten Inselgruppe - kann man das nicht kostengünstiger, unaufwendiger und genauso spaßhaberisch in der ambitionierten Eckkneipe, in der Erlebnisbadhalle oder meinetwegen auf dem Karneval mit Heizpilzen bekommen? Bleibt nach dem obligatorischen Filmriss noch etwas Erzählenswertes im Gedächtnis? Welchen Erzählwert hat die Schlacht um das Frühstücksbüffet mit tausend und mehr Beteiligten auf einem der beliebten Kreuzfahrtschiffe? Wieviel sieht man, sagen wir mal, beim Anlegen in Dubrovnik von der pittoresken Altstadt und ihren Bewohnern? Und wie viel bleibt von Dubrovnik nach dem Abzug der eintausend Landgänger binnen drei Stunden übrig? Und was nimmt man selbst davon mit außer einer Tasse oder einem T-Shirt mit der Aufschrift »Ich war hier«?

Wenn Reisen einen Erzählwert haben, Erinnerungen schaffen, Wissen vermitteln soll, bedarf es der Muße, des genauen Schauens, des Aufsichwirkenlassens. Es hilft, etwas von der Geschichte eines Ortes zu wissen, um zu wissen, was man sieht. Dafür gibt es - Sie ahnen es schon - das eine oder andere nützliche Buch. Schauen Sie mal rein.

»Da war ich eigentlich noch nie...«

Eine Karriere als Reisender beginnt in der Regel mit kindlicher Lektüre von Romanen und Berichten von fernen Ländern. Um ins Staunen zu geraten, muss man allerdings gar nicht so weit fahren. »Da war ich eigentlich noch nie. Die Wunderkammer des Reisens in Deutschland«, von Thomas Böhm, herausgegeben von Thomas Böhm, ist eine Geschichte des deutschen Tourismus und Verkehrs, Berichten, Land- und Leute-Schau und Kuriositätenkabinett in einem, opulent und vorzüglich illustriert. Wenn Sie wollen (und Sie werden wollen), erfahren Sie alles über Gepäcklisten für Fußreisende (1843) Verhalten im Zugabteil (1889), Hinweise für den Familienausflug (1900) und für Besuche in der DDR (1976), die Kunst des Verirrens, Englisch für Kellner (1924), Mitropa-Reisen und die beliebtesten Kleinstädte als Instagram-Motiv. Sie können dieses Buch in einem Schwung oder über den Urlaub verteilt lesen, allein oder in Gesellschaft; und wenn ein Dia-Abend angedroht wird: fürchten Sie sich nicht, sondern lesen Sie etwas daraus vor. Dann kann nichts mehr schiefgehen.

»Happy in Berlin...«

Entgegen landläufiger Behauptung war Berlin nicht immer eine Reise wert. Die Engländer, als reisefreudig berüchtigt, waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher wenig begeistert, wenn sie, meist aus beruflichen Gründen, Berlin aufsuchen mussten. Das änderte sich erst, als Schriftstellerinnen und Schriftsteller der prüden viktorianischen Heimat entflohen und in der »Mir doch ejal«-Metropole die, auch sexuell, libertäre Atmosphäre genossen. »Happy in Berlin? Englische Autor*innen der 1920er und 30er Jahre« folgt ihren Spuren, rekonstruiert aus Briefen, Romanen und Notizen das spezifische Berlin-Gefühl, die nervöse Spannung der Zwischenkriegszeit. Christopher Isherwood wurde mit seinen Berlin-Romanen erst berühmt, dann mit der Verfilmung von »Leb wohl, Berlin« als »Cabaret« mit Liza Minelli weltberühmt. Andere, vor allem Schriftstellerinnen, wurden nicht so berühmt, lieferten allerdings scharfsinnige Beobachtungen und Analysen der Verhältnisse, in denen der Faschismus schon in der Luft lag, bitterste Armut neben verwegener Lebensfreude herrschte. Schmeichelhaft ist das Buch nicht, bietet aber gerade deshalb einen gelungenen Einblick in die Entstehung touristischer Mythen, Fremdzuschreibungen, und eine erfrischende Sicht auf deutsche Verhältnisse. Nicht zuletzt werden etliche Orte Berliner Geistes- und Kulturgeschichte sowie die heutige Szene der britischen Brexit-Flüchtlinge vorgestellt.

»Ein schreckliches Land«

Auf Keith Gessens Roman »Ein schreckliches Land« über einen russischstämmigen Amerikaner, der zur Jahrtausendwende zu seiner Großmutter nach Moskau zieht und sich in den Verhältnissen verheddert, sind bereits so viele Loblieder gesungen worden, dass es auf mein Lob schon gar nicht mehr ankommt. Wenn ich von meinen Russlandaufenthalten damals erzählte, erntete ich meist ungläubiges Staunen. Münchhausen lässt grüßen. Dabei gab es schon reihenweise sehenswerte russische Gegenwartsfilme, die das hätten bezeugen können. Nur kamen sie nicht ins deutsche Fernsehen, geschweige ins Kino. Ein Roman ist ein Roman, doch für mich ist dieser auch eine Zeitreise an lieb gewonnene Orte und eine Erinnerung an Freunde. Und solche Großmütter, wie von Gessen beschrieben, gibt es wirklich. Heldinnen des Alltags. Lesen Sie dieses Buch und sehen Sie Moskau mit ganz anderen Augen.

»Architekturführer St. Petersburg«

Nach einer durchgemachten Nacht mit Trockenfisch und einem Bier in aller Frühe am Ufer der Newa sitzen und den Möwen zuschauen, ist ein Moment, der unbezahlbar und nicht beim Reisebüro buchbar ist. »Pieter«, wie St. Petersburg von den Einheimischen genannt wird, ist immer eine Reise wert, wenn man sich außerhalb der Weißen Nächte-Saison nicht vor knallhartem Frost und Dauerregen ab Mitte August fürchtet. »Hüzün« heißt auf Türkisch dieses Istanbul-Gefühl, die süße Melancholie, die einen bei regendurchnässten Streifzügen durch endlose Torfahrten, Hinterhöfe, Quergassen befällt, in denen Schichtungen architektonischer Epochen, gediegene Handwerks- und abenteuerliche Improvisationskunst zu bestaunen sind, bevor man auf einen breiten Boulevard mit schicken Cafés und gut gefüllten Buchhandlungen stößt. Glanz und Elend liegen in dieser ersten russischen Planstadt dicht beieinander; und allein deshalb ist der »Architekturführer St. Petersburg« von Dom Publishers (Russischsprecher wissen Bescheid) für jeden Kunst- und Geschichtsinteressierten ein absolutes Muss. DOM-Verleger Philipp Meuser ist praktizierender Architekt mit journalistischer Erfahrung, Hochschullehrer, und hat seine Doktorarbeit über sowjetischen Wohnungsbau geschrieben. Auf Bau- und Planungsprojekte und Lehrtätigkeit in Russland und Zentralasien kann er verweisen, und zusammen mit seinem Team widmet er sich der sonst eher unterrepräsentierten Architektur außerhalb der westlichen Welt. Sie können also mit einem fachkundigen, detaillierten Rundgang rechnen, der gesellschaftliche und städtebauliche Zusammenhänge dokumentiert. Einen besseren werden Sie nicht finden.

»Architekturführer Kiew«

Empfehlenswert ist der »Architekturführer Kiew« aus demselben Verlag. Kiew, eine der ältesten Städte der slawischen Welt, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und widerspiegelt gleichsam architektonisch die vielsprachige kosmopolitische Ukraine, die das blanke Gegenteil des imaginierten grauen Ostens ist. Mögen andere nach New York oder Paris pilgern, Kiew sollte man einmal im Leben gesehen haben.

»Unter der Sonne von Saint-Tropez«

Paris kann man auslassen, wenn man La France kennenlernen will. Insbesondere das ländliche, sehr eigene. Benito Wogatzki, Kennern ein Begriff, erzählt in seiner letzten Novelle »Unter der Sonne von Saint-Tropez« vom provencalischen Dorfpolizisten Jérôme, der seines Postens enthoben werden soll und, lethargisch und begriffsstutzig wie er ist, plötzlich in einen Mahlstrom ruraler Leidenschaften gerät. Ein urkomisches Hohelied auf die abenteuerliche Provinz.

»im Handgemenge mit Piraten. Allerlei Seestücke«

Piratenliteratur gehört für Kopfreisende zur Grundausstattung, und obwohl von Thomas Wagner letzte Woche bereits im »nd« vorgestellt, muss »im Handgemenge mit Piraten. Allerlei Seestücke« an dieser Stelle noch einmal hervorgehoben werden. Denn die Seeräuberei, die staatliche wie private, prägte europäische wie außereuropäische Küstenlandschaften, natural, mental und architektonisch. In den Hafenstädten manifestierte sich die unauflösliche Verquickung von Überfall und Abwehr, Handel und Raubzug, die kargen jugoslawischen, griechischen und spanischen Karste künden vom Bau und Untergang unzähliger Flotten, und zu einer Bildungsreise gehört diese Ausgabe der »horen« ins Handgepäck. Und in die Songliste dieser Piratenklassiker des freigeistigen Akkordeonpoeten Yok Quetschenpaua: »Eight Penguins in perfect parade / got a lot of fun and a lot of hate / They fight for their lifes and against / Captain Iglo and his friends« Also Hände weg von Käpt’n Iglo-Futter (die Natur und Fische werden es Ihnen danken), und bleiben Sie reisefreudig!

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