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Der Weinberg dient auch als Bienenweide

Der Klimawandel stellt den ökologischen Weinbau in Wehr an der südlichen Mosel vor große neue Herausforderungen

  • Von Peter Steiniger
  • Lesedauer: 8 Min.
Stephan Steinmetz, Jahrgang 1970, wechselte einst aus Leidenschaft vom Gymnasium auf die Weinbauschule. Als Familienbetrieb betreibt er eines der wenigen noch selbstvermarktenden Weingüter an der südlichen Mosel und ließ sich auch vom Weinbau jenseits der Mosel inspirieren.
Stephan Steinmetz, Jahrgang 1970, wechselte einst aus Leidenschaft vom Gymnasium auf die Weinbauschule. Als Familienbetrieb betreibt er eines der wenigen noch selbstvermarktenden Weingüter an der südlichen Mosel und ließ sich auch vom Weinbau jenseits der Mosel inspirieren.

Man merkt Ihnen schnell an, dass Sie mit Leib und Seele Winzer sind. Ihr Vater Josef wollte gar nicht, dass Sie in seine Fußstapfen treten. Wieso kam es anders?

Mein Vater zählte zur Nachkriegsgeneration. Ihm blieb keine Wahl, er musste den Betrieb weiterführen. Es ging noch nach der alten Regel, dass der Erstgeborene den Winzerhof übernimmt, ob er will oder nicht. Und mein Vater hätte wohl lieber etwas anderes erlernt. Der Beruf war für ihn eine Last, er hat ihn dann dennoch sehr gut gemacht. Doch seinen Kindern wollte er nicht dasselbe zumuten. Aber als er gesehen hat, wie und mit welcher Freude ich an die Sache herangehe, hat er doch sein Okay gegeben und mich machen lassen.

Wegen Corona sollten die Leute ihren Wein allein trinken, war das öffentliche Leben limitiert. Wirkt sich das auf den Absatz des »kommunikativen Getränks« aus?

Das merkt man natürlich. Da die Gastronomie im Lockdown geschlossen war, konnten wir dort keine Umsätze machen. Dafür wurde aber zu Hause mehr Wein getrunken und entsprechend privat gekauft - im Onlineshop. Die Art des Verkaufs hat sich etwas dorthin verschoben. Das hat die Umsatzeinbußen gut kompensiert, insofern hat uns das kein Problem bereitet.

Die Obermosel ist stark von Landwirtschaft geprägt. Wie kam es auf Ihrem Hof zur Spezialisierung auf den Weinbau?

Nach dem, was wir zurückverfolgen konnten, sind wir die sechste Generation im Haus. Ursprünglich wurden Landwirtschaft und Weinbau nebeneinander betrieben, während der ersten drei Generationen wurde der Wein eigentlich nur im Fass verkauft. Nach dem Krieg begann dann mein Großvater Mathias damit, den Wein selbst auf Flasche zu füllen und zu vermarkten. Mein Vater hat das dann noch intensiviert. Trotzdem folgte er lange noch der Doktrin, möglichst viele ökonomische Standbeine zu haben, nicht nur auf eine Karte zu setzen. Bis Ende der 1980er Jahre wurden hier auch noch Ackerbau und Tiermast betrieben. In einem so kleinen Stil, dass es leider Gottes unrentabel war.

Die Obermosel ist Elbling-Region. Diese Weißweinsorte ist heute nicht mehr sehr verbreitet. Wieso ist hier deren Refugium?

Das geht auf die Römer zurück, die ihren Soldaten versprochen hatten, jeden Tag Wein zu erhalten. Wein ist einfach ein haltbares Getränk, das sich gut transportieren lässt. Aber vor 2000 Jahren scheiterten sie damit an den Alpen. Also haben sie hier vor Ort, in den Seitentälern, Wein angepflanzt, und das war damals die Elbling-Rebe. Dass sie sich auf diesem Flecken Deutschlands gehalten hat, hat einen Grund. Der letzte Kurfürst von Trier, Clemens Wenzeslaus, sorgte per Erlass 1787 dafür, an der Mosel »geringere« Rebsorten, die Massenträger, zu roden und durch noblere Rebsorten wie Riesling und Spätburgunder zu ersetzen. Von Trier moselabwärts ist der Elbling, bis auf wenige Hektar in den Cochemer Krampen, auch gerodet worden.

Warum hat die glasklare Anordnung an der südlichen Mosel nicht gegriffen?

Wir wurden bis 1858 burgundisch regiert. Dadurch hatte die Kirche hier nicht das Sagen. So blieb der Elbling stehen. Das ist aber nicht die einzige Besonderheit unserer Weinregion. Mit dem Auxerrois wird hier eine weitere sehr alte autochthone Rebsorte angebaut. Diese Rebe wurde im 17. Jahrhundert in der Region von Metz in Frankreich entdeckt und ist eine Schwester des Chardonnay. Sie gedeiht sehr gut auf den hiesigen Kalkböden. Lange Zeit durfte der Auxerrois nur hier an der südlichen Weinmosel und im Markgräflerland angebaut werden.

Neben Elbling und Auxerrois produzieren Sie sehr schöne Burgunderweine. Wie viel Arbeit steckt dahinter?

Wir bewirtschaften als Familienbetrieb eine Fläche von sechs Hektar. Darauf stehen etwa 30 000 Reben. Diese sechs Hektar bekommen wir gerade so gestemmt. 12- bis 15-mal im Jahr müssen wir an jeder Rebe Hand anlegen. Das beginnt mit dem Zurückschneiden der überschüssigen Triebe, geht über das Binden der Triebe und deren Ausbrechen, das Heften und Entblättern bis schließlich im Herbst zur Ernte der Trauben. Gerade die Sommer hatten es in den letzten Jahren in sich. Aufgrund der Trockenheit musste viel bewässert werden, besonders die frisch gepflanzten Jungfelder. Dieses Jahr hatten wir es mit einem feucht-warmen Juni zu tun. Das führte zu einem extrem schnellen Wachstum.

Von den extremen Niederschlägen Mitte Juli blieben Sie zum Glück verschont ...

Nein, die haben uns nicht getroffen. Und da wir im Moment etwas Luft haben, waren wir schon ein paarmal an der Ahr und haben dort in den Weinbergen bei zwei Betrieben bei der Beseitigung der Schäden mit angepackt.

Wie verändert der Klimawandel generell den Weinbau in der Region, wie passen Sie diesen daran an?

Wir müssen darauf reagieren und das teilweise recht spontan. Ein so nasses Jahr wie dieses, das gab es immer schon mal. Aber die Durchschnittstemperatur war früher wesentlich niedriger. Und je wärmer es ist, umso anfälliger sind Pflanzen, die im Weinberg, aber auch das Getreide und der Hopfen, für Pilzkrankheiten. Die lieben es, wenn es feucht ist und Wärme lieben sie noch mehr. Bei Temperaturen unter zehn Grad Celsius vermehren sich diese Pilze fast gar nicht. Aber schon bei etwas über elf Grad schnellt diese Kurve exponentiell nach oben. Und wir hatten in diesem Sommer nur wenige Nächte mit Temperaturen unter 15 Grad. Den Pilzkrankheiten zu begegnen, erfordert Fachwissen und macht viel Arbeit.

Welche Strategie verfolgt dabei das Weingut Stephan Steinmetz?

Im ökologischen Anbau haben wir leider nur die Möglichkeit, Kupfer und Schwefel zu spritzen. Kaliumphosphonat wäre eine gute Alternative, die aber von der EU verhindert wird. Dabei könnte man mit diesem Mittel in den nördlicheren, feuchteren Gebieten einen guten ökologischen Weinbau betreiben. Aber die südlichen Länder, die ihren Wein hierher verkaufen wollen, sperren sich. Die phosphorige Säure, die man mit einer schönen heißen Reaktion aus Phosphor und Kalilauge herstellt, dringt in die Pflanze ein und wirkt resistenzbildend gegen den Befall mit Pilzen. Es ist damit ein systemisches und extrem sicheres Mittel. Dagegen werden ökologische Bedenken vorgebracht, weil es vielleicht in der Traube nachweisbar ist. Definitiv messbar im Boden ist auf jeden Fall das Kupfer, das gespritzt werden muss. Und ich denke mit Blick auf die Zukunft, auf die Generationen, die nach uns kommen, dass wir die Böden bewahren müssen.

Wie schlecht ist der Zustand der Böden aufgrund unserer vielerorts intensiv betriebenen Landwirtschaft?

Wo sie nicht ökologisch betrieben wird, wo es nur nach dem reinen Mineraldünger-Denken geht, ist die Landwirtschaft, wie auch der Weinbau, auf einem völlig falschen Weg. Es ist viel zu wenig Leben in den Böden, nicht ausreichend Humus. Würde die Landwirtschaft anders arbeiten, wären diese 200 Liter Regen, die da an einem Tag pro Quadratmeter auf die Erde fielen, zwar nicht komplett kompensiert worden. Aber 70, 80 Liter pro Quadratmeter von einem guten, lebendigen Boden schon. Da bin ich mir sehr sicher. Und der Pegel der Ahr wäre gar nicht erst so hoch gestiegen.

Wie funktioniert guter Bodenschutz im Weinbau, wie halten Sie ihn am Leben?

Wir haben dort eine permanente Begrünung, wobei wir die Weinberge nicht mulchen. Sie werden nur abgewalzt, weil man so das Blühen der Pflanzen erhält, die dabei nur abgeknickt werden und trotzdem zur Samenreife kommen. Wir sorgen nur dafür, dass ihre Höhe nicht in die Traubenzone reicht. Dadurch haben wir viel lebendige grüne Masse im Weinberg. Leider mussten wir in diesem Jahr öfter mit Kupfer und Schwefel ran. Damit haben wir natürlich auch den Boden etwas mehr belastet, obwohl wir sehr leichte Maschinen benutzen. Um noch schonender arbeiten zu können, planen wir, vielleicht schon im nächsten Jahr ein autonomes Gerät mit Elektroantrieb einzusetzen. Im Frühjahr haben wir in jede zweite Zeile frisch eingesät, damit dort nicht Gräser wachsen, die zu viel Wasser entziehen und ein störendes Wurzelwerk haben, sondern Leguminosen, also Stickstoffsammler. Dazu Blühpflanzen von Klee über Malve, Dill, Koriander und Fenchel bis hin zu Sonnenblumen und Phacelia. Damit Bienen und andere Insekten dort eine Heimat haben. Damit brechen wir die Monokultur Weinberg ein Stück weit auf.

Wie behaupten Sie sich als Familienbetrieb gegen die Großen im Geschäft?

Wir machen eine gute Arbeit im Weinberg und passen im Keller auf, damit wir ein gutes Produkt in die Flasche bekommen. Auch wir kooperieren mit Fachhändlern und Importeuren, aber knapp die Hälfte unseres Weins geht hier deutschlandweit an Endverbraucher. Wein ist angesagt, und wir versuchen, sehr individuelle Weine zu machen, lassen sie so weit wie möglich durchgären. Wir arbeiten hier nicht mit so einer dienenden schmeichelnden Restsüße. Eine schöne knackige Säure soll zu schmecken sein. Wir wollen einen Wein, über den man miteinander ins Gespräch kommt und der so einen interessanten Abend verspricht.

Wie wird dieser Weinjahrgang abschneiden?

Das ist offen, wir haben die Trauben ja noch nicht im Keller. Dazu müssen im Herbst erst ein Dutzend Leute 14 Tage lang mit anpacken. Wir versuchen, alles mit der Hand zu ernten. Weinernte ist auch Geselligkeit. Eine Maschine, die rüttelt mit 200 PS die Trauben runter. Der ganze Weinberg zittert einmal und das ganze Getier rundherum auch. Das ist für mich ein bisschen zu emotionslos.

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