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»Die Taliban sind Polizei und Richter in einem«

Arman und seine Familie müssen sich in Afghanistan verstecken, weil er für die deutsche GIZ gearbeitet hat

  • Von Saskia Reis
  • Lesedauer: 7 Min.

Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie, Arman?
Wir sind hier in Afghanistan in Gefahr. Auf meinem Telefon sind wichtige E-Mail-Adressen. Ich habe Tausende Chatverläufe mit Ausländer*innen, zwei Kartons voller Beweisdokumente. Wir haben Angst. Man weiß gerade nicht, ob man seinem Nachbarn noch trauen kann. Die Menschen sind in einem Schockzustand. Ich fürchte mich vor meinem eigenen Schatten.

Für wen haben Sie gearbeitet?
2009 habe ich angefangen, für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ zu arbeiten, im Bereich erneuerbare Energien. Zu der Zeit gab es keine Infrastruktur, wir haben bei null angefangen im Energieministerium, wo wir unser Büro hatten. Uns war klar, dass Afghanistan unser Land ist und wir perspektivisch die Verantwortung übernehmen wollen. Sieben Jahre lang habe ich den Minister beraten, wenn es um den Bau von Kraftwerken ging oder ländliche Elektrifizierung.

Wie erlebten Sie den Tag, als Kabul fiel?
Herat und Dschalalabad waren schon gefallen. Aber niemand konnte sich vorstellen, dass es den Taliban gelingen würde, die Hauptstadt einzunehmen. Ich war am 15. August in meinem Büro, als ich Schüsse hörte. Der Verkehr geriet außer Kontrolle, für den Fünfminutenfußweg zum Taxistand brauchte ich an dem Tag 55 Minuten. Als ich endlich zu Hause ankam, waren meine Frau und meine Töchter in großer Angst. Die Stromversorgung und das Telefonnetz waren unterbrochen. Am Abend erfuhren wir, dass der Präsident das Land verlassen hat und die Stadt nun in den Händen der Taliban liegt. Wir sind sofort untergetaucht. Was innerhalb von 24 Stunden in Kabul passiert ist, war schlimmer als unsere schlimmsten Albträume.

Die Taliban haben versprochen, ehemaligen Ortskräfte Amnestie zu gewähren. Glauben Sie ihnen?
Die Taliban sagen, sie wollen niemandem etwas tun. Doch Leute aus dem Norden, wo die Deutschen sehr aktiv waren, erzählen, dass die Taliban bei Kontrollen Leute aus dem Verkehr ziehen, deren Namen auf den Listen stehen, die mit Ausländer*innen gearbeitet haben. Was mit ihnen passiert, weiß niemand.

Woher haben die Taliban solche Listen?
Alles liegt jetzt in den Händen der Taliban, auch die Datenbanken. So wissen sie, wer mit den Deutschen gearbeitet hat. In Kabul gibt es nun vermehrt Hausdurchsuchungen. Da kommen plötzlich vier bis fünf Autos mit der Taliban-Flagge angefahren. Dann durchsuchen sie die Häuser. Dabei haben sie ihre Finger am Gewehr; wenn ihnen dein Gesicht nicht gefällt, erschießen sie dich. Sie sind Polizei und Richter in einem.

Gab es einen konkreten Fall, von dem Sie gehört haben?
Ja, vor zwei Wochen rief mich mein Cousin an. Er erzählte von einem Fall aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft: Die Taliban kamen und fragten den Hausherren nach seinem Sohn. Der Vater sagte, dass er nicht zu Hause sei. Sie haben ihn ohne Umschweife erschossen und nahmen die beiden Autos der Familie mit. Der Vater hatte für eine internationale Organisation gearbeitet, der Sohn fürs Militär. Sie hatten ein schönes Haus und 25 Jahre lang dort gelebt.

Wie geht es Ihrem Cousin?
Das war das letzte Mal, dass ich von ihm gehört habe. Nach diesem Anruf hatte ich keinen Kontakt mit ihm. Er ist verschwunden. Sein Handy ist ausgeschaltet.
Sie haben sich an die deutsche Botschaft in Kabul gewandt. Gab es eine Antwort?
Nein, nur eine automatisierte Antwort, dass es aktuell ein hohes Aufkommen gebe. Darüber bin ich sehr enttäuscht. Lediglich mein ehemaliger Manager bei der GIZ hat sich privat nach mir erkundigt.

Wie hätte sich das Dilemma Ihrer Meinung nach vermeiden lassen?
Man hätte den Leuten eine personalisierte E-Mail mit einem Code senden sollen, zusammen mit der persönlichen ID. Das Auswärtige Amt hätte die Daten vorher mit den deutschen Organisationen abgleichen können. Es hätte Sinn gemacht, ausreiseberechtigten Personen genau zu erklären, wann sie wohin kommen sollen, zum Beispiel zu Treffpunkten in der Nähe des Flughafens, wo ein Datenabgleich stattfindet und Fahrzeuge warten, die die Leute sicher und geordnet in den Flughafen bringen. Dazu Time-Slots für spezifische Personengruppen wie zum Beispiel diejenigen mit einem deutschen Pass, Visaträger*innen und die, die auf der Liste stehen. Stattdessen wurden die Leute angerufen oder bekamen Mails, dass sie zum Flughafen kommen sollen. Alles war völlig unkoordiniert. Man kann doch nicht allen Ernstes zulassen, dass diese Menschenmassen vor den Gates ihr Leben riskieren.

Gab es noch mehr Versäumnisse?
Man hätte ausschließlich afghanistankundige Soldat*innen in diesen schwierigen Einsatz entsenden sollen, die in der Lage sind, afghanische Zivilist*innen von Taliban zu unterscheiden. Nicht 20-Jährige, die die Lage vor Ort nicht einschätzen können.

Hätte man das alles vorher mit den Taliban besser verhandeln sollen?
Ja, und auch mit Nachbarländern wie Pakistan oder Usbekistan. Um einen sicheren Grenzübertritt zu gewähren, damit dort mit mehr Zeit die Visaanträge von Ausreiseberechtigten bearbeitet werden können. Das hätte sehr dabei geholfen, den Zeitdruck herauszunehmen und bei Bedarf die Einzelfälle eingehend zu prüfen. Mir ist auch wichtig zu sagen: Niemand will das Leben verlassen, das man sich Stück für Stück mühsam aufgebaut hat; hier ein Schrank, dort ein Tisch, ein Bett, ein Auto, ein geordneter Alltag. Niemand lässt sein Zuhause leichtfertig hinter sich. Aber wenn die Gefahr besteht, dass dir jemand vor den Augen deiner Kinder in den Kopf schießt, dann hast du keine andere Wahl.

Sind Sie dennoch zum Flughafen gefahren?
Nein, ich habe die Situation als zu gefährlich eingeschätzt. Ich habe befürchtet, dass ich es mit meinen Dokumenten und drei kleinen Kindern gar nicht bis zu den Toren schaffe – die alle umzingelt waren von den Taliban. Keinem von ihnen hätte ich mein Telefon, Laptop oder Material zeigen können. Die Gefahr wäre für uns alle viel zu groß gewesen.

Was, wenn Sie von deutscher Stelle eine Aufforderung bekommen hätten, zum Flughafen zu kommen – hätten Sie es dann gemacht?
Nein, selbst mit einer schriftlichen Bestätigung hätte ich niemals riskiert, meine sensiblen Papiere den Taliban vorzeigen zu müssen. Im Evakuierungszeitraum waren im Umkreis von 500 bis 600 Kilometern um den Flughafen Taliban-Checkpoints. Wenn sie meine Dokumente mit den deutschen Logos finden, bringen sie mich auf der Stelle um.

Wissen Sie von jemandem, der sich aufgemacht hat zum Flughafen?
Der Name einer meiner Kollegen stand auf der US-Liste. Vier Tage und Nächte war er ohne Wasser und Brot mit seinem Kleinkind und Neugeborenen am Flughafen. Es war das reinste Chaos. Alleinstehende mit den entsprechenden Dokumenten hatten vielleicht eine Chance, sich durch diese Menschenmassen zu kämpfen. Nicht aber Familien mit Kindern; auch mein Kollege ging wieder nach Hause. Danach ist er abgetaucht, ich habe seitdem nichts gehört.

Wie ist die Situation in ihrem Kolleg*innen- und Bekanntenkreis?
Grob überschlagen weiß ich von 80-90 Leuten, die sich gerade in Kabul verstecken. Sie alle haben für internationale Organisationen gearbeitet, und ihre Nachbarn wissen das. Alle diese Leute sind in Gefahr.

Was ist die Gefahr?
Den Taliban ist ein Menschenleben nichts wert. Wenn sie wollen, erschießen sie dich. Überall in der Stadt sind nun Checkpoints. Sie durchsuchen die Telefone. Wenn sie nur Musik finden, die ihnen nicht passt, zerstören sie das Handy und schlagen die Person zusammen. Außerdem verstärken sich die Gerüchte, dass die Taliban mit chinesischen Softwareentwicklern versuchen, die Kontrolle über das Internet und damit über die Kommunikation zu bekommen.

Wie ist die Situation in Kabul?
Ich habe gehört, dass der Verkehr sich öfter minutenweise staut. Die Taliban halten ein Auto an, und anstatt zu diskutieren, eröffnen sie das Feuer. Sie haben alles unter Kontrolle, auch die Polizeistationen. Afghanistan ist jetzt ein rechtsfreier Raum.

Wie erklären Sie den Kindern, was los ist?
Die Große leidet, aber versteht die Lage. Meine Fünfjährige weint, wenn Schüsse fallen. Sie will nach draußen in den Park. Ich habe ihr erklärt, dass ich auf der Arbeit einen Fehler gemacht habe und wir uns deswegen verstecken müssen. Wir haben uns ein Schlafmittel besorgt, mit dem wir uns schon zwei Mal helfen mussten, als sie nicht aufhörte zu schreien. Wir dürfen nicht entdeckt werden.

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