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  • »Kevin can f* himself«

Realität und Sitcom

Die Serie »Kevin can f* himself« kritisiert sexistische Ehemänner - durch ein Spiel mit den Genres

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.
Kevin (der Mann mit den erhobenen Händen) hat die Lacher auf seiner Seite – aber nur im Umkreis dieses Sofas.
Kevin (der Mann mit den erhobenen Händen) hat die Lacher auf seiner Seite – aber nur im Umkreis dieses Sofas.

Kaum ein Fernseh-Genre liefert für gewöhnlich so viele sexistische Plattitüden wie die gute alte Sitcom mit ihren eingespielten Lachern und Applaus vom Band. Egal ob in »Two and a half Men«, »Immer wieder Jim« oder »Last Man standing« - nicht selten räkeln sich in diesem Genre klugscheißernde Männer mit dem intellektuellen Vermögen Zwölfjähriger auf Fernsehsesseln, stopfen Junkfood in sich hinein, weisen ihre Ehefrauen zurecht und reißen einen sexistischen Kalauer nach dem anderen.

Aus dieser kulturellen Abraumhalde bedient sich die Serie »Kevin can f* himself«. Sie erzählt die Geschichte der 35-jährigen, seit zehn Jahren verheirateten Allison Devine McRoberts, großartig gespielt von Emmy-Preisträgerin Annie Murphy. Ihr Mann Kevin McRoberts (Eric Petersen) ist der Inbegriff des idiotischen Sitcom-Sexisten, der meistens mit Vater und Nachbarn auf dem Sofa rumhängt und über das richtige Grillen oder Sportbanalitäten fachsimpelt. Ist Allison mit ihm im Raum, läuft die Serie im klassischen Sitcom-Modus mit Lachern, den typisch flapsigen Dialogen und einem stets triumphierenden Trottel Kevin. Doch sobald Allison oder er mitsamt Entourage den Raum verlassen, wechselt der Erzählmodus zum Sozialdrama, das ebenso düster wie auch ironisch ist.

»Kevin can f* himself«, angesiedelt im Arbeiterklassemilieu einer Kleinstadt in Massachusetts, besticht vor allem wegen dieses wirklich gut gemachten Spielens mit unterschiedlichen Genreformaten. Durch Kameraführung, Beleuchtung, Geräuschkulisse und die Art der Dialoge wechselt die Geschichte immer wieder abrupt von einem Erzählmodus in den anderen. Der sexistische Alltag ist als Sitcom inszeniert, die kritische und mitunter auch feministische Reflexion wirkt eher wie ein zeitgemäßes Sozialdrama, das stellenweise - vor allem im Moment des Wechsels - recht finster daherkommt, dann aber auch wundervolle satirische Momente entwickelt.

Im Sitcom-Modus sitzen die witzereißenden Männer meistens auf dem Sofa, während die Frauen (Allison und ihre Nachbarin) immer stehen. Sie setzen sich nie und Allison ist meist mit Reproduktionsarbeit beschäftigt. Sonst arbeitet sie in einem Getränkeshop und hat die Schnauze voll - ebenso von ihrem Mann wie von ihrer Ehe. Als sie dann auch noch feststellt, dass Kevin das gemeinsame Konto geplündert und für irgendwelchen überflüssigen Blödsinn wie Sportdevotionalien ausgegeben hat, platzt ihr der Kragen. Sie beschließt kurzerhand, ihren Ehemann umzubringen - ohne zu wissen, wie sie das praktisch anstellen soll.

Valerie Armstrong, die Macherin der Serie, erklärte in einem Interview, dass Frauen regelmäßig zu Castings für witzige Rollen eingeladen werden und am Ende immer die Männer die handlungstragenden Charaktere spielen und die Witze reißen, während die Frauen danebenstehen. Genauso funktioniert der handwerklich gut inszenierte, aber manchmal auch sehr nervige Sitcom-Teil der Serie.

Im anderen Teil macht sich Allison auf den Weg, um sich in dem heruntergekommenen Viertel, in dem sie lebt, Drogen zu besorgen und um mit ihrer gut aussehenden ehemaligen High-School-Liebe Sam (Raymond Lee) anzubandeln, einem trockenen Alkoholiker, der ein Diner eröffnet hat, aber leider schon vergeben ist. Auf ihrer Suche nach Drogen - der Hintergedanke dabei ist es, Kevin damit um die Ecke zu bringen - begleitet sie die in der Nachbarschaft lebende Friseurin Patty (genial gespielt von Mary Hollis Inboden). Doch bald geraten sie dabei in eine polizeiliche Ermittlung. Schließlich funktioniert die Serie streng nach dem Motto: Wenn Schlimmes droht, dann passiert es auch.

So kurzweilig und spannend »Kevin can f* himself« von der Machart her stellenweise ist, hat die Serie durchaus ihre Längen. Wobei Hauptdarstellerin Annie Murphy immer wieder zu großer Form aufläuft, wenn sie emotional über ihren Ehemann abkotzt und dabei den Frust unzähliger Frauen in Worte packt, die lohnarbeiten, sich selbstverständlich um die Reproduktion kümmern, Sorge-Arbeit leisten, Empathie aufbringen und ihren jammernden und selbstgerechten »Jungs« zusehen, wie sie an Kleinigkeiten des Alltags verzweifeln. Gleichzeitig ist die achtteilige Serie eine scharfe Medienkritik, die den in der Kulturindustrie allgegenwärtigen platten Sexismus auf entlarvende Weise karikiert und dem eine eigene, anders erzählte Geschichte entgegensetzt.

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Allison verkörpert dabei keineswegs den Typus der taffen, selbstbewussten Frau, die in Filmen und Serien mittlerweile zum Standard gehört und manchmal auch Züge eines pseudofeministischen woke-washings trägt. Allison kämpft vielmehr darum, eine taffe Frau zu werden. Sie will sich nicht mehr mit ihrer Realität abfinden, die als albtraumhafte, bitterböse Sitcom inszeniert ist und der sie endlich und mit allen Mitteln entfliehen will.

»Kevin can f* himself« auf Amazon Prime.

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