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Wer hat uns verraten?

In Italien folgten auf die »roten Jahre« 1919/20 die »schwarzen« – und damit auf die verpasste Möglichkeit einer kommunistischen Revolution der Faschismus

  • Von Patrick Lempges
  • Lesedauer: 11 Min.
Mit Hammer und Sichel: Aufnahme aus den
Mit Hammer und Sichel: Aufnahme aus den "roten Jahren" Italiens

Dies ist eine kleine Geschichte darüber, wie die Sozialistische Partei Italiens 1920 kurz davor stand, eine sozialistischen Revolution anzuführen, aber durch Sturheit und Inkompetenz alles verspielte und zum Wind in den Segeln des Faschismus wurde. Zunächst zum Vorgeschehen: Eine wichtige Tendenz innerhalb der italienischen Linken war der große Einfluss des Anarchismus, namentlich von Michail Bakunin, der zwischen 1864 und 1876 in Italien persönlich agitierte. Der wissenschaftliche Sozialismus nach Karl Marx wurde in Italien spät rezipiert. Das »Kommunistische Manifest« erschien erst 1890 auf Italienisch, sieben Jahre nach Marxens Tod und 42 Jahre nach der Erstveröffentlichung. Wenige Jahre nach der Jahrhundertwende wurde der Syndikalismus von Georges Sorel in Italien populär: Seine Polemik gegen parlamentarische Kompromisse und seine Erhöhung und Mystifizierung der Gewalt konnte an die anarchistische Tradition Bakunins anknüpfen.

Die Partei und ihre Gräben

Am 14. August 1892 gründete sich die Arbeiterpartei Italiens, die sich 1895 in Sozialistische Partei Italiens (PSI) umbenannte. Der PSI war jedoch keine homogene Partei, selbst nach dem offiziellen Ausschluss der Anarchisten 1893, blieben anarchistische und syndikalistische Elemente bestehen. Der sich nun herauskristallisierende Graben verlief zwischen Reformist*innen und Revolutionär*innen, der am deutlichsten auf dem Parteitag in Rom 1900 zutage trat. Da sich beide Flügel nicht einigen konnten, gab sich die Partei einfach zwei Programme: Ein minimalistisch-reformistisches und ein maximalistisch-revolutionäres, nach denen die Reformisten sich als Minimalisten und die Revolutionäre als Maximalisten bezeichneten.

Auf dem XIII. Parteitag 1909 fand ein Antrag des damaligen Sekretärs des Bezirksverbands Forlì, Benito Mussolini, zum Ausschluss der Rechtsreformisten unter Leonida Bissolati eine Mehrheit. Der Grund war deren Unterstützung des italienischen Libyenkrieges. In der Folge wurde Mussolini durch seine prestigeträchtige Agitation neuer Mehrheitsführer der Maximalisten und Chefredakteur der Parteizeitung »Avanti«. Die Gruppe um Mussolini war stark von Sorel geprägt, unter ihm publizierten viele syndikalistische Autoren im »Avanti«.

Bei Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 stimmte der PSI als einzige sozialistische Partei Europas neben den russischen Bolschewisten nicht für den Krieg. Das vom Parteisekretär Lazzari geprägte Motto »Weder zustimmen, noch sabotieren« wurde beibehalten. Mussolini aber schwenkte Ende 1914 ins Lager der Interventionisten, mit der Argumentation, es sei einfacher, den Sozialismus aus den Trümmern des Krieges herbeizuführen. Dies führte zu seinem Parteiausschluss. Abgelöst wurde Mussolini als Chefredakteur des »Avanti« vom Maximalisten Giacinto Menotti Serrati.

Mussolini bewegte sich unterdessen in einer »protofaschistischen Ursuppe« bellizistischer Linker und sozialrevolutionärer Rechter unterschiedlichster Couleur und gründete 1915 den »Fasci d’Azione Rivoluzionaria«, die Bünde der Revolutionären Aktion. Diese Gruppe war jedoch nur eine von vielen protofaschistischen Gruppen der Zeit, unter ihnen auch Gabriele D’Annunzios »Arditi«, die im September 1919 kurzzeitig die Freie Stadt Fiume besetzten, das heutige kroatische Rijeka.

Die Geschehnisse der Oktoberrevolution 1917 in Russland hinterließen einen großen Eindruck bei der europäischen Linken, da nun bewiesen schien, dass eine sozialistische Revolution möglich sei. Die Maximalist*innen in Italien erlebten regen Zulauf, errangen ab 1918 eine überwältigende Mehrheit in der Partei und setzten ein radikales Programm durch. Ihr neuer Kopf und ab 1919 auch Vorsitzender des gesamten PSI wurde Nicola Bombacci, ein alter Freund Mussolinis aus Forlì.

Am Ende des Ersten Weltkrieges 1918 zählte Italien offiziell zur Seite der Sieger, jedoch war es mit schweren inneren Konflikten konfrontiert: Eine Großzahl zurückgekehrter Soldaten konnte nicht in die zivile Gesellschaft reintegriert werden. Trotz des relativ späten Kriegseintritts Italiens 1915 waren 650 000 Soldaten gestorben. Die Wirtschaftslage war desolat, drückende Kriegsschulden und eine Inflation verstärkten die inneren Probleme. Es herrschte ein gesellschaftlicher Tenor der Enttäuschung, angestachelt von Nationalisten mit der Argumentation, das Leid des Krieges werde nicht entsprechend durch Landgewinne kompensiert. Man sprach vom »vittoria mutilata«, dem zerstückelten Sieg.

Sozialisten in der Komintern

Im März 1919 trat der PSI dann als erste sozialistische Partei geschlossen der von Wladimir I. Lenin neu gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) bei. Da es trotz des Konsens zur Befürwortung des Ersten Weltkriegs letztlich zu keiner essenziellen Spaltung im PSI gekommen war - ausgenommen der Entfernung Mussolinis -, wurden so auch Reformisten Teil der Komintern. Dies führte allerdings zu Konflikten mit den Bolschewiki, die bis 1922 deren Ausschluss forderten.

Ebenfalls 1919 entstanden innerhalb des PSI zwei neue Strömungen: die Ordinovist*innen und die Abstensionist*innen. Erstere waren eine revolutionär-marxistische Gruppe um Antonio Gramsci und Palmiro Togliatti aus den Turiner Parteistrukturen. Ihr Name war angelehnt an ihre im Mai 1919 gegründete Zeitung »L’Ordine Nuovo«, die neue Ordnung. Sie standen für eine tatsächliche Planung der Revolution, sollte ein revolutionärer Moment kommen und man über eine kulturelle Hegemonie verfügen. Die Artikel Gramscis beschäftigten sich außerdem mit philosophisch-humanistischen Fragen: Wozu Kommunismus? Wie kann sich ein Individuum verwirklichen? Aber auch: Wie lässt sich der Bolschewismus an die europäische parlamentarische Tradition anpassen?

Die Ordinovist*innen hatten innerparteilich zwar kaum Gewicht, wurden jedoch auf dem II. Weltkongress der Komintern im Juli 1920 von Lenin persönlich gepriesen: »Wir müssen den italienischen Genossen einfach sagen, dass es die Mitglieder der ›Ordine Nuovo‹ sind, deren Tendenz der Tendenz der Kommunistischen Internationale entspricht, und nicht die jetzige Mehrheit der Führer der Sozialistischen Partei und ihrer Parlamentsfraktion.«

Die abstensionistische Strömung wiederum spaltete sich auf dem XVI. Parteitag des PSI im September 1919 von den Maximalist*innen ab. Sie lehnte die Beteiligung an den Wahlen 1919 ab und forderte stattdessen die sofortige Revolution in Italien. Vom politischen Programm her ist diese Fraktion allerdings eher mit dem Ultralinkismus mit anarchosyndikalistischen Einflüssen eines frühen Mussolini zu vergleichen als mit Lenins Bolschewismus. Die Glorifizierung der direkten Aktion und des Antiparlamentarismus spielten für sie eine große Rolle. So fordert ihr Anführer Amadeo Bordiga auf dem II. Komintern-Kongress: »Die alte demokratische Maske des Klassenkampfes muss zerrissen werden, damit die direkte revolutionäre Aktion eingeleitet werden kann.« Die abstensionistische Strömung wurde von Lenin stark kritisiert, der in ihnen weniger Kommunist*innen als Anarchist*innen sah.

Ein revolutionärer Moment, verspielt

Die Phase von 1919 bis 1920 ist in Italien als »biennio rosso«, die zwei roten Jahre, bekannt. Der PSI war nach den Parlamentswahlen vom 16. November 1919 stärkste Kraft im Parlament. Eine revolutionäre Stimmung ging um im Land, es kam zu unzähligen Protesten, Streiks und Fabrikbesetzungen. Im Januar 1920 riefen die Gruppe um Gramsci und der Parteivorsitzende Nicola Bombacci zur Errichtung von Sowjets auf. Letzterer propagierte gar eine Räteverfassung nach sowjetischem Vorbild, die aber auf große innerparteiliche Kritik stieß und abgelehnt wurde, woraufhin Bombacci vom Parteivorsitz zurücktrat.

Auf dem II. Kongress der Komintern im Juli 1920 wurden die Maximalist*innen abermals hart wegen der Reformismus-Frage kritisiert. Serrati versuchte mit einer reißerischen Rede die Wogen zu glätten: »Die werktätigen Massen können das Joch der Reichen und das Lohnsklaventum nicht anders vernichten als mit der Waffe in der Hand (…). Die Zeit ist nahe, da die internationale Rote Armee geschaffen werden wird!«

Keine zwei Monate nach dem II. Komintern-Kongress fand der »biennio rosso« mit den Fabrikbesetzungen in den Industriestädten Norditaliens im September 1920 seinen Höhepunkt. Antonio Gramsci agitierte vor Ort und versuchte über die oftmals syndikalistisch geprägten Arbeiterräte ein Gegenstück zu den bolschewistischen Sowjets zu schaffen, die als Keimzelle der Revolution und Umstrukturierung der Gesellschaft fungieren sollten. Gleichzeitig war die italienische Zentralregierung mit meuternden Soldaten und den protofaschistischen Arditi in Fiume beschäftigt. Der Zeitpunkt schien perfekt für eine Revolution ...

Jedoch blieb jegliche Unterstützung durch die PSI-Führung letztlich aus, trotz Hilfegesuchen Gramscis. Selbst die besonders radikalen Abstensionist*innen unter Bordiga blieben bezüglich der Räte auf Abstand: Diese seien nicht die richtige Art Sowjets, nämlich politische Sowjets, und außerdem durchsetzt von Syndikalist*innen. Bordigas Gruppe wartete offenbar darauf, dass sich die Realität an ihre Theorie anpasse. Und nach drei Wochen ebbten die Besetzungen ab - allerdings nicht wegen der Unmachbarkeit der Revolution, sondern bedingt durch drei gegenläufige Kräfte: die Vermittlungen der reformistischen Gewerkschaft »Confederazone Generale del Lavoro«, das Zurückschrecken der PSI-Parteiführung vor einem revolutionärem Umsturzversuch und das befriedende Zugeständnis der Bourgeoisie, die Arbeiter weiter an der Leitung der Fabrik zu beteiligen.

Dies ist der Drehmoment der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ausbleiben der Revolution verließ sich die italienische Bourgeoisie auf die aufkeimenden Faschisten Mussolinis, um der »roten Gefahr« entgegenzuwirken. Keine zwei Monate nach Serratis »Gewehr in die Hand«-Rede zeigte sich, dass die revolutionäre Rhetorik der Maximalist*innen nur dies war: Rhetorik eben.

Geburtsstunde des PCI

Innerhalb des PSI schlossen sich die drei Fraktionen des Abstensionismus, des Ordinovismus und des linken Maximalismus am 30. November 1920 zur Frazione Comunista (FC) zusammen. Als auf dem XVII. Parteitag in Livorno im Januar 1921 der Ausschluss der Reformist*innen ausblieb, spaltete sich der FC vom PSI ab. Damit wurde am 21. Januar 1921 in San Marco die Kommunistische Partei Italiens gegründet. Zu den Neuwahlen am 15. Mai 1921 errang der Partito Comunista Italiano (PCI) lediglich 16 Sitze, der PSI verlor hingegen 33 Mandate von gut 150.

Die Komintern war wegen des Versagens des PSI während der Fabrikbesetzungen außer sich. Auf dem III. Weltkongress im August 1921 wurde der Partei Inkompetenz und Feigheit vorgeworfen. Der kommunistische Journalist Karl Radek etwa polemisierte: »Der große Kampf der Arbeiterklasse versandete dank dem Umstand, dass die Italienische Sozialistische Partei angesichts dieses großen revolutionären Stromes nur einen Gedanken hatte: Möge Gott von mir diesen Kelch der Leitung einer Revolution abwenden.«

Die Hauptursache für das Scheitern der Revolution in Italien war die Diskrepanz zwischen Propaganda und Tat, besonders während der Fabrikbesetzungen im September 1920. Die maximalistischen Maulhelden spielten Revolutionäre und legten sich keine Rechenschaft darüber ab, was revolutionäre Propaganda ohne tatsächlichen Plan zur Revolution anrichten kann, so Serrati selbst in einem Brief an Jacques Mesnil im Januar 1921 über die Ursachen des faschistischen Terrors: »Leider hatten zwar alle von Revolution gesprochen, aber niemand hatte sie vorbereitet. Jetzt sind wir die Opfer jener revolutionären Wortschwärmerei, die in den vergangenen Monaten alle in beträchtlichem Maße getäuscht hat.«

Der Überlebenskampf der Linken

1921 begannen der »biennio nero«, die zwei schwarzen Jahre. Es kam es zu einer Verstärkung der faschistischen Gewalt und der Parteivorsitzende Serrati bemühte sich, die Einheit der italienischen Sozialisten wiederherzustellen. Doch dies sollte sich als Trauerspiel herausstellen. 1921 stimmte die maximalistische Mehrheit für eine Wiedervereinigung mit dem PCI, was von deren abstensionistischer Mehrheit jedoch abgelehnt wurde. Im Jahr 1922 riefen die Sozialist*innen unter existenzieller Bedrohung im Juli zum Generalstreik auf, der von faschistischen Milizen zerschlagen wurde und wirkungslos blieb.
Währenddessen lud der italienische König Vittorio Emmanuel II. das PSI-Mitglied Filippo Turati zu einer Audienz, um sich dessen Rat einzuholen. Als Ergebnis wurde Turati, die reformistische Galionsfigur, aus dem PSI ausgeschlossen, woraufhin die Reformist*innen um Turati den Partitio Socia- lista Unitario (PSU) gründeten. Am 26. Oktober 1922 starteten die Faschisten ihren Marsch auf Rom, und der König beauftragte, wohl über die Haltung der Armee und die Stärke der Faschisten fehlinformiert, Benito Mussolini mit der Regierungsbildung. Die Mehrheit des PCI unter den sektiererischen Abstensionist*innen weigerte sich – trotz des Ausscheidens der Reformist*innen und der neuen offiziellen Weisung der Komintern zur Schaffung einer Einheitsfront gegen den faschistischen Terror – weiterhin, sich mit dem PSI zu vereinigen.

Faschistische Säuberungen

1923 verhaftete die Polizei des nun faschisierten italienischen Staates sowohl Giacinto Serrati als auch Amadeo Bordiga. Innerhalb des PSI verlor Serratis maximalistische Strömung außerdem auf dem XX. Parteitag im April 1923 ihre Mehrheit an eine neue Gruppe unter Pietro Nenni, die gegen Wiederver- einigung mit dem PCI und die Bindung der Partei an die Weisungen der Komintern war. Im PCI konnte durch die Verhaftung Bordigas und mit Unterstützung der Komintern Antonio Gramsci 1924 die Führung übernehmen – doch viel zu spät.

Am 10. Juni 1924 ermordeten Faschisten in Rom den Generalsekretär des PSU, Giacomo Matteotti, woraufhin die Opposition aus Protest das Parlament verließ. Mussolini übernahm öffentlich und ohne Konsequen- zen die Verantwortung für den Mord, die Täter wurden nach zwei Monaten Haft begnadigt. Im Kontext der »Matteotti-Krise« baute Mussolini seine Herrschaft zum Totalitarismus aus und verbot alle oppositionellen Parteien. Im November 1926 wurde schließlich auch Antonio Gramsci verhaftet, der 1937 nach elf Jahren Haft an den Folgen seiner Gefangenschaft starb. Er verfasste in dieser Zeit sein Hauptwerk, die »Gefängnishefte«.

Gramscis alter PCI-Genosse Nicola Bombacci wiederum lief in den 30er Jahren zum Faschismus über – und war damit nur einer von vielen »Revolutionären«, auf deren politische Haltung sich das Versagen der Linken negativ auswirkte. Das Bakunin’sche und So- rel’sche Erbe der direkten Aktion in Italien trug seine Früchte: Was wirkt wie die direk- teste und somit revolutionärste Tat, wenn nicht der faschistische Terror? Victor Serges Dokumentation einer Unterhaltung mit Bombacci gibt einen erschütternden Einblick in die Situation nach dem »biennio rosso«. Auf Serges Frage, »wenn ihr doch wusstest, wie bedrohlich der Faschismus war und welche bedeutende Rolle Mussolini spielte, warum seid ihr ihn nicht zeitig los geworden?« habe Bombacci geantwortet: »Weil unsere aktivsten Militanten auf seine Seite gewechselt sind.«

Als Bombacci am Ende des Zweiten Weltkriegs am 28. April 1945 gemeinsam mit Mussolini von Partisanen getötet wurde, waren seine letzten Worte: »Lange lebe Mussolini! Lang lebe der Sozialismus!« Welch ein Zynismus.

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