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Oma war nicht bei der Antifa

Fremde Leute schauen mich an: Was können zwei Kisten voll mit Bildern und Dokumenten über die eigene Familie erzählen? Ein Bericht

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 7 Min.
Engelsgesicht mit Hakenkreuz: Foto von Oma Lene mit einem unbekannten Wehrmachtsunteroffizier
Engelsgesicht mit Hakenkreuz: Foto von Oma Lene mit einem unbekannten Wehrmachtsunteroffizier

»Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern«, sagt Ernst Bloch. Demnach hätten meine Eltern eine Menge zu überliefern gehabt. Geblieben sind zwei Kisten mit Bildern und Dokumenten: ihre Geschichte - damit auch meine. Und diese Geschichte braucht eine Erzählung.

Manche Fotos müssen um die 100 Jahre alt sein und älter. Fremde Leute schauen mich an. Menschen, mit denen ich wohl verwandt bin. Fotoalben gibt es nicht. In einem Kuvert liegt das Einschulungsfoto meiner Mutter. Ihr Gesicht erkenne ich natürlich, die strahlenden Augen. Vermutlich Spätsommer oder Herbst 1949. Aufgeregt sitzt die kleine Moni am ersten Unterrichtstag in der Klasse, in einem Raum, in dem sie eines Tages selbst unterrichten sollte. Daher auch die Pestalozzi-Medaille in Silber. Was sich in dem Kram auch findet, ist Mutters Parteibuch, zumindest die Seiten 2 bis 26. Von Januar 1971 bis Januar 1990 hat sie Beitrag gezahlt. Mama war also länger in der Partei als ich - und hat dennoch ein christliches Begräbnis bekommen. Sechs Jahre ist das jetzt her. Mein Vater war damals sehr ungehalten, weil der Pfarrer in seiner Rede den Alkohol angesprochen hatte. Aber was sollte der auch anderes sagen? Mama ist nun mal nicht an Lungenkrebs gestorben. An einer Stelle aber war dem Pastor die Poesie durchgegangen …

Philemon und Baucis

Der Pfarrer sagte, er habe meine Eltern im Sommer öfter gesehen, wie sie in der Wohnanlage draußen auf einer Bank saßen. Und weil der Mann im Talar meinte, sie wären glücklich gewesen (was sie an manchen Tagen bestimmt auch waren), verglich er die beiden mit Philemon und Baucis, dem berühmten Ehepaar aus der griechischen Mythologie, das an seinem Lebensabend glücklich und zufrieden auf der Bank vor dem Haus sitzt. Als der Pfarrer das sagte, konnte ich nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. Philemon und Baucis: Vielleicht waren die gar nicht glücklich. Vielleicht hatten die nur Glück? Was meine Eltern betrifft, waren die ganz sicher nicht die Ärmsten im Dorf. In ihre Wohnung haben die niemanden reingelassen, schon gar keinen Zeus und keinen Hermes. Am Ende durfte nicht einmal ich die Bude betreten. Mein Vater fing mich am Bahnhof ab, um mit mir in die Gaststätte zu gehen. Er sagte, Mutter wäre erkältet und wolle mich nicht anstecken.

Und was war daran jetzt so komisch? Weil Philemon und Baucis als einzige im Ort den verkleideten Göttern mit Gastfreundschaft begegnet sind, so schreibt es Ovid in seinen »Metamorphosen«, durften oder mussten sie von einem sicheren Hügel aus der Vernichtung ihres Heimatdorfes beiwohnen, wobei Göttervater Zeus das Haus der beiden als einziges stehen ließ. In seiner Trauerrede wird der Pfarrer daran nicht gedacht haben. Hoffentlich.

Lieber weniger, aber besser

Wenn ich heute nach Fredersdorf komme - einer dieser Datschenvororte von Berlin, die nach der Wende ihre Einwohnerzahl mehr als verdoppelt haben -, habe ich dort nur noch die Gräber meiner Mutter und meiner Großeltern. Ich kenne das Haus, in dem mein Urgroßvater sein Friseurgeschäft hatte. Das war lange vor meiner Zeit. Am Ende der Straße stand früher die Wappeneiche, die nach der Wende dem Straßenbau weichen musste. Dort steht auch das Mehrfamilienhaus, in dem Opa Alfred und Oma Lotte gelebt haben und wo meine richtige Oma im Mai 1945 in den Tod gesprungen ist. Warum und weshalb wurde nie erzählt, jedenfalls nicht mir. Ich kann mir nur denken, was damals passiert ist. Miriam Gebhardt, Geschichtsprofessorin in Konstanz, spricht von 900 000 Vergewaltigungsopfern in Deutschland bei Kriegsende. Eines davon wird Anna Franziska Müller gewesen sein, Mutter von drei Kindern und meine Großmutter. Ihre Familie hat in Fredersdorf in mindestens drei Jahrhunderten gelebt. Meine Brüder und ich, wir sind die letzten in der Reihe. Mit uns hört die Geschichte auf.

Und mein Vater? Der war »nur« ein Zugezogener. Nach und nach schleicht er sich aus meinem Leben. Seit zwei Monaten wohnt er im Pflegeheim. Es war an der Zeit. »Glücklich ist, wer vergisst« gilt für die Operette, aber nicht fürs Altwerden. Das war keine Wohnung mehr, das war eine Nahtoderfahrung, und zwar keine schöne. Doch die vielen Papiere und Bilder geben Zeugnis davon, dass es einmal eine Zeit gab, in der für ihn alles in Ordnung war. Seine Diplomarbeit, eingereicht im Dezember 1979, trägt den Titel »Bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen - fester Bestandteil der sozialistischen Intensivierung und der Kontrolltätigkeit der Mitglieder der ABI sowie der Arbeiterkontrolleure des FDGB«. Genosse Krampitz, der in den 1970ern an der Gewerkschaftshochschule Bernau einen Fernstudiengang absolvierte, beginnt die Einleitung mit einem Lenin-Zitat: »Lieber weniger, aber besser.« Mit anderen Worten: Lieber weniger Kontrolle, dafür aber richtig. Die Diktatur des Proletariats und der sozialistische Aufbau seien undenkbar ohne Volkskontrolle. Wer hat eigentlich die Kontrolleure kontrolliert? So viel ich weiß, hat mein Vater in seiner Berufswahl auch mal bei der Staatssicherheit angefragt. Nur haben die grundsätzlich niemanden eingestellt, der sich selbst beworben hat.

Unter Dutzenden von Zetteln findet sich eine kleine Kostbarkeit: ein alter Paketschein mit dem Absender »Edeltraut Kowalewski, Lepsiusweg 34 in 4300 Essen 1, Deutschland« - Vaters verstorbene Tante, deren Existenz er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeiter- und Bauerninspektion immer bestritten hat. In der Schule sollte ich sagen, dass wir keine Westverwandten haben. Nur haben die nicht existierenden Westverwandten uns jedes Weihnachten ein Paket geschickt, das dann an Vaters Schwiegermutter ging, aber für meine Brüder und mich bestimmt war. Will heißen: Mir leider unbekannte Menschen, vielleicht war es auch nur Edeltraut Kowalewski, haben Jahr für Jahr, ohne je von mir einen Dank bekommen zu haben, dafür gesorgt, dass ich Heiligabend genug Schokolade, Lebkuchen und Kaugummis hatte. Wer lässt sich denn verleugnen und schickt dennoch jahrelang Geschenkpakete? Ich denke, dass meine Mutter der Tante geschrieben haben wird. Mein Vater hat erzählt, dass er irgendwann zum Parteisekretär zitiert wurde, der ihn fragte, was das für Westpakete wären, die wir da immer bekämen. Als Parteiarbeiter sei ihm jeglicher Westkontakt verboten, das wisse er doch? Nun, an das Verbot hatte sich mein Vater gehalten. Die Natur belohnt die Angepassten.

Wurst klauen mit Stalin

Im Vorlass meines Vaters entdecke ich ein frühes Porträtfoto der Mutter meines Vaters, Oma Lene. Ein Engelsgesicht hatte sie. Nur die Flügel fehlen. Stattdessen trägt Helene Krampitz ein Hakenkreuz am Ärmel. Eigentlich ist es ein Doppelporträt: Die junge Frau lehnt sich an einen Wehrmachtsunteroffizier, den ich nicht zuordnen kann (mein Vater ist unehelich geboren); beide schauen in dieselbe Richtung. Offensichtlich war Oma Lene beim Reichsarbeitsdienst. Ein befreundeter Historiker sagte mir, dass sich bei solchen Fotos immer die Frage stellt, ob diese Uniformen mit Stolz getragen wurden. In jener Zeit zogen die Menschen immer ihr bestes Kleid, ihren besten Anzug an, wenn sie einen Fotografen engagiert hatten. Jetzt ist es die stolz getragene Naziuniform. - Sagen wir’s mal so: Oma Lene war nicht bei der Antifa.

Was habe ich die Frau geliebt! Fragte man, wie’s ihr geht, blaffte sie einen an: »Besser wie ’ne olle Sau. Ich muss nicht ferkeln.« In den ersten Nachkriegsjahren hat sie in Eberswalde-Finow in der Russenkaserne gearbeitet, als Köchin. Die Not war groß. Als alleinerziehende Mutter hat Helene in der Armeeküche immer wieder Lebensmittel gestohlen, die sie, weil zum Feierabend ihre Tasche kontrolliert wurde, direkt im Offizierskasino versteckt haben soll. Während im Hof der Zählappell stattfand, kletterte Helene Krampitz auf einen Stuhl und schob Wurst und Käse hinters Stalin-Bild, das an der Wand hing und mit einem Faden leicht angekippt war. Wenn das Kasino dann am Abend schloss und »Lenutschka« dem Chefkoch ihre Tasche vorgezeigt hatte, ging sie zu Stalin und nahm alles mit. Genial! Unsere Oma soll sogar Sonnenblumenöl geklaut haben, das sie in Kondome abgefüllt hatte. Doch das perfekte Verbrechen gibt es nicht. Eines Tages wurde Helene, noch mit der Küchenschürze bekleidet, von zwei Soldaten zum Regimentskommandeur eskortiert, der sich bitter beklagte, wie sehr sie ihn enttäuscht habe. Nicht nur, dass Lenutschka die ruhmreiche Sowjetarmee bestohlen habe, nein schlimmer! Sie habe den großen Josef Wissarionowitsch zu ihrem Komplizen gemacht! Nota bene: Die deutsche Köchin wurde nicht gefeuert.

Die große Arbeitslosigkeit gab es in meiner Familie erst nach 1990. Eine Zeit, die wir alle gerne vergessen würden. Mein Vater hat sie vergessen, glaube ich. Demenz bedeutet, dass der Mensch große Teile seiner Wirklichkeit verliert, denn zur Wirklichkeit gehört unsere Erinnerung. Und wenn diese verschwindet, verschwindet der Mensch. Zurück bleibt eine Körpermaschine, die erst schlecht funktioniert und irgendwann gar nicht mehr.

Philemon und Baucis durften sich zum Abschied von Zeus etwas wünschen, so erzählt es Ovid. Und ihre einzige Bitte war, dass sie eines Tages in derselben Stunde sterben werden, so dass keiner der beiden das Grab des anderen sehen muss. Eben diese Gnade, gemeinsam mit meiner Mutter sterben zu dürfen, war meinem Vater nicht vergönnt.

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