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  • BallHaus Ost: Rumänien

Wildschweinjagd in Bukarest

In Rumäniens Hauptstadt versprühen Fußballstadien noch feinsten Zonencharme

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Unser Kolumnist mischte sich unter die Fans von Dinamo Bukarest.
Unser Kolumnist mischte sich unter die Fans von Dinamo Bukarest.

Zuletzt hatte ich 1981 die berauschende Stadt in der Walachei besucht. Damals gab es in Bukarests Läden nur Brot und Zwiebeln, Benzin war rationiert, Busse und Bahnen fuhren nur vielleicht: Den Menschen blieben die eigenen Beine, Eselskarren oder Trampen. Ceausescu herrschte aus seinem 80-Zimmerpalast über das Land und predigte einen sehr speziellen Kommunismus. Ich hatte meine Fußballschuhe im Sommer an den Nagel gehängt, weil mir meine schrecklich alten Ü20-Mitspieler den Fußballspaß bei Empor Weimar gründlich verdorben hatten. Dementsprechend verfolgte ich 1981 das rumänische Fußballgeschehen nicht, das ostdeutsche genauso wenig.

Anno 2021 sieht das anders aus. Ich liebe alle osteuropäischen Chaosbrüder, ein Rumänienbesuch war einfach mal dran, und als neulich die Spieler von Dinamo Bukarest mit räudigen Straßenkötern (anstelle der Einlaufkinder) aufliefen, verlor ich mein Herz an den rumänischen Fußball.

Eine Gruppe neugieriger Großstadtcowboys ging das Abenteuer Bukarest am vergangenen Wochenende an. Ganz oben auf unserer Liste stand Dinamo, einst der Klub der rumänischen Sicherheitsorgane. Als wir die Treppen zum ehrwürdigen Stadionul-Dinamo erklommen, wehte uns der kalte Wind des Stalinismus um die Ohren: Cowboy T. begab sich unbedarft in eine Gruppe sportlich orientierter Bösewichter und wurde prompt einer peinlichen Befragung unterzogen. Danach hielten wir uns etwas bedeckt.

Das Dinamostadion versprüht feinsten Zonencharme. Aparte Gitterchen hier, chillige Bullen da, in der Mitte ein superschräges VIP-Gebäude. Wir irrten mit unseren Tickets umher, bis uns ein netter Knüppelträger bei einer Gruppe smarter Schreihälse ablud. Dinamo ist gerade ein wenig insolvent, die blutjungen Draufgänger auf dem Rasen treffen kaum den Ball, man dümpelt auf dem vorletzten Tabellenplatz. Es ging gegen UT Arad, deren 100 Fans gewiss einen Tag vorher angereist waren. Das Straßennetz birgt gewisse Tücken, über die Automobilisten werfen wir dezent den Mantel des Schweigens.

Dinamo hatte zwei Ultragruppen am Start, die in gegenüberliegenden Kurven die Laute schlugen und gut lärmten. Jede Gruppe schien ein eigenes Süppchen zu kochen, warum, wissen nur die Wölfe im Logo des FC Dinamo Bukarest, die unser Hamburger Tierexperte C. eindeutig als Wildschweine identifizierte. Auch wusste C. zu berichten, dass Rumänien ein Land ohne Verbote sei, oder waren es Gebote?

Fußball wurde auch gespielt, vier Tore fielen und mehrfach erfreuten uns die Kicker beim 2:2 mit exquisiten Stolpereinlagen. Voll des Lobes gerieten wir in die Fänge eines Uber-Chauffeurs, der uns in Wildsau-Manier das Fürchten des Bukarester Straßenverkehrs lehrte. Nur unter extremen Anstrengungen blieben seine Polster unbeschmutzt.
Zurück an der frischen Luft boten uns Bukarester Kabelkünstler (freiliegende Elektroinstallationen in schwindelerregender Höhe) beschauliche Ansichten. Im Hotel missionierte der Nachtportier: Der einzig gute Klub sei Steaua Bukarest. Im Gegensatz zu Dinamo (einst von Ceausescus Schergen geführt) war Steaua der Klub der Volksarmee, die doch über alle Zweifel erhaben sei. Auch dürfe man keinem Klub mit Wildschwein im Wappen trauen, Wildschweine seien Allesfresser – im Gegensatz zu Steaua-Wölfen.

Sonnenschein erwärmte am nächsten Tag alles, außer vielleicht das Herz des Nachtportiers, dem es nicht gelungen war, uns auf die Seite der ruhmreichen rumänischen Armee zu ziehen. Vermutlich lag es an der Aura des Dinamostadions, die uns zurückreisen ließ an die heilige Luke der Ostschulspeisung, wo alles so herrlich gleich schmeckte, egal, ob lauwarme tote Oma mit Spirelli oder Puddingsuppe.

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